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Johannes Teyssen : Mit Herz und Seele Eon-Mensch

  • -Aktualisiert am

Machtwechsel bei Eon: Wulf Bernotat (r.) geht, Johannes Teyssen kommt Bild: dpa

Eon vollzieht den Stabwechsel: Auf Wulf Bernotat folgt Johannes Teyssen. Der ist stolz auf das Unternehmen und leidet, wenn es kritisiert wird. Eigentlich benötigt er gar nicht jene berühmten hundert Tage. Teyssen hat sich lange genug warmgelaufen.

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          Es geht gleich mit Vollgas los: Am Montag reist Johannes Teyssen zum E-Mobilitätsgipfel mit der Kanzlerin. Und am Donnerstag hat er dann seinen ersten großen Auftritt vor den Aktionären. Nicht mehr Wulf Bernotat, der an diesem Freitag in den Ruhestand wechselt, wird dann Rechenschaft über das Geschäftsjahr 2009 ablegen, sondern sein bisheriger Stellvertreter.

          Der alte und der neue Eon-Chef haben zumindest auf den ersten Blick durchaus Gemeinsamkeiten. Beide stammen aus Niedersachsen, beide sind promovierte Juristen, beide sind Söhne eines Richters. Während Bernotat jedoch reichlich internationale Erfahrungen beim britisch-niederländischen Ölmulti Shell sammelte und als Quereinsteiger seinen Aufstieg im Eon-Konzern fortsetzte, durchlief Teyssen die klassische Kaminkarriere bei diversen Konzerngesellschaften des Versorgers und dessen Vorgängergesellschaft Veba. Mit seiner Bestellung zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden wurde schon im August 2008 auch nach außen klar, dass Teyssen der Kronprinz ist.

          Er ist mit Herz und Seele ein Eon-Mensch. Einer, der unglaublich stolz auf das Unternehmen ist und leidet, wenn es kritisiert wird. Wenn er solche Sätze von sich gibt und dabei immer wieder lauthals lacht, dann klingt das authentisch und sympathisch. Er findet die Branche mit ihren vielfältigen Themen spannend und hat sie deshalb nie verlassen. Der gewaltige globale Energiehunger und die damit verbundene Umweltproblematik sind für ihn die zentralen Zukunftsthemen. Die Blauäugigkeit, mit der heute Prognosen abgegeben werden, wie die Energieversorgung 2050 oder 2100 aussehen wird, bedrückt ihn.

          In der Energiewirtschaft gibt es regelmäßig unerwartete und tiefgreifende Wenden. So sei vor fünf Jahren eine ähnliche Reichweite von Erdgas und Erdöl allgemeiner Kenntnisstand gewesen. Dass die Gasvorräte erheblich größer sind - wie man heute weiß -, dürfte nach Teyssens Ansicht die Verbrauchsstrukturen in Nordamerika und China erheblich verändern. Der deutsche Wohlstand resultiere aus dem Ideenreichtum der Ingenieure. "Wenn sich aber unsere Techniker beim Umbau der Energieversorgung auf einen Weg konzentrieren, der sich später als Sackgasse erweist, dann wird Deutschland ein Problem haben, weniger mit der Energieversorgung als durch den Abbruch der Exporterfolge", glaubt der Energiefachmann. Im Sommer will der neue Chef von Deutschlands größtem Energieversorger seine Vorstellungen von der strategischen Weiterentwicklung des Konzerns präsentieren.

          Längst an den Schalthebeln der Macht

          Eigentlich benötigt er gar nicht jene berühmten hundert Tage. Er hat sich lange genug warmgelaufen. Als sogenannter Chief Operating Officer trägt er seit geraumer Zeit die Verantwortung für das operative Tagesgeschäft, Teyssen sitzt längst an den Schalthebeln der Macht. Seit Jahren ist die Arbeitsteilung an der Eon-Spitze klar erkennbar: Bernotat gab den Außen- und Teyssen den Innenminister. Dem Neuen an der Eon-Spitze ist klar, dass er von den operativen Aufgaben nun einiges abgeben und dafür mehr die politische Klaviatur spielen muss. Er glaubt, ganz gut mit den Volksvertretern zu können. Deshalb hat er sich vorgenommen, viel stärker den direkten Dialog zu suchen.

          Der scheidende Vorstandschef Bernotat, der nicht in den Aufsichtsrat wechseln wird, hätte eine zweite zweijährige Vertragsverlängerung kaum abgelehnt. Aber der Aufsichtsrat entschied sich schon im vergangenen Frühjahr für den nun anstehenden Stabwechsel. Dabei dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass es im Augenblick die größeren Baustellen am Heimatmarkt gibt. Als exzellenter Kenner der Branche hat der 50 Jahre alte Teyssen, der mit seiner hohen Stirn und dem meist etwas strubbeligen grauweißen Haar eher älter wirkt, das tiefste Fachwissen.

          Ein radikaler Strategiewechsel ist unter ihm zunächst aber wohl nicht zu erwarten. Teyssen will dem durch viele Zukäufe sehr komplex gewordenen Konzern ein schärferes Profil geben. Herausforderungen gibt es für den Neuen genug. Er muss Antworten darauf geben, wie der Konzern mit den großen Energiethemen der Zukunft umgehen wird und wohin die Investitionen fließen. Die Stichworte lauten Energieeffizienz, kohlendioxidarme Erzeugung, Elektromobilität oder intelligente Netze.

          Bisher mit Bodenhaftung

          Hausintern gilt es, an Baustellen wie der Tochtergesellschaft Ruhrgas oder der hohen Verschuldung zu arbeiten. Auch zum Thema Vielfalt ist einiges von ihm zu erwarten. "Einfach unerträglich" findet er es nämlich, wie speziell in der Energiebranche mit dem Thema Frauenförderung umgegangen wird.

          Teyssen ("den Doktor können Sie streichen") hat bisher Bodenhaftung bewahrt. Er ist ein auch in seinem Äußeren unprätentiös daherkommendes Arbeitstier, dem Humor und Selbstkritik nicht fremd sind. Wer in die Küche geht, muss die Hitze abkönnen, aber er ist nicht automatisch ein Starkoch, so sein Credo. Zu den privaten Leidenschaften des vierfachen Vaters zählen vor allem Fußball und die Clubs FC Bayern und SC Freiburg.

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