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Jamnagar : Die größte Raffinerie der Welt

Im Bunker: Steuerzentrum der Raffinerie Jamnagar Bild: Christoph Hein

An der Grenze zu Pakistan hat der indische Konzern Reliance eine riesige Raffinerie errichtet. Vor 15 Jahren war der Ort noch ein Fischerdorf, heute steht das Industriezentrum für mehr als 8 Prozent der indischen Exporte.

          Die Wände sind meterdick, die Doppeltüren aus handbreitem Stahl. Wer hier unten arbeitet, der bleibt an seinem Platz, wenn draußen ein Erdbeben tobt, Bomben fallen oder ein Feuer wütet. Die abgeschirmte Steuerzentrale ist das Herzstück der indischen Raffinerie Jamnagar. Sie liegt im Nordwesten Indiens, am Golf von Kutch im indischen Bundeststaat Gujarat, nahe der pakistanischen Grenze. "Noch vor 15 Jahren war hier Einöde", sagt SC Malhotra. Heute ist Jamnagar die größte Raffinerie der Welt.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Malhotra hat mit seinen mehr als 80 000 Bauarbeitern das Vorzeigewerk des indischen Konzerns Reliance Industries Ltd. (RIL) der Steppe abgerungen. "Wir sind wohl das einzige Unternehmen der Welt, das so eine Raffinerie in nur drei Jahren hochziehen kann", sagt er noch heute voller Stolz. Schon jetzt steht das Werk für mehr als 8 Prozent des indischen Steueraufkommens und gut 8 Prozent der indischen Exporte. Die zweite Entwicklungsphase des Werks arbeitet seit dem vergangenen Jahr. Und doch sagt der rüstige Siebzigjährige: "Wir sind noch längst nicht da angekommen, wo wir hinwollen." Der Bau eines Crackers, eines Hochofens, in dem Naphta in seine Bestandteile zerlegt wird, ist durch die Krise aufgeschoben worden.

          Zerstrittene Familie

          Aber weit sind die Inder auch jetzt schon gekommen. Aus dem abgelegenen Fischerdorf wurde eine Industriestadt, mit einem 8000 Hektar großen Werksgelände, Siedlungen, einer Schule, einem Krankenhaus, einem Supermarkt. Das Werk erzeugt seinen eigenen Strom - täglich die Hälfte des Gesamtverbrauchs der Hauptstadt Neu-Delhi -, und es betreibt eine eigene Meerwasserentsalzung. RIL, der größte börsennotierte Konzern Indiens und der größte Polyesterhersteller der Welt, sorgt für seine Leute rund um die Uhr: "Wir bieten unseren Mitarbeitern, deren Familie und Eltern Wohnungen, Schulen, aber auch freie Gesundheitsversorgung", sagt der Arzt R. Rajesh. In seinem blitzsauberen Krankenhaus behandelt er rund 300 Menschen täglich. Wer auf dem Militärflughafen Jamnagar landet, die Bunker, gestrichen im Orange der Erde, passiert hat, betritt Reliance-Land.

          „Die Raffinerie ist der Tempel des wiedererwachten Indiens”

          Auch wenn der Wettbewerber Essar hier ebenfalls eine kleinere Raffinerie betreibt, so sorgt Reliance doch für die Entwicklung der Region. Wären nicht sengende Sonne und Staub, erinnerte vieles eher an das frühe Ruhrgebiet als an das ländliche Indien. Schon der Aufbau des riesigen Werks war ein Kunststück. 1996 saß Dhirubhai Ambani, der Sohn eines Lehrers und Gründer von Reliance, hier noch unter Mangobäumen. Aus seinen Anfängen mit dem Verkauf von Textilien machte er auch dank bester Verbindungen zu den Regierungen einen Weltkonzern, der heute für fast 11 Prozent des indischen Exports und 7 Prozent der Marktkapitalisierung der Börse in Bombay steht.

          Seine - inzwischen zerstrittenen - Söhne Mukesh und Anil bauten sein Erbe aus und formten Indiens größten börsennotierten Konzern. Sie zerschlugen ihn, doch beide Teile florieren. Mukesh Ambani leitet seit der Trennung RIL. Mit einem geschätzten Vermögen von 29 Milliarden Dollar ist Mukesh der reichste Geschäftsmann des Subkontinents und die Nummer vier der Welt. Doch nicht sein Bild hängt hier in jedem Bürogebäude, sondern das des Vaters: Im Firmenjet, in der Empfangshalle, im Casino - ohne den Dank an Dirubhai geht bei RIL nichts. Sinnsprüche zieren seine Bilder: "Die Raffinerie ist der Tempel des wiedererwachten Indiens" heißt es da.

          Das Satellitenbild half bei der Standortentscheidung

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