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Israel und Schweden : Ein Boykott ohne Wirkung

Boykottieren sie noch oder kaufen sie schon? Ikea-Filiale in Netanya Bild: AFP

Diplomatisch liegen Israel und Schweden seit einer Woche über Kreuz. Wegen eines umstrittenen Zeitungsartikels hat ein israelischer Reservist seine Landsleute zum Boykott gegen Ikea und Volvo aufgerufen. Doch die Kampagne gegen Schweden zeigt wenig Wirkung.

          Kinderbücher und Popmusik, Wohlfahrtsstaat und Gleichberechtigung - das sind die Zutaten zum guten Image ihrer Heimat, von dem schwedische Unternehmen in aller Welt profitieren. Dass sichere Autos, günstige Möbel und junge Mode aus Skandinavien auch zwischen Haifa und Tel Aviv genauso beliebt sind wie Pippi Langstrumpf und Abba, lässt sich messen: Produkte im Wert von 3,5 Milliarden Kronen oder rund 350 Millionen Euro hat Schweden im vergangenen Jahr nach Israel exportiert, seit 1995 hat die Summe um satte 40 Prozent zugenommen. Der Telekommunikationsausrüster Ericsson, der Autobauer Volvo und die Möbelkette Ikea haben in dieser Zeit Verkaufsräume, Büros und Fabriken errichtet, und erst vor einem Monat hat auch die Modekette Hennes & Mauritz die Eröffnung ihrer drei ersten Läden in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa für den kommenden Frühling angekündigt.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Jetzt aber stellen ein umstrittener Zeitungsartikel, diplomatische Scharmützel und ein Boykottaufruf diese schwedisch-israelische Wachstumsgeschichte in Frage. Innerhalb von nur zwei Tagen kamen mehr als 10.000 Unterschriften zusammen, nachdem ein israelischer Reservist seine Landsleute dazu aufgerufen hat, keine schwedischen Produkte mehr zu kaufen. Er könne als einfacher Bürger nicht untätig bleiben, wenn in Schweden der israelischen Armee vorgehalten werde, sie handele mit den Organen getöteter Palästinenser, sagte der 27 Jahre alte Moran Hajbi dem Internetdienst Ynet.

          Israels Außenminister hat Schweden heftig kritisiert

          Stein des Anstoßes ist ein vor einer Woche in der Zeitung "Aftonbladet" veröffentlichter Artikel, der unter der Überschrift "Sie haben die Organe unserer Söhne geplündert" eine Verbindung zwischen illegalen Machenschaften im internationalen Handel mit Nieren und den Anklagen palästinensischer Hinterbliebener herstellt. Während Schwedens Botschafterin in Tel Aviv den Bericht umgehend verurteilte und Israels Außenminister Avgidor Lieberman dies auch von seinem schwedischen Kollegen Carl Bildt gefordert hat, lehnt dieser mit Verweis auf die Pressefreiheit einen solchen Schritt ab.

          Deshalb, so erklärt der Reservist Moran Hajbi nun seine Internet-Initiative, fordere er zum Boykott schwedischer Unternehmen wie Ikea und Volvo auf; und die Zahl seiner Unterstützer hört sich beeindruckend an. Doch in Netanja, wo sich seit 2001 die bislang einzige israelische Niederlassung von Ikea befindet, zeigt der Boykottaufruf bisher offenbar keine Wirkung, Billy-Regale und Moppe-Kommoden scheinen dem politischen Zwist zu trotzen. Ein Sprecher sagte im Armeerundfunk, die Verkaufsräume seien voll. Am Sonntag seien sogar so viele Möbel verkauft worden wie selten zuvor.

          Einkäufer berichten von ähnlichen Eindrücken, auch wenn einige Israelis in Netanja scherzend gesagt haben sollen, sie würden "nur schauen", aber nichts kaufen. Mit einer Verkaufsfläche von 23 000 Quadratmetern und 450 Beschäftigten gehört die Adresse in Netanja zu den mittleren Kalibern unter den rund 300 blau-gelben Ikea-Häusern auf der Welt. Der amerikanische Franchise-Nehmer, der sie betreibt, hält an seinem Plan fest, im nächsten Jahr eine weitere Filiale in Israel zu eröffnen. Entsprechend gelassen gibt sich die Ikea-Zentrale in Stockholm; das Unternehmen sei eine kommerzielle, keine politische Organisation, heißt es lapidar.

          Dass sich gerade im Nahen Osten mit diesem Argument eine Beschädigung der Geschäfte durch politische Auseinandersetzung nicht zwangsläufig vermeiden lässt, ist vielen Skandinaviern allerdings noch in unguter Erinnerung.

          Erinnerung an den Karikaturenstreit

          Nachdem die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" im Herbst 2005 ein Dutzend satirischer Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht hatte und daraufhin in vielen islamischen Ländern zum Boykott dänischer Unternehmen aufgerufen wurde, brachen deren Umsätze in der Region zum Teil spürbar ein. Der dänische Molkereikonzern Arla etwa kämpft nach Angaben seiner Sprecherin bis heute mit den Nachwirkungen; vor allem in Saudi-Arabien sei es schwierig, die verlorenen Umsatzanteile zurückzuerobern. Auf 450 Millionen Kronen habe sich 2006 der Verlust in der Region belaufen. In Saudi-Arabien wurde damals eine Fabrik geschlossen, auch in Dänemark gab es Entlassungen. Auch der Pharmakonzern Novo Nordisk und der Elektronikhersteller Bang & Olufsen berichteten von spürbaren Auswirkungen auf ihre Geschäfte.

          Wie damals geht es auch jetzt im Kern um die Pressefreiheit. Doch während die Schärfe des diplomatischen Konflikts nach dem von Israel vorgebrachten Vorwurf des Antisemitismus durchaus an den Karikaturenstreit zu erinnern beginnt, ist der Boykott bislang deutlich weniger durchschlagend. Nach Informationen der Zeitung "Jerusalem Post" hat auch Volvo keinen plötzlichen Rückgang der Bestellungen registriert. Rund 1100 Fahrzeuge verkauft der für seine besonders stabilen Fahrzeuge gerühmte Autohersteller aus Göteborg nach eigenen Angaben jedes Jahr in Israel. Pikanterweise ist ausgerechnet die israelische Regierung dabei einer der wichtigsten Kunden: Die meisten Fahrzeuge der Minister kommen aus Schweden. Aber selbst im Außenministerium, dessen Ressortchef Lieberman in diesen Tagen zu den heftigsten Kritikern Schwedens gehört, stellt man die Geschäftsbeziehungen zu Volvo deswegen offenbar nicht in Frage. Ein Sprecher des Ministeriums jedenfalls sagte, der Aufruf zum Boykott schwedischer Waren sei "nicht nötig und dumm".

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