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Jörg Kachelmann : Wetterfrösche für die Philippinen

  • -Aktualisiert am

Wird zum Global Player: Jörg Kachelmann Bild: dpa

Jörg Kachelmann ist zurück. Zwar nicht im Fernsehen und schon gar nicht mehr in der ARD. Aber dafür im Wettergeschäft.

          3 Min.

          Seit gut einem Monat ist Wettermoderator Jörg Kachelmann rechtskräftig freigesprochen vom Vorwurf der Vergewaltigung. Auf Anfragen, ob er nun wieder gut im Geschäft sei, reagiert der Mann verschnupft. „Wieso wieder?“ Seine Firma Meteomedia arbeitete stets weiter. Zum Jahreswechsel endet aber der lukrative Auftrag der ARD für die Produktion und Moderation von Wetteransagen. „Doch was viele Leute nicht wissen“, betonte der Moderator nun im Radio, „ist, dass das Fuchteln vor der Wetterkarte bei mir etwa fünf Prozent meiner Aufgaben bei Meteomedia entsprach.“

          Gewiss, auch der rechtskräftige Freispruch könne seinen Ruf nicht ganz wiederherstellen. „Man kann nicht mehr dort weitermachen, wo man vorher aufhören musste.“ Doch aus wirtschaftlicher Sicht seien fünf Prozent weniger Arbeit zwar bedauerlich, „bringen aber weder mich noch die Firma um“. In der Tat liefert Meteomedia weiterhin Wetterdaten fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen. Nur vor der Kamera steht Kachelmann nicht mehr. Seine Co-Moderatoren Claudia Kleinert und Sven Plöger haben beim neuen Anbieter angeheuert. So musste Meteomedia auch das eigene Produktionsstudio auf einer Bergspitze im schweizerischen Gais aufgeben. Mitarbeiter wurden entlassen.

          Was machen die Verbliebenen mit den restlichen 95 Prozent ihrer Zeit? „Wir expandieren“, sagt Kachelmann. Nach Asien zieht es den Unternehmer, und eine Schlüsselrolle für die Umsetzung dieser Pläne spielt Martin Kurer, ein Schweizer Rechtsanwalt, den Kachelmann im Frühjahr 2010 kennenlernte. Kurer, der zwischen den Philippinen und der Schweiz pendelt, engagiert sich in seiner zweiten Heimat in einer Initiative für die Opfer des Taifuns Ketsana, der Ende 2009 über die Philippinen hinwegraste und Hunderte Menschen tötete.

          „Klumpenrisiko Medien“

          Ein Taifun ist auch nichts anderes als extrem schlechtes Wetter. Je besser das Wetter vorhergesagt wird, desto weniger Existenzen ruiniert ein Sturm. Diese Logik brachte Kachelmann und Kurer zusammen. Letzterer sitzt inzwischen im Verwaltungsrat von Kachelmanns Firma, und er sagt etwas offener als sein Geschäftspartner, dass der Betrieb zu lange zu stark auf Wetteransagen fürs Volk ausgerichtet gewesen sei. „Nicht umsonst wurde die Firma bei der Gründung Meteomedia genannt“, sagt Kurer. Er selbst habe darauf gedrungen, das „Klumpenrisiko Medien“ aufzulösen und sich noch stärker auf Geschäftskunden auszurichten. „Heute fokussieren wir uns mehr und mehr darauf, Unternehmen mit Wetterdaten für ihre Produktionsplanung und ihr Risk Management zu versorgen“, erklärt der Schweizer. „Unsere größten Kunden finden sich jetzt im Handel, in der Industrie und im Dienstleistungssektor.“

          Für den Erfolg der neuen Strategie stehe aber ganz und gar das Verkaufstalent Kachelmann, sagt sein Geschäftspartner anerkennend: Er habe die Gabe, den Menschen das Wetter verständlich zu machen. „Was die Fernsehzuschauer überzeugt hat, das überzeugt auch unsere Geschäftskunden.“

          Gratis aufs Handy

          Das Geschäftsmodell, das Kurer und Kachelmann nun auf die Philippinen bringen, gleicht demjenigen, das Meteomedia schon in Deutschland für Wettervorhersagen betrieb: Mit einem Netz lokaler Wetterstationen will man die Signale für Sonne, Wolken, Regen deuten. Die Arbeitsteilung läuft dafür immer gleich: Kachelmann wählt den Standort für eine Wetterstation, besorgt die Technik und wertet die Daten aus. Private Sponsoren finanzieren den Bau der Station und abonnieren die Wetterinformationen. Ein Netz von 330 Stationen hat Meteomedia allein in der Schweiz gespannt, in Deutschland schaffte er doppelte so viele Messgeräte wie sein Lieblingsfeind, der Deutsche Wetterdienst.

          Jetzt soll auch das philippinische Klima millimetergenau vermessen werden. „Wir planen über 1000 Wetterstationen für die Philippinen“, sagt Martin Kurer. Bisher hat er mit zehn Mitarbeitern eine an den Start gebracht, die philippinischen Behörden brächten es insgesamt auf 60 Messgeräte. „Dieses Land ist riesig, hier gibt es Berge, das Meer, Vulkane, Seen, große Plantagen - und alle haben ihr eigenes Mikro-Klima.“ Kachelmann kümmere sich um die meteorologische Technik, er selbst stelle vor Ort die Kontakte zu Unternehmen und Behörden her.

          Eine Stiftung haben Kurer und Kachelmann für die Finanzierung gegründet, ihr Kapital soll mehrere Millionen Dollar betragen. Den Philippinern will die Stiftung die Daten gratis aufs Handy und übers Radio schicken, die Unternehmen aber müssen für Prognosen bezahlen.

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