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Ungarischer Systemforscher : János Kornai ist gestorben

Janos Kornai in Budapest im Oktober 2009. Bild: MTI/MTVA

János Kornai war einer der großen Ökonomen unserer Zeit. Doch der Nobelpreis blieb ihm versagt.

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          In der Liste der Ökonomen, die den Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften verdient hätten, ihn aber nicht erhielten, gehört János Kornai auf einen der vorderen Plätze. Kornái war ein eklektischer Denker, der sich für die Funktionsweise von Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen interessierte, ein eminent fleißiger Autor und ein furchtloser Mann. Er gehörte keiner Schule an, sondern zählte mit Karl Marx, Friedrich von Hayek, Joseph Schumpeter und John Maynard Keynes sehr unterschiedliche Denker zu seinen Einflussgebern.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Von Kornai stammt die grundlegende Unterscheidung einer Planwirtschaft als Mangelwirtschaft und einer Marktwirtschaft als Überschusswirtschaft. Als wichtiges Kriterium definierte Kornai die sogenannte Budgetbeschränkung: In einer Marktwirtschaft unterliegen in Privateigentum befindliche Unternehmen einer harten Budgetbeschränkung, weil sie für eigene Fehlentscheidungen haften und im Extremfall wegen Erfolglosigkeit scheitern. Das sorgt für einen sorgsamen Umgang mit Ressourcen und fördert innovatives Handeln. In einer Planwirtschaft mit staatseigenen Unternehmen existiert eine weiche Budgetbeschränkung, weil der Staat den Untergang von Unternehmen verhindert. Das verleitet zu einem sorglosen Umgang mit Ressourcen und verhindert Fortschritt, weil erfolglose Unternehmen nicht scheitern können.

          Abhängig von der Mathematik

          Kornai betrachtete real existierende Markt- wie Planwirtschaften als sich permanent in einem Ungleichgewicht befindende Systeme mit Unzulänglichkeiten, Widersprüchen und Dilemmata. Da er zudem Vergleiche zwischen real existierenden Wirtschaften und realitätsfernen Modellwirtschaften ablehnte, stand er den in der Ökonomik verbreiteten Analysen ökonomischer Gleichgewichte kritisch gegenüber. Andererseits fühlte er sich mit seinen Arbeitstechniken dem Mainstream verbunden.

          „Ich betrachte mich als einen mathematischen Ökonomen; daher kommen meine kritischen Anmerkungen nicht von außerhalb, sondern von innerhalb des Zirkels“, bemerkte Kornai einmal. „Es ist meine Überzeugung, dass der weitere Fortschritt der ökonomischen Theorie wenn auch nicht ausschließlich, so doch erheblich von Fortschritten auf dem Gebiet der mathematischen Ökonomik abhängt. Hierzu hoffe ich einen Beitrag leisten zu können.“

          János Kornai wurde im Jahre 1928 unter dem Namen János Kornhauser in eine in Budapest ansässige jüdische Familie geboren. Sein Vater wurde später in Auschwitz ermordet. Die Verbrechen der Nationalsozialisten machten den jungen Kornai zu einem Marxisten. Gut zehn Jahre später distanzierte er sich vom Marxismus, als ihn Berichte über die Gefangennahme vieler Ungarn nach dem gegen das kommunistische Regime gerichteten Volksaufstand von 1956 erreichten.

          In seiner im gleichen Jahr erschienenen Doktorarbeit beschrieb Kornai unter dem Titel „Überzentralisierung“ Schwächen des sozialistischen Wirtschaftssystems, die politische Unterdrückung erzeugten: „Je weniger das System auf materielle Anreize vertraut (und je weniger es auf die Begeisterung der Menschen rechnen kann), desto mehr muss es Zwangsmethoden anwenden.“ Für den Ungarn blieb der real existierende Sozialismus die Übertragung einer stark vom Staat geprägten, notorisch ineffizienten Kriegswirtschaft auf Friedenszeiten.

          Sein 1980 erschienenes Buch über „Mangelwirtschaft“ sorgte für Aufsehen. „Der einzige lebende Ökonom, der für sich in Anspruch nehmen darf, die Anschauungen einer ganzen Generation im Kommunismus beeinflusst zu haben, ist Kornai. Er hat das System der Zentralplanung peinlich genau seziert und seine Irrationalität und selbstzerstörerische Kraft demonstriert“, urteilte der spätere russische Ministerpräsident Jegor Gaidar.

          Schon vor dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde Kornai gestattet, im Westen zu leben. So erhielt er im Jahre 1984 einen Ruf auf eine Professur an der renommierten Harvard University. Seine Arbeiten über die unterschiedlichen Budgetbeschränkungen privater und staatlicher Unternehmen beeinflussten Anpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds für in Schwierigkeiten geratene Länder. Die Unterscheidung eignet sich auch für zeitgenössische Analysen von Staatshilfen zugunsten notleidender Unternehmen in Marktwirtschaften. Am vergangenen Montag ist János Kornai im Alter von 93 Jahren in Budapest verstorben.

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