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Jalal Bagherli : Der Nomade

Jalal Bagherli, Chef von Dialog Semiconductor, in seinem Büro Bild: Foto Rainer Wohlfahrt

Eine Aktie gewinnt in einem Jahr mehr als 1000 Prozent: Dahinter steckt ein Exil-Iraner in Kirchheim unter Teck. Jalal Bagherli leitet das kleine Börsenwunder Dialog Semiconductor. Im iPhone stecken dessen Chips. Der Chef kann alles außer Schwäbisch.

          5 Min.

          Man ist die deutschen Manager müde geworden, die von der Konzernsprache Englisch, von "gestreamlinten Prozessen" und vom Arbeitsplatz Flugzeug berichten, während ihnen die deutsche Provinz aus allen Poren heraustritt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Jalal Bagherli ist ein freundlicher Perser, der wie ein harmloser Büromensch aussieht. Mit 18 Jahren kam der Lehrersohn aus Teheran ins britische Colchester, um Elektronik zu studieren. Die iranische Revolution versperrte seine Rückkehr in die Heimat und öffnete die Tür für eine wahrhaft globale Karriere.

          Der promovierte Ingenieur arbeitete in England, Frankreich, in den Vereinigten Staaten für Texas Instruments, Sony und eine kleine Start- up-Firma aus dem englischen Cambridge. Jetzt führt er den neuen deutsch-britischen Börsenstar Dialog Semiconductor, der im schwäbischen Kirchheim unter Teck sitzt und kleine Elektrochips in Taiwan bauen lässt, um sie an amerikanische und koreanische Kunden zu verkaufen, welche sie von chinesischen Fabriken in Smartphones, MP3-Player oder Netbooks einsetzen lassen.

          Bild: F.A.Z.

          Willkommen in der Globalisierung, willkommen in der Welt der kleinen Schaltkreise, willkommen in Kirchheim unter Teck. Teck ist eine Burg auf einem schwäbischen Hügel, zu dessen Füßen sich nach Westen hin der Kirchheimer Stadtteil Nabern samt einem großen Industriegebiet ausbreitet, das in seiner Glanzlosigkeit anderen Industriegebieten in nichts nachsteht. Hier hat das kleine Börsenwunder Dialog Semiconductor sein Plätzchen. Und Jalal Bagherli hat hier ein schmuckloses Büro mit Burgblick, für den Fall, dass er da ist und nicht unterwegs ist zu Kunden, Subunternehmern, Aktionären oder Niederlassungen des eigenen Unternehmens. Leider in der Economy-Klasse. Der Chef hat einen Sparkurs verordnet, der ihn selbst trifft. Es ist das Leben eines modernen Nomaden. Man ist viel unterwegs, und der Komfort könnte besser sein.

          Jalal Bagherli wirft in einem Englisch ohne regionale Färbung ein paar alte Vorstellungen über den Haufen: Ein Unternehmen braucht ein Hauptquartier. Falsch. Die wichtigen Leute seiner Firma treffen sich selten komplett in Kirchheim und ansonsten im Internet, auf Videokonferenzen oder sonst wie.

          Wozu sind die Handys sonst schlau geworden? "Ohne Smartphones wie Blackberry wäre dieses Unternehmen nicht denkbar", sagt Bagherli. Management by Handy. Seine Frau schimpft mit ihm, wenn er nachts im Schlafzimmer mit dem Gerät hantiert. Die Mobilisierung der Welt wiederum beschert Dialog seinen Absatzmarkt.

          Eine andere fundamentale Vorstellung von gestern lautet: Eine Industriefirma hat eine Fabrik oder wenigstens doch ein Fabrikle, sonst wäre es ja keine Industrie. Auch falsch. Dialog Semiconductor lässt seine Halbleiter nahezu komplett bei einem unbekannten Riesen aus Taiwan namens TSMC bauen. Der fertigt auf seinem Fabrikgelände in der Größe einer Kleinstadt Chips für lauter große Namen der Industrie. Außer Samsung und Intel beschäftigen fast alle erfolgreichen Halbleiterunternehmen asiatische Auftragsfertiger. Ihnen fehlt das Geld, alle zwei bis drei Jahre ihre Fertigungsstätten für die nächste Chip-Generation zu erneuern.

          So ist Dialog Semiconductor unter Bagherli zu einem reinen Ingenieurunternehmen geworden, das seine Produkte komplett bis zum Prototyp entwickelt und zur Fertigung nach Ostasien weggibt. Das klingt etwas exotisch, doch Adidas und Hennes & Mauritz machen es genauso.

          1999 am Neuen Markt mit Mondkursen gestartet

          Je nach Perspektive ist diese Form der globalen Arbeitsteilung eine Bedrohung oder eine Chance. Bagherli sieht es so: "Europa hat keine Ausrede mehr, auf eine Industrie zu verzichten." Heute kann jeder Industrieller werden, für die hochtechnologische Detailarbeit findet sich schon ein asiatischer Subunternehmer.

          Diese Vorstellung ist eine Provokation für die protestantisch-fleißige Schafferregion unter Teck, wo ein Fabrikle früher Ansehen und Einkommen begründete und einen unbestreitbaren Vorzug genoss: Sie war greifbar. Bei Dialog Semiconductor wummert, brodelt, leckt nichts mehr. Und das Hightech-Scheibchen, das hier ausgedacht wird, verschwindet zusehends auf schwer sichtbare Miniaturmaße.

          Bagherli beseitigt die Vorstellung, dass ein Chip ein sterbenslangweiliges Ding ist. Für ihn auf jeden Fall nicht. Er hat seine ganze Karriere dieser ominösen Scheibe verschrieben, die inzwischen kaum größer ist als der Fingernagel eines Babys.

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