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James von Moltke : Der Banker mit dem Helden-Gen

James von Moltke mit Gattin Sofia in New York Bild: Patrick McMullan via Getty Image

James von Moltke wird Finanzvorstand der Deutschen Bank. Sein Großvater war der klügste Kopf im Widerstand gegen Hitler.

          Das Schlimmste ist überstanden in der Deutschen Bank. Mit dieser Botschaft läuft Vorstandschef John Cryan durch die Welt: Schluss mit der kriminellen Vergangenheit und den schlechten Zahlen, es geht voran! Nicht jeder glaubt ihm (wie der mickrige Börsenkurs beweist), wohl aber gelingt es, das Vertrauen hochkarätiger Banker zu gewinnen.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So hat die Deutsche Bank am vergangenen Freitag vermeldet, dass ein neuer Finanzvorstand gefunden sei: James von Moltke heißt der Ersatz für Marcus Schenck, der fortan als Vize-CEO und oberster Investmentbanker im Einsatz ist.

          Der Neue, 48 Jahre alt, bringt einen deutschen wie einen australischen Pass mit – und einen klingenden Namen: Der Manager ist der Enkel des Widerstandskämpfers Helmuth James von Moltke. Er selbst steht derzeit noch als Treasurer in Diensten der Citigroup in New York, ein durchaus honoriger, anständig bezahlter Posten, so dass er sich nach dem Angebot aus Frankfurt zunächst fragte: Wie stabil ist diese Deutsche Bank? Kann ich da wirklich hingehen?

          Die Welt der Großinvestoren ist überschaubar

          Der Brite John Cryan hat ihn überzeugt, mit seiner Strategie wie als Person: Cryan und Moltke kennen sich lange, ihre Wege haben sich häufiger gekreuzt, als Cryan vor Jahren für die UBS und zwischenzeitlich für den Staatsfonds aus Singapur unterwegs war: Die Welt der globalen Großinvestoren ist überschaubar.

          Revolutionäre neue Ideen für die Deutsche Bank hat Moltke nicht auf Anhieb im Koffer, wohl aber reichlich Erfahrung und eine Vorstellung, wie man Banken in schwierigen Zeiten transformiert und dabei ehrgeizige finanzielle Ziele erreicht. Daran hat es in der jüngeren Vergangenheit hin und wieder gehapert in den Doppeltürmen.

          Geboren ist James von Moltke in Heidelberg, aufgewachsen in Kanada, als Muttersprache gibt er deshalb Englisch an, wiewohl er auch Deutsch spricht, obwohl er hierzulande bisher noch nie beruflich tätig war. Der Mann kreiste bisher im angelsächsischen Bankengewerbe. Jetzt steht der Umzug nach Frankfurt an.

          Spross eines Heldengeschlechts

          Hier, in den Doppeltürmen der Deutschen Bank, bezieht der neue Finanzvorstand zum 1. Juli sein Büro, auch seine Familie – Frau und drei Kinder – kommen nach Europa, sobald Schule und die sonstigen praktischen Dinge geregelt sind.

          James von Moltke, so viel ist unstrittig, entstammt einem deutschen Heldengeschlecht: Großvater Helmuth James Graf von Moltke war der klügste Kopf im Widerstand gegen die Nazis, als führendes Mitglied im „Kreisauer Kreis“ (benannt nach dem Familiengut der Moltkes in Schlesien) wurde er im Januar 1944 verhaftet, im September 1944 ins Gefängnis Tegel verlegt und im Januar 1945 hingerichtet.

          Unter Tobsuchtsanfällen hatte ihn Nazi-Richter Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofes, zum Tode verurteilt. Am 23. Januar 1945 wird Helmuth James Graf von Moltke in Plötzensee gehenkt, sein Leichnam wird verbrannt, die Asche zerstreut.

          „Mein Herz, unser Leben ist zu Ende“

          Als Zeugnis von ihm bleiben Briefe, die der evangelische Gefängnisseelsorger, ein Freund Moltkes, täglich ins Gefängnis hinein- und rausschmuggelte. Es sind herzzerreißende Dokumente eines großen, mutigen Mannes und einer großen, leidenschaftlichen Liebe.

          „Mein Herz, unser Leben ist zu Ende“, schrieb Moltke seiner Frau Freya schon zu Beginn aus der Haft, jeden Tag die Hinrichtung erwartend. Und an die beiden kleinen Söhne gewandt: „Ich habe mein ganzes Leben lang gegen einen Geist der Enge und der Gewalt, der Überheblichkeit und der mangelnden Ehrfurcht vor Anderen, der Intoleranz und des Absoluten, erbarmungslos Konsequenten angekämpft, der in den Deutschen steckt und der seinen Ausdruck in dem nationalsozialistischen Staat gefunden hat.“

          Der Ältere der beiden Söhne, in den Briefen aus dem Gefängnis als „Casparchen“ tituliert, ist der 1937 geborene Helmuth Caspar von Moltke. Er ist der Vater des künftigen Deutsche-Bank-Vorstandes. Nach dem Krieg hat Helmuth Caspar von Moltke in London Jura studiert, 1961 heuerte er als junger Anwalt bei der BASF an. Nur die kürzeste Zeit freilich arbeitete er in der Zentrale in Ludwigshafen, ihn zog es hinaus in die Welt.

          Studium in Oxford

          Moltke leitete in diversen Ländern als Geschäftsführer die jeweiligen BASF-Konzerngesellschaften. Auf Mission in Australien lernte er seine Frau Keri kennen, weswegen die Kinder einen australischen Pass haben: Nicholas von Moltke, heute Vorstand im amerikanischen Versicherungskonzern Global Atlantic, der einst zur Investmentbank Goldman Sachs gehörte, und eben James von Moltke.

          Der künftige Deutsch-Banker hat nach dem Studium in Oxford ebenfalls eine Karriere im Finanzdistrikt durchlaufen: Credit Suisse First Boston (London) JP Morgan (New York, Hongkong), Morgan Stanley (New York) und seit 2009 Citigroup, ebenfalls New York.

          Anfang der 70er Jahre war die Familie nach Kanada gezogen, der Vater führte von Montreal aus die Geschäfte der dortigen BASF-Landesgesellschaft. Regelmäßige Besuche in Vermont bei der Großmutter Freya von Moltke, selbst einst im Widerstand gegen die Nazis, gehören zu den glücklichen Kindheitserinnerungen des Bankers James von Moltke, der sich mit ihr bis zuletzt trifft. 2011, fast hundertjährig, stirbt die weltweit geehrte Freya von Moltke; die von ihr angestoßene und nach ihr benannte Stiftung hält in Kreisau die Erinnerung an den Widerstand wach.

          In der Nachkriegszeit haben viele aus dem Adelsgeschlecht der Moltkes in der öffentlichen Verwaltung und im diplomatischen Dienst Karriere gemacht, ein Onkel war zum Beispiel Nato-Botschafter. Tradition hat freilich auch eine Tätigkeit im Finanzgewerbe, schließlich entstammte Freya von Moltke einer Familie Kölner Privatbankiers, den Deichmanns. Dieser Linie der Verwandtschaft sieht sich Enkel James von Moltke bis heute verpflichtet, fortan eben in Diensten der Deutschen Bank.

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