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Japans Autoindustrie : Fabriken auf bebender Erde

Die Maschinen standen still: Werk des Zulieferers Riken Bild: REUTERS

Nach dem Erdbeben in der vergangenen Woche ist die japanische Automobilindustrie fast zum Erliegen gekommen. Schuld ist die Abhängigkeit der Konzerne von einem Zulieferbetrieb, der stark beschädigt wurde. Analysten warnen nun vor zu großer Abhängigkeit.

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          Das Erdbeben am Montag vergangener Woche wirft lange Schatten auf die japanische Automobilindustrie. Die Produktion der acht Hersteller des Landes ist zu weiten Teilen lahmgelegt. Nicht, weil ihre eigenen Fabriken zerstört wären, sondern weil ein Schlüssellieferant ausfällt. Die Ratingagentur Fitch warnt nun vor der offensichtlich zu großen Abhängigkeit der Hersteller von einzelnen Zulieferern. Zudem geht sie davon aus, dass die Erfahrung in Japan die Branche zu weiteren Übernahmen von Zulieferern verleiten werde, um sie dann unter einem Dach zu führen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Das Erdbeben am 16. Juli hatte elf japanische Fabriken von Riken Corp., dem führenden Hersteller von Kolbenringen, stark beschädigt und zur Einstellung der Fertigung gezwungen. Damit trocknete der Strom der Bauteile für die japanischen Automobilhersteller aus. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als vom Ende vergangener Woche an Schichten zu streichen und Werke ganz zu schließen. Bei Kolbenringen hält das Traditionsunternehmen Riken mit seinen gut 1500 Mitarbeitern in Japan einen Marktanteil von etwa 50 Prozent, bei Dichtungen für Getriebe kommt der Zulieferer sogar auf 70 Prozent Marktanteil. Zu seinen Kunden zählen alle acht japanischen Automobilhersteller.

          Am schlimmsten hat es Mitsubishi getroffen

          Toyota Motor Corp wird am heutigen Dienstag zumindest 20 seiner 31 Produktionsstraßen in Japan wieder anfahren. Was darüber hinaus geschieht und ob die Wiederaufnahme Bestand haben wird, ist noch offen. Bis dato hat Toyota schon einen Produktionsausfall von 55.000 Einheiten zu verschmerzen - immerhin 0,6 Prozent der angestrebten Gesamtfertigung des Konzerns für dieses Jahr von 9,34 Millionen Einheiten. Der weltgrößte Hersteller hat eingeräumt, zu wenige Teile auf Lager zu haben, um die Fertigung weiterlaufen lassen zu können.

          Teilweise laufen die Bänder wieder: Arbeiterin kontrolliert Kolbenring

          Japans zweitgrößter Automobilproduzent Honda Motor Co will die Produktion in zwei von vier Fabriken am heutigen Dienstag wiederaufnehmen, Ford-Partner Mazda Motor Corp. hat dies schon in der Nacht getan. Konkurrent Mitsubishi Motors Corp. braucht wohl die längste Anlaufzeit: Erst am Mittwoch und Donnerstag sollen die Bänder in seinen drei Fabriken wieder anlaufen. Bis Donnerstag vergangener Woche - drei Arbeitstage nach dem Lieferstopp aufgrund des Erdbebens - hatten die Hersteller sich noch aus den Lagern von Riken und eigenen Beständen versorgen können. Dann ging nichts mehr. Am schlimmsten hat es Mitsubishi getroffen, in dessen Werken die Fertigung vier beziehungsweise sogar fünf Tage ruht.

          Mehrarbeit soll den Verlust wieder hereinholen

          So wird sich Mitsubishi nun auch in die Wiederaufnahme der Produktion einschleichen: Mittwoch und Donnerstag soll gefertigt werden, am Freitag wird dann wohl noch einmal ein Tag ausgesetzt, da selbst dann noch nicht genügend Bauteile zur Verfügung stehen werden. Der Ausfall: mindestens 10.000 Einheiten. Mit einem blauen Auge dagegen scheinen Nutzfahrzeughersteller wie Isuzu und Nissan Diesel davongekommen zu sein, die nur einen einzigen Tag Produktionsausfall meldeten.

          Selbst vier Tage nach dem Erdbeben war Riken nicht in der Lage, einen Termin für die vollständige Wiederaufnahme der Produktion in der Erdbebenregion Niigata bekanntzugeben. „Wir machen jede Anstrengung, um die Fertigung Anfang kommender Woche teilweise wieder anzufahren“, hatte das Unternehmen erklärt. Zugleich bedankte es sich für die Hilfe seiner Kunden, Japans Automobilhersteller: „Wir bekommen unschätzbare Unterstützung durch unsere Abnehmer, die rund 650 Leute in unsere Fabriken entsandt haben.“ Allein Toyota hat im ureigensten Interesse mehr als 200 Ingenieure zu seinem Lieferanten abgeordnet - zumal sie in den eigenen Fabriken ohnehin nichts zu tun hatten.

          Dies ist ein Zeugnis dafür, welche Bedeutung der Zulieferer für die Branche hat. Riken dürfte in etwa einer Woche wieder vollständig liefern können, hieß es am Montag. Die Produzenten wollen nun ihre Mitarbeiter anhalten, den Verlust durch Mehrarbeit wieder hereinzuholen.

          „Schwierig, Effizienz wie auch Sicherheit zu steigern“

          Deshalb könnten die Hersteller die meisten Verluste noch ausgleichen und würden in ihren Ergebniserwartungen nicht herabgestuft, sagte die Ratingagentur Fitch. Allerdings warnte Tatsuya Mizuno, der das Analysten-Team von Fitch-Ratings in Tokio leitet: „Die Ereignisse zeigen die Risiken einer zu schlanken Zuliefererstruktur.“ Durch ihr Streben nach höherer Effizienz hätten sich die Automobilhersteller verletzlich gemacht.

          „Um die Einkaufskosten für Teile zu verringern, glauben sie, dass es besser sei, sich auf eine Lieferquelle zu konzentrieren. Um ihren Kapitaleinsatz gering zu halten, fahren sie die Lagerhaltung so weit wie möglich herunter. Das allerdings erhöht das Risiko einer Produktionsunterbrechung, wird die Lieferkette unterbrochen.“ Toyotas Präsident Katsuaki Watanabe freilich verteidigt die weltberühmte Toyota-Strategie der „lean production“: „Wir werden abwägen, wie wir den Rückstand in angemessener Zeit aufholen“, sagte er am Dienstag. „Was zählt, ist, dass wir in der Lage sind, das Problem schnell zu beheben und zur Normalität zurückzukehren.“

          Fitch-Analyst Mizuno zieht ganz andere Schlüsse aus dem Desaster der Hersteller in Japan: „Es bleibt schwierig für einen Automobilproduzenten, sowohl Effizienz wie auch Sicherheit zu steigern.“ Deshalb würden die großen Hersteller auch als Lehre aus den Folgen des Erdbebens Investitionen in Zulieferer heraufschrauben: „Sie werden versuchen, Schlüssellieferanten in ihre Gruppe einzubinden.“

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