https://www.faz.net/-gqe-wdek

Jérôme Kerviel : Der unscheinbare Angestellte

Der 31 Jahre alte Jérôme Kerviel bewegte sich auf den Finanzmärkten wie ein Seiltänzer ohne Netz Bild: AFP/F.A.Z.

Nach den Milliardenverlusten eines Händlers steht die französische Traditionsbank Société Générale vor einer ungewissen Zukunft. Aber wie ist es eigentlich möglich, dass ein unscheinbarer Händler eines der größten Finanzhäuser Europas ins Wanken bringt? Eine Analyse.

          7 Min.

          Der Mann hat dreißig Monate lang im Dunkeln gearbeitet. Vier Komplizen halfen bei seinen Machenschaften. Jeden Tag zweigte er etwas mehr Geld ab, verdeckte dies mit fiktiven Krediten und Währungsverkäufen. Ein einfacher Angestellter kam ihm letztlich auf die Schliche. Aber der Schaden war schon angerichtet: 578.000 Franc waren der Société Générale durch die Betrüger in einer Niederlassung in Bordeaux abhandengekommen. Das war viel Geld, als der Coup am 23. September 1930 aufflog. Die Société Générale verschärfte überall in der Bank ihre Kontrollmechanismen und leitete damit eine neue Etappe der Unternehmensgeschichte ein.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Nun werden Historiker ein neues Kapitel hinzufügen müssen. Ein einzelner Händler, der 31 Jahre alte Franzose Jérôme Kerviel, hat einen Finanz-Gau verursacht - den größten anzunehmenden Unfall. Ohne Genehmigung spekulierte er mit bis zu 50 Milliarden Euro auf das Fallen und Steigen von europäischen Aktienindizes, ohne sich durch die üblichen gegenläufigen Geschäfte abzusichern. Wie ein Seiltänzer, der seine Sicherheitsleine abnimmt, bewegte er sich auf den Finanzmärkten. Seine nächsten Vorgesetzten müssen Bescheid gewusst haben, behauptet er - zumindest haben sie nicht richtig hingeschaut. Doch er erfand auch Operationen, um seine Geschäfte zu verheimlichen, fälschte E-Mails und loggte sich mit Passwörtern von Kollegen in das Handelssystem ein.

          Lange galt die Société Générale als weltläufige Vorzeigebank

          Als der Skandal aufflog, meinte die Société Générale alle Positionen so schnell wie möglich verkaufen zu müssen, denn ihre ungesicherte Größenordnung - das Anderthalbfache des Eigenkapitals - sei lebensgefährlich gewesen. Damit nichts nach außen drang, wurde ein einzelner Händler mit der Aufgabe betraut. Einen schlechteren Zeitpunkt hätte sich die Bank kaum aussuchen können, denn zwischen dem 21. und 23. Januar purzelten auf der ganzen Welt die Kurse. So entstand in drei Tagen ein Verlust von 4,9 Milliarden Euro. Zu 500-Euro-Scheinen aufgestapelt, würde die Summe etwa die dreifache Höhe des Eiffelturms erreichen. Sie übersteigt auch das Bruttosozialprodukt von Ländern wie Georgien, Burkina Faso oder Kambodscha. Und sie bedeutet einen Verlust von 41.000 Euro für jeden der 120.000 Bank-Mitarbeiter.

          In Erklärungsnot: Der Vorstandsvorsitzende Daniel Bouton

          Ausgerechnet die Société Générale: Lange Zeit war sie eine moderne und weltläufige Vorzeigebank, die in London und in New York die komplizierten Derivatemärkte ebenso beherrschte wie das Filialgeschäft mit dem Malermeister in der französischen Provinz. Die SG ist zwar hinter der BNP Paribas nur die zweitgrößte Bank Frankreichs, erwirtschaftete aber bis vor kurzem noch vorbildliche Gewinne. Die BNP Paribas schaffte 2006 eine Rendite auf das Eigenkapital von 17,2 Prozent - gegenüber 20 Prozent für die Société Générale. Im vergangenen Jahr war der Abstand kaum geringer. Die Börse wusste das lange zu schätzen: Im letzten Mai war die SG noch etwa 75 Milliarden Euro wert, während es die Deutsche Bank nur auf rund 62 Milliarden Euro brachte.

          Der Börsenwert der Société Générale ist zusammengeschmolzen

          Die stolze Unternehmensgeschichte - auch sie ist nun beschädigt. Unter Napoleon dem III., 1864 gegründet, ist die Société Générale eines der ältesten Finanzhäuser Frankreichs. Früh setzte sie auf die Internationalisierung und ist schon seit 1871 in London vertreten. Sie finanzierte Privatleute und Unternehmen bis hin nach Russland und war in den zwanziger Jahren Frankreichs Nummer eins. Nach dem Krieg und der Verstaatlichung 1945 profitierte sie dank ihrer Niederlassung in New York von den Finanzströmen des Marshallplanes. Technologisch ehrgeizig, führte sie schon 1971 Geldautomaten ein. Die wahre Modernisierung setzte aber erst nach der Privatisierung 1987 ein, als sie sich voll auf die internationalen Kapitalmärkte konzentrierte. Ihr Derivategeschäft wurde zum großen Gewinnbringer. Das Fachmagazin „Risk“ wählte sie noch im Januar zum besten „Haus für Aktienderivate 2008“. Im Vormonat zeichnete sie das „IFR-Magazin“ zum besten Händler mit Eurobonds aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.