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Joe Kaeser baut um : Siemens stellt sich ganz neu auf

Bruch mit Traditionen beim Blick in die Zukunft. Der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser Bild: dpa

Siemens bereitet sich auf die vierte industrielle Revolution vor - mit einer Revolution der eigenen Konzernstruktur. Vorstandschef Kaeser verlangt einen radikalen Kulturwandel - und bricht Tabus.

          Der Siemens-Konzern will zwar seine am späten Dienstagabend beschlossene neue Struktur am 1. Oktober umsetzen, also mit Beginn des neuen Geschäftsjahres 2014/2015. Doch die Nachbeben des tiefgreifeneden Umbaus, der den Münchner Technologiekonzern in seinen Grundfesten erschüttert, können sich über Jahre hinziehen. Dabei ist bei den vom Aufsichtsrat getroffenenen Beschlüssen noch gar nicht einmal berücksichtigt, dass Siemens bald auch für die französische Alstom bieten oder sie dann gar übernehmen könnte. Das würde zusätzlich an den begrenzen Kräften zehren.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Was Siemens unter dem Titel „Vision 2020“ am späten Dienstagabend angekündigt hat, will der seit August vergangenen Jahres amtierende Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser also als eine langfristige Strategie verstanden wissen: Der Konzern muss sich auf die Elektrifizierung, die Automatisierung und die Digitalisierung konzentrieren. Das wird zum größten Teil heute unter dem Schlagwort Industrie 4.0 begriffen, die vierte industrielle Revolution.

          „Vision 2020“ bedeutet, dass das bisherige Energie- und das Industriegeschäft im Mittelpunkt stehen und neu aufgestellt werden. Aktivitäten außerhalb dieser Gebiete gehören künftig nicht mehr zum Kerngeschäft. Dass die Hörgerätesparte als ein kleines, aber mittlerweile feines, stets unbeachtetes Geschäft, an die Börse gebracht werden soll, ist dabei fast eine Fußnote. Offenbar hat der Siemens-Konzern mit der erfolgreichen Abspaltung des Beleuchtungsgeschäftes Osram und dessen Börsengang Mitte vergangenen Jahres wohl Lust auf mehr bekommen. Denn die Medizintechnik wird künftig mehr Eigenverantwortung erhalten und selbständiger geführt werden. Das könnte ein erster Schritt sein, um diesen derzeit ertragsstärksten Bereich auf eine Abnabelung und einen möglichen Börsengang vorzubereiten.

          Der Energiebereich wird neu sortiert

          Ähnliches könnte mit der Verkehrstechnik, also den Schienenverkehrsaktivitäten, geschehen, zu denen der Hochgeschwindigkeitszug ICE, aber auch U-, S- und Straßenbahnen sowie die Signaltechnik gehören. Auf diese Geschäfte könnte das Ende der Zugehörigkeit zu Siemens zukommen. Denn sie sollen an die französische Alstom abgegeben werden, sollte die Übernahme der Energietechnik der Franzosen durch die Deutschen tatsächlich erfolgen – was aus heutiger Sicht aber noch höchst unsicher ist. Unabhängig davon dürfte im Falle des Scheiterns einer Offerte nun aber der Weg für eine Heraustrennung bereitet sein.

          Als wenn das nicht schon genug Brüche mit alten Traditionen des Unternehmens sind, steht nun Mitarbeiten der Energiegeschäfte ein kultureller Schock ins Haus. Denn die Energiegeschäfte mit der Kraftwerkstechnik (Power & Gas), den Erneuerbaren Energien sowie Kraftwerksservices werden künftig nicht mehr von Erlangen, sondern von den Vereinigten Staaten aus gesteuert werden. Dies hängt mit dem Wechsel im Vorstand zusammen: Michael Süß, bislang Chef des größten Konzernsektors Energie, wird im gegenseitigen Einvernehmen - man könnte auch sagen: im Streit - sofort ausscheiden. Für ihn wird Lisa Davis eintreten, die von Amerika aus arbeitet. Sie kommt als Strategiechefin und Energieexpertin vom britisch-niederländischen Ölkonzern Royal Dutch Shell. Zwar wird sich das auf die Verwaltung beschränken. Ein starkes Signal ist das aber schon, auch mit Blick auf ein wachsendes Engagement im wichtigen nordamerikanischen Energiegeschäft.

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