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Umstrittenes Urlaubsziel : Die Türkei wird zum Streitthema der Reisebranche

Verlockung Antalya: Kritiker sagen, in der Türkei könne sich keiner mehr sicher sein - auch Touristen nicht. Bild: Reuters

In welches Land sollen Urlauber noch guten Gewissens reisen? Auf der Reisemesse ITB stellt ein langjähriger Touristiker provokante Thesen auf.

          Sommer, Sonne, Palmen – aber auch Schattenseiten. In die Präsentation der schönsten Reiseziele für den Sommer platzt auf der diesjährigen Reisemesse ITB eine Debatte darüber, wie und wohin die Deutschen grundsätzlich verreisen oder verreisen sollten. Auslöser sind Meldungen über verhaftete Journalisten und diplomatische Störungen mit der Türkei sowie die Mauerpläne des amerikanischen Präsidenten Donald Trump und dessen neues Dekret, um Einreisen aus einigen islamischen Ländern zu verhindern.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für beide Länder, die Türkei und Amerika, weisen Buchungsstatistiken Rückgänge aus. Während die Buchungsumsätze für die Vereinigten Staaten bis Ende Januar nach Angaben der GfK 9 Prozent unter dem Vorjahreswert liegen, weisen die Marktforscher für die Türkei einen drastischen Rückgang um 58 Prozent aus – während insgesamt kein Rückgang der Reisen zu erkennen ist.

          Die sich ansonsten unpolitisch gebende Reisebranche, die stets argumentiert, dass sich Krisen nach einiger Zeit wieder beruhigen, bekommt zu spüren, dass Urlauber ihre Reisepläne nicht mehr frei von politischen Ansichten schmieden. War 2016 das Jahr, in dem Urlauber aus Sicherheitsbedenken einige Länder mieden, ist 2017 das Jahr, in dem Moral und Weltanschauung stärker zu Kriterien der Zielwahl werden.

          „Für mich wäre die Türkei zurzeit das allerletzte Zielgebiet“

          Bei DER Touristik erkennt man gar den neuen Trend, dass Urlauber aufgrund politischer Vorbehalte in andere Länder ausweichen. Für Gesprächsstoff sorgte zum Messeauftakt zudem, dass der frühere TUI-Vorstand Karl Born von Türkei-Reisen abrät. „Für mich wäre die Türkei zurzeit das allerletzte Zielgebiet, in dem ich Urlaub machen würde. So demonstrativ gegen Urlaub war ich zuletzt bei Südafrika während der Apartheid-Politik“, sagte Born in einem Gespräch, das das Reiseblog Reception-Insider veröffentlichte.

          In der Branche sind das neue Töne. Am deutlichsten wurde bislang die nie ausgesprochene Vorsicht zur Türkei im Zusammenhang mit der Jahrestagung des Deutschen Reiseverbands (DRV) im November. Die sollte im türkischen Badeort Kusadasi stattfinden, musste aber nach Berlin verlegt werden, weil die Anmeldungen ausblieben. Zu Trump hat die Branche indes nicht komplett geschwiegen. David Scowsill, Präsident des Welttourismusverbands WTTC, hatte das Einreiseverbot als falsch bezeichnet, da es dem „grundsätzlichen Recht auf Reisefreiheit“ widerspreche. Auf der ITB präsentiert sich die Branche der Öffentlichkeit wieder als Sonnenland. Hochgehalten wird der Grundsatz, dass Menschen getrost dort Ferien machen können, wo ihre Regierenden zu Staatsbesuchen hinreisen.

          Der Urlauber müsse nicht moralischer sein als die Bundeskanzlerin. Diesen Grundsatz stellt Born für die Türkei in Frage. „Nirgendwo anders war die Schussfahrt von der Fast-Demokratie in die Diktatur so schnell wie in der Türkei. Nirgendwo anders wurden in einem kurzen Zeitraum so viele Journalisten eingesperrt wie in der Türkei“, sagt er. „Ich rate deutschen Urlaubern zu höchster Vorsicht. Was außerhalb der Hotelanlagen passiert, kann unberechenbar sein.“

          Noch herrscht Hoffnung in der Branche.

          Born will eine Diskussion anstoßen, die Reisebranche politischer machen. Offen pflichtet ihm kein Touristiker bei. „Wir informieren unsere Gäste über Sicherheitslagen in Zielgebieten in Form der Reisehinweise des Auswärtigen Amtes. Das gilt auch für die Türkei“, erklärt eine DER-Sprecherin. Auch TUI verweist auf das Außenministerium. Das rät Reisenden zu „besonderer Wachsamkeit und Vorsicht“ und empfiehlt, sich über die Lageentwicklung informiert zu halten sowie „engen Kontakt mit ihrem Reiseveranstalter oder ihrer Fluglinie“ zu halten.

          Noch herrscht Hoffnung in der Branche. 2016 hatte das Last-Minute-Geschäft die vorherigen Rückschläge der Türkei abgedämpft. „Wir gehen aber davon aus, dass die Nachfrage in die Türkei im Laufe des Jahres umso mehr steigt, je voller es in anderen Regionen wird und je attraktiver die Preise werden“, teilt DER Touristik mit. Auch TUI rechnet mit einer leichten Erholung zum Sommer. Letztlich solle aber der Urlauber seinen Vorlieben folgen. „Wir informieren unsere Kunden bestmöglich, damit diese ihre Entscheidung auf Basis der Fakten und der eigenen Präferenzen treffen können“, sagt ein Konzernsprecher. DER formuliert es so: „Jeder Gast trifft seine eigene Entscheidung, ob er dorthin reisen möchte oder ein anderes Land vorzieht.“

          „Mauern helfen niemandem“

          Die Türkei ist in der Rangfolge der meistgebuchten Flugreiseziele von Rang zwei auf Rang vier zurückgefallen – hinter Griechenland. Für die Vereinigten Staaten sind die Einbußen geringer. Ob sie durch Trumps Agieren zu erklären sind, lässt GfK-Marktforscherin Dörte Nordbeck offen. „Zum jetzigen Zeitpunkt lassen sich keine eindeutigen Schlüsse ziehen. Es gibt auch eine starken Wechselkurseffekt, der Amerika-Reisen teurer macht.“ Doch im Monat Januar sollen die Neubuchungen für Amerika 18 Prozent unter dem Vorjahr gelegen haben.

          Doch zur Eröffnung stimmte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries mahnende Töne an. Am Dienstagabend sagte sie laut Mitteilung: „Der Tourismus entwickelt sich dort besonders gut, wo Offenheit und Gastfreundschaft herrschen.“ Und: „Mauern helfen niemandem. Sie schaden vor allem denen, die sie bauen.“

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