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Neue Chefin der Macquarie-Bank : Stärke, Mut und Schüchternheit

Nach Nicholas Moore wird sie die neue Vorstandsvorsitzende von Macquarie: Shemara Wikramanayake Bild: Reuters

Sie arbeitet 12 bis 16 Stunden am Tag, er zieht die Kinder groß. Jetzt hat die „Fabrik der Millionäre“ Shemara Wikramanayake an die Konzernspitze befördert – und setzt mit der Berufung der Juristin ein Zeichen.

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          Arbeiten fast rund um die Uhr, ein Ehemann, der die beiden Kinder großzieht, und ein gutes Händchen für Zahlen – damit hat es Shemara Wikramanayake bis ganz nach oben geschafft: Als Nachfolgerin von Nicholas Moore wird sie Ende November die Vorstandsvorsitzende der australischen Investmentbank Macquarie. Damit findet die Laufbahn der studierten Juristin ihren Höhepunkt.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Fast ihre gesamte Karriere brachte sie in der „Fabrik der Millionäre“ zu, wie Macquarie aufgrund ihrer extremen Gehälter im Volksmund genannt wird. Wikramanayake war früh an Bord. Nach dem Jurastudium in Sydney arbeitete sie nur für ein Jahr in einer Wirtschaftskanzlei, um dann in „ihre“ Bank zu wechseln.

          Sie war hart gegen sich selbst – getreu dem Motto ihrer einstigen Schule in Sydney: „Stärke und Mut“. Nach der Geburt ihrer Tochter gewährte sie sich eine Auszeit von gerade einer Woche. Alles scheint sich der Bank unterzuordnen, auch der Humor ist derjenige von Managern: Während ihr Mann – natürlich auch ein ehemaliger Macquarie-Banker – ihr vorhalte, 16 Stunden täglich zu arbeiten, seien es in Wirklichkeit nur zwölf, gibt sie zu Protokoll. Hinzu, so ihr Gatte, kämen nun noch acht am Wochenende, weil sie die Stiftung der Bank führt.

          „Ich bin einfach grundsätzlich sehr an Menschen interessiert“

          Das ist viel Lebenszeit, selbst wenn man dafür fürstlich entlohnt wird. 17,6Millionen australische Dollar (11,8 Millionen Euro) waren es im Jahr 2016, Analysten erwarten 25 bis 30 Millionen im Jahr 2020. Aktien von Macquarie habe sie noch nie verkauft, sagt die Sechsundfünfzigjährige. Man glaubt es ihr.

          Bis heute schwärmt Wikramanayake von der „sozialen und intellektuellen Stimulierung“, die ihr die Arbeit in der Bank beschere. Ihre soziale Kompetenz, ihre offene Art Mitarbeitern gegenüber, habe sie so weit nach oben geführt. „Ich bin einfach grundsätzlich sehr an Menschen interessiert“, sagt sie. Andere beschreiben sie als eine gute Anführerin, die ihren Leuten Eigenverantwortung lässt, aber gleichwohl entscheidungsstark daherkommt. Nach 20 Jahren im Kauf und Verkauf von Firmen, im Management der Fonds und im klassischen Investmentbanking brachte sie es zur Chefin des weltumspannenden Anlagemanagements der Australier. Moore sagte, Wikramanayake sei spätestens seit 2001 seine „rechte Hand“ gewesen – sie wiederum revanchierte sich damit, niemals eine Palastrevolution anzuzetteln, im Gegenteil: Loyalität zu Moore zeichnete sie aus.

          Und das, obwohl sie seit langem diejenige ist, die das Geld ranschafft. Das Anlagenmanagement mit seinen 1500 Mitarbeitern in 28 Ländern machte sie schon vor mehr als zehn Jahren zur gewinnträchtigsten Sparte der Bank. Aus einem verwalteten Vermögen von rund 470 Milliarden Dollar erzeugte sie 1,6 Milliarden Dollar Gewinn, weit mehr als die Hälfte des Gesamtgewinns. Die Wirtschaftszeitung „Australian Financial Review“ beschreibt Wikramanayake als „brillanten Kopf, brillanten Deal-Maker und einen der Pfeiler von Macquaries unglaublichem Wachstum im vergangenen Jahrzehnt“.

          Mieten statt Haus kaufen

          Natürlich könnte die Managerin mit ihrer Leistung in der Öffentlichkeit auftrumpfen. Doch sie übt Zurückhaltung. Das passt zum Verhalten ihres Noch-Chefs Moore, aber auch zur Kultur. Bei Macquarie soll jeder an der langen Leine laufen, so arbeiten, wie er oder sie es für richtig hält, muss aber dann Erfolg nachweisen. Und so sagte die neue Chefin denn auch am Donnerstagmorgen: „Was ich erreichen möchte, liegt entsprechend dem klassischen Weg von Macquarie in den Herzen und Händen eines jeden Einzelnen hier.“ Die zierliche Frau ist schüchtern, sobald sie sich aus dem gewohnten Bankenumfeld herausbewegt – in dem schwimmt sie allerdings wie der Fisch im Wasser.

          Interviews mit ihr haben Seltenheitswert. Und wenn sie sich darauf einlässt, sagt sie wenig. Nur so viel: Ihre Eltern stammen aus Sri Lanka, doch die Familie siedelte erst nach London um, weil der Vater, ein Arzt, dort arbeitete, dann nach Sydney. Dort besuchte sie die angesehene Ascham-Mädchenschule. Die Umzüge um die halbe Welt mit den Eltern begründeten bei ihr vielleicht die Ruhelosigkeit, aber auch das Selbstvertrauen, an jedem Ort der Erde zurechtzukommen. Sie begann ihre Karriere in Sydney, wechselte dann aber rasch nach Melbourne, nach New York, zurück nach London, in die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur, lebte in Auckland und Wellington und am Finanzplatz Hongkong. Natürlich absolvierte sie auch einen Kurs in Harvard. Niemals aber kaufte sie ein Haus oder eine Wohnung, erzählt sie. Bei dem unsteten Weg sei das Mieten so viel einfacher gewesen. Das Herumziehen kommt ihr auch zugute: „Anonymität ist ein Luxus“, sagt sie und leistet ihn sich.

          Zwischendurch ein Sabbatjahr

          Australiens Geschäftskultur ist noch immer von Männern dominiert. Die Ernennung von Wikramanayake ist daher ein Zeichen. „Mein Geschlecht, meine ethnische Herkunft, meine Größe – ich zähle in vielerlei Hinsicht zur Minderheit“, sagt die neue Frau an der Spitze. Bei der australischen Großbank aber habe sie sich niemals falsch behandelt gefühlt. Sie wird nicht verhindern können, ab sofort zum Aushängeschild für das bessere „corporate Australia“ gemacht zu werden.

          Doch gibt es auch im Leben der Topbankerin einen Bruch: Kurz nach der Jahrtausendwende nahm sie sich auf dem Weg nach ganz oben ein Jahr Auszeit. Sie verbrachte mehr Zeit mit ihrem Mann, malte, prüfte andere Jobs und die Selbständigkeit, gründete eine Stiftung und ging öfter ins Sportstudio. „Macquarie hatte Glück. Ich habe keine anderen Talente an mir ausgemacht. Also bin ich zurückgekommen. Ich hatte herausgefunden, dass ich wirklich liebe, was ich tue“, sagt Wikramanayake.

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