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Japan : Tokio will den größten Fischmarkt der Welt verlegen

Eine Stadt in der Stadt: Der Tsukiji liegt zentral in Tokio Bild: AP

Die japanische Hauptstadt will, dass der größte Fischmarkt des Planeten umzieht. Der berühmte Tsukiji soll in neue Hallen einziehen. Das Problem ist: Niemand will diese Hallen bauen.

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          Auf dem größten Fischmarkt der Welt hängt der Haussegen schief. Wie die Tokioter Stadtverwaltung jetzt bekanntgab, hat sie Schwierigkeiten, Bauunternehmen zu finden, die den geplanten neuen Fischmarkt der Hauptstadt bauen wollen. „Die Bauunternehmen haben zunächst großes Interesse an dem Projekt gezeigt“, hieß es. Doch am Ende habe sich bei einer Auktion keines der großen japanischen Unternehmen bereitgefunden, bei 4 von 5 ausgeschriebenen Bauvorhaben einzusteigen.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Dass ein Projekt dieser Größenordnung daran scheitern könnte, dass die Baukonzerne wegen der Kosten davor zurückscheuen, ist ein auch in Japan außergewöhnlicher Vorgang. Der bisherige Fischmarkt in Tsukiji nahe der Nobeleinkaufsmeile Ginza ist nicht nur der mit Abstand größte Umschlagsplatz für Fisch in der Welt. Er ist auch ein milliardenschwerer Wirtschaftsfaktor mit Handelsunternehmen, die umgerechnet Hunderte Millionen Euro im Jahr erlösen, Tausende Menschen beschäftigen und nicht zuletzt ein Anziehungspunkt für Zehntausende Touristen im Jahr sind.

          Die Thunfisch-Auktionen morgens um 5 Uhr gehören zu den Höhepunkten eines jeden Besuchsprogramms in Tokio. Die Bezirksregierung hatte dennoch bereits im Jahr 2001 beschlossen, den Fischmarkt aus den 1935 gebauten Hallen zu verlagern. Der neue Standort ist nicht allzu weit entfernt, ebenfalls nahe der Bucht von Tokio. Die Bauarbeiten dort haben sich zuerst verzögert, weil das neue Grundstück teilweise mit Schwermetallen belastet war. Jetzt sollte es 2014 zu dem Umzug auf das neue, moderne Gelände kommen.

          Im September, als Meldungen in japanischen Medien Hinweise dafür gaben, dass es mit dem Platzwechsel nach Toyosu richtig ernst wird, schossen die Börsenkurse der betroffenen Unternehmen binnen Minuten in die Höhe. Der Aktienpreis von Tsukiji Uoichiba, einer der ältesten und größten Fischhandelsfirmen in Tokio, verdoppelte sich trotz ernüchternder Geschäftszahlen in den vergangenen Jahren binnen einer Woche (siehe Grafik).

          Die Schattenseiten der „Abenomics“

          Dass die Hauptstadt auf ihre Ausschreibung für die Bauprojekte nun keine Resonanz bekommen hat, zeigt eine der Schattenseiten der sogenannten „Abenomics“ auf. Ministerpräsident Shinzo Abe, der mit staatlichen Konjunkturprogrammen den Ausbau der Infrastruktur vorantreiben wollte, fördert damit eine Branche, in der in Japan schon vor den Staatshilfen die Arbeitskräfte knapp waren.

          Steigende Löhne und steigende Kosten – auch Rohstoffe werden wegen der aggressiven Geldpolitik der Notenbank teurer, die zur Förderung der Exporte den Yen schwächt – haben die Bauunternehmen in eine Lage versetzt, angesichts der großen staatlichen Nachfrage ihre Preise spürbar zu erhöhen. Auch in Tohoku, der nach dem Erdbeben und dem Tsunami im März 2011 verwüsteten Region im Nordosten Japans, liegen viele Wiederaufbauprojekte brach, weil es einen Mangel an Bauarbeitern gibt oder weil die Kosten explodiert sind.

          Warten auf Fracht: Auf dem Tokioter Fischmarkt wird Fisch für das ganze Land versteigert Bilderstrecke
          Warten auf Fracht: Auf dem Tokioter Fischmarkt wird Fisch für das ganze Land versteigert :

          Die Projekte beim Umzug des Fischmarkts, für die Tokio jetzt keine Unternehmen gefunden hat, haben immerhin ein Volumen von 63 Milliarden Yen (470 Millionen Euro). Analysten in Tokio zeigten sich erstaunt und erklärten, es sei einmalig, dass sich für Bauprojekte dieser Größenordnung keine Interessenten fänden. Lediglich bei den Plänen für die Hygieneeinrichtungen auf dem Fischmarkt gab es eine Vereinbarung.

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