https://www.faz.net/-gqe-8ovry

Japanische Werbeagentur : Vorstand tritt nach Suizid-Skandal zurück

Tadashi Ishii,: „Ich werde die volle Verantwortung übernehmen.“ Bild: Reuters

Nach dem Suizid einer Mitarbeitern räumt der Chef der Agentur Dentsu seinen Posten. Mehr als 100 Überstunden soll sie in einem Monat gemacht haben. Kein neues Problem in Japan.

          In der Diskussion über die japanische Überstunden-Kultur zieht nun einer der führenden Manager des Landes Konsequenzen. Der Vorstandsvorsitzende der Werbeagentur Dentsu, Tadashi Ishii, hat seinen Rücktritt angekündigt. Er werde seinen Posten im Januar räumen, teilte die Agentur mit. Kurz zuvor hatte das Arbeitsministerium die Staatsanwaltschaft aufgefordert, Ermittlungen wegen des Suizids einer Mitarbeiterin von Dentsu aufzunehmen.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die junge Frau hatte sich Weihnachten vor einem Jahr vom Dach eines Wohnheims des Unternehmens gestürzt, weil sie nicht mehr mit der Arbeitsbelastung fertig wurde. Ishii sagte nun, er fühle sich verantwortlich für den Tod der Mitarbeiterin. „Ich werde die volle Verantwortung übernehmen.“ Dentsu ist die größte Werbeagentur Japans und die fünftgrößte der Welt.

          Japanische Unternehmen sind für ihre ausufernde Arbeitskultur berüchtigt. Der typische „Salaryman“, sprich: Büroangestellte, verlässt seinen Schreibtisch gewöhnlich erst dann, wenn auch der Chef geht – was sich bis in die späten Abendstunden hinziehen kann.

          In einem Monat mehr als hundert Überstunden?

          Die Regierung veröffentlichte im Oktober einen Bericht, demzufolge in einem von fünf Unternehmen so lange gearbeitet wird, dass die Mitarbeiter ihre Gesundheit ruinieren und einen vorzeitigen Tod riskieren. In mehr als 2200 Selbstmord-Fällen im vergangenen Jahr soll die hohe Arbeitsbelastung zumindest eine Ursache gewesen sein. Für den Tod durch Überarbeitung gibt es im Japanischen sogar ein eigenes Wort: „Karoshi“.

          Die Denstu-Mitarbeiterin Matsuri Takahashi hatte als Kundenberaterin im Bereich Digitales gearbeitet. Sie war erst 24 Jahre alt, als sie sich das Leben nahm. Japanischen Medienberichten zufolge hatte sie zuvor in einem Monat mehr als hundert Überstunden gemacht. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter schrieb sie von ihrem Wunsch zu sterben.

          Dentsu hat mittlerweile eine Kommission eingerichtet, die die Arbeitsbedingungen verbessern soll. Die Zahl der erlaubten Überstunden im Monat wurde reduziert, wenn auch nur geringfügig: von ehemals 70 auf nun 65. Die Agentur beschäftigt rund um den Globus etwa 43.000 Mitarbeiter, zu den Kunden zählen die Luxusmarke LVMH, der Konsumgüterhersteller Nestlé und auch der Spielehersteller Electronic Arts.

          Eine Million Dollar als Entschädigung

          Die Arbeitsbedingungen in der Werbebranche sind seit jeher von zahlreichen Überstunden und durchgearbeiteten Wochenenden geprägt – nicht nur in Japan, sondern auch in anderen Ländern. Anders, so argumentieren die Agenturverantwortlichen, ließen sich die immer anspruchsvolleren Vorgaben der Auftraggeber nicht erfüllen.

          Agenturchef Ishii betonte in seiner Rücktrittserklärung denn auch, ein Unternehmen solle seine Beschäftigten nicht davon abhalten, „das Beste zu wollen“. Ein Übermaß an Arbeit solle es aber nicht geben. „Ich bedauere das zutiefst.“ Der 65-Jährige führt Dentsu seit fünf Jahren.

          Im Jahr 2000 hatte schon einmal der Tod einer Agenturmitarbeiterin für Aufsehen gesorgt. Damals gab Dentsu zu, mitverantwortlich am Suizid einer Angestellten neun Jahre zuvor gewesen zu sein. Die Agentur zahlte den Angehörigen damals im Rahmen eines Vergleichs angeblich mehr als eine Million Dollar als Entschädigung.

          Weitere Themen

          Chef auf Abruf

          Interimsmanager : Chef auf Abruf

          Wenn eine Krise herrscht oder eine Lücke zu füllen ist, kommen oft Interimsmanager in Unternehmen – nicht immer ein dankbarer Weg an die Spitze.

          Topmeldungen

          Brexit-Votum in London : Die Niederlage von Westminster

          So hat eine britische Regierung in der Moderne noch nicht verloren. Schon gar nicht in einer Sache, die von solch existentieller Bedeutung ist, wie der Brexit-Deal. Man kann gespannt sein, wie es weitergeht. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.