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Jean-Marc Daniel : Frankreichs liberales Gewissen

Jean-Marc Daniel will Wirtschaftsthemen auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich machen. Bild: ddp/Arnaud Meyer/Opale/Leemage

Jean-Marc Daniel ist der Mahner unter den französischen Ökonomen, der meist gegen den Staat wettert. Seine Inspiration findet er in den liberalen Ökonomen des 19. Jahrhunderts, bei seinen heutigen Kollegen trifft er auf wenig Gehör.

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          Er ist ein großartiger Erzähler von Geschichte – wohlgemerkt ohne „n“, denn lapidare Geschichten sind nicht seine Sache. Wenn Jean-Marc Daniel aus seinem reichen Wissensrepertoire eine Anekdote preisgibt, dann enthält sie meist eine Lehre für die Gegenwart. Daniel ist einer der bekanntesten Ökonomen Frankreichs und dabei jener, der am konsequentesten und am wirksamsten in der Öffentlichkeit das freie Spiel der Märkte verteidigt. Daher ist der Wirtschaftsliberale ein Unikum in Frankreich; doch das Land, das Debatten liebt, lässt den Franzosen reichlich zu Wort kommen, und sei es nur, weil er auch unterhaltsam erzählen kann.

          Dabei lohnt es sich, den 66-jährigen Franzosen ernster zu nehmen als die meisten anderen Protagonisten des öffentlichen Diskurses, die in Frankreich zahlreich sind. Daniel ruft den Franzosen zum Beispiel regelmäßig in Erinnerung, dass Wohlstand vor allem durch Arbeit entstehe – und nicht etwa durch „magisches Geld“, so der Titel seines jüngsten Buches über Zentralbank- und Staatsschuldengeld. Für einen epochalen Fehler hält er die Einführung der 35-Stunden-Woche vor gut zwei Jahrzehnten. „Kurz darauf, etwa im Jahr 2002, wurde die Leistungsbilanz Frankreichs negativ“, erläutert er im Gespräch mit der F.A.Z. Frankreich verknappte künstlich sein Arbeitsangebot, verlor an Wettbewerbsfähigkeit und erhöhte die Staatsverschuldung. Die Vereinigten Staaten können sich ein Zwillingsdefizit aus öffentlichen Schulden und Außenhandelsminus vielleicht leisten, weil sie die Weltwährung Dollar kontrollieren. Doch Frankreich?

          Wettbewerbsfähigkeit hat sich wieder verbessert

          „Jedes Jahr muss das Land einen weiteren Teil seines Tafelsilbers verkaufen, etwa die Immobilien an der Pariser Luxusmeile Avenue Montaigne oder Kapital der Unternehmen im Börsenindex CAC 40“, erläutert Daniel. Das Nettoauslandsvermögen, also die Differenz zwischen dem Besitz der Ausländer in Frankreich und dem Besitz der Franzosen im Ausland, sank im vergangenen Jahr auf negative 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. „Das ist nicht mehr weit entfernt von der 35-Prozent-Grenze, die die Europäische Kommission als Alarmzeichen für makroökonomische Ungleichgewichte gesetzt hat“, berichtet Daniel. Länder wie Griechenland, Spanien, Portugal und Irland haben zwar noch schwächere Werte, doch für die zweitgrößte Volkswirtschaft im Euroraum sei die Lage nicht akzeptabel.

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          Daniel räumt ein, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit seines Heimatlandes in den vergangenen Jahren verbessert habe. „Die Unternehmen sind steuerlich entlastet worden und haben sich erheblich angestrengt, nicht aber der öffentliche Sektor.“ Der Moloch des öffentlichen Dienstes sei wegen seiner Unbeweglichkeit etwa dafür verantwortlich, dass das französische Bildungssystem in den PISA-Tests regelmäßig schlecht abschneide, bedauert er.

          Wirtschaftsthemen aufbereitet für die Öffentlichkeit

          Dass Daniel in Frankreich mit seinen liberalen Ansichten jenseits der Mehrheitsmeinung steht, kümmert ihn nicht. Wenn die Deutschen auf Budgetdisziplin pochen, ist er oft der Einzige, der die Nachbarn verteidigt. Die führende französische Ökonomenvereinigung „Cercle des économistes“ lädt Daniel so gut wie nie zu ihrem großen Jahrestreff in Aix-en-Provence ein. „Ich bin keine Minderheit, sondern die Vorhut“, entgegnet er gerne amüsiert. Lieber spricht er zu einer breiten Öffentlichkeit als zu Fachkollegen. Seine Plattform ist der Radio- und Fernsehsender BFM Business. Dort darf er jeden Morgen einen „Gegenpunkt“ setzen, so der Name seiner Rubrik. Kein anderer französischer Ökonom verfügt in seiner Heimat über eine ähnlich weitreichende Bühne.

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