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Interview : „Ich bezweifle, daß die VW-Affäre vollständig aufgedeckt wird“

  • Aktualisiert am

Niedersachsens Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP) Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Niedersachsens Wirtschaftsminister Hirche bezweifelt, daß die Korruptionsaffäre bei VW vollständig aufgedeckt werden kann. Im F.A.Z.-Interview äußert er sich über die Hartz-Nachfolge, den Verkauf der Landesbeteiligung und eine „pikante Situation“.

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          Volkswagen sucht mit Hochdruck nach einem Nachfolger für Peter Hartz. Der künftige Personalchef sollte unbedingt Berufserfahrung im Ausland gesammelt haben. Dafür plädiert Niedersachsens Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP), der als Vertreter des Landes und Hauptaktionärs im Aufsichtsrat von Volkswagen sitzt. Hirche bezweifelt, daß die Korruptionsaffäre, die den Automobilkonzern seit Ende Juni in Atem hält, vollständig aufgedeckt werden kann.

          Herr Hirche, bisher gibt es mit Helmuth Schuster und Klaus-Joachim Gebauer offiziell nur zwei Hauptbeschuldigte in der Korruptionsaffäre bei VW. Haben Sie Hinweise, daß weitere hochrangige Mitarbeiter in den Skandal verstrickt sind?

          Im Augenblick gibt es keine solchen Hinweise. Aber bei den laufenden Ermittlungen von Staatsanwaltschaft, interner Revision und KPMG spielt natürlich die Frage eine Rolle, ob es sich um Verfehlungen einzelner Personen handelt oder um ein Beziehungsgeflecht und ob unbekannte Dritte involviert sind. Dies muß mit Nachdruck untersucht werden. Ich erwarte, daß in der nächsten Aufsichtsratssitzung befriedigende Antworten gegeben werden.

          Gebauer verbreitet, daß sich nicht nur VW-Betriebsräte, sondern auch SPD-Politiker, darunter sogar ein Bundestags- und ein Landtagsabgeordneter, auf Kosten von Volkswagen mit Prostituierten vergnügt hätten. Stimmt das?

          Das sind Behauptungen, deren Wahrheitsgehalt ich nicht einschätzen kann. Wichtiger sind die Folgen etwaiger korrumpierender Maßnahmen auf die Geschäftspolitik. Die Frage lautet: Sind infolge von Begünstigungen irgendwelche Geschäftsentscheidungen beeinflußt worden?

          Gebauer wird ausgerechnet von Ihrem FDP-Kollegen Wolfgang Kubicki anwaltlich vertreten. Wie finden Sie das?

          Das ist schon eine pikante Situation. Ich persönlich halte nichts davon, daß Politiker derartige Mandate übernehmen. Gleichwohl trenne ich strikt zwischen dem, was Herr Kubicki als Anwalt macht, und dem, was die Politik zur Aufklärung der Vorgänge bei VW tut. Ich will, daß nicht nur möglichst viel, sondern alles aufgedeckt wird. Doch ich bezweifle, daß das gelingt.

          Warum?

          Weil die Verflechtungen so vielfältig sind, daß möglicherweise auch Herr Gebauer nicht alles auf den Tisch legt.

          Welche Rolle spielte Personalvorstand Peter Hartz?

          Herr Hartz ist zurückgetreten. Diese Entscheidung halte ich für honorig, aber auch für nachvollziehbar. Offenkundig wurden Konten geführt, ohne daß eine Kontrolle von Belegen stattgefunden hat. Daß in einem solchen Umfang pauschale Eigenbelege ausgestellt wurden, durfte nicht passieren.

          Wie lautet Ihr Anforderungsprofil an den künftigen Personalvorstand?

          Ganz wichtig ist, daß er internationale Erfahrung hat und seine Personalführung an international anerkannten Standards ausrichtet. Mehr Internationalität kann dem Unternehmen nur guttun.

          Also könnte auch ein Ausländer in Frage kommen?

          Ja, das kann ich mir vorstellen. Aber wichtiger ist die Auslandserfahrung. Auch bei der Entscheidung, Wolfgang Bernhard in den VW-Vorstand zu berufen, war dies ein wesentliches Kriterium. Der künftige Personalvorstand sollte einen ähnlichen Hintergrund haben wie Bernhard, der für Daimler-Chrysler in Amerika gearbeitet hat.

          Decken sich Ihre Vorstellungen mit denen der Arbeitnehmerseite?

          Möglicherweise haben andere Aufsichtsräte andere Kriterien.

          Gibt es schon einen heißen Kandidaten?

          Es wird mit Hochdruck an einer Klärung gearbeitet, weil eine Vakanz in einer so wichtigen Position natürlich nicht lange hinnehmbar ist.

          Wann fällt die Entscheidung?

          Ich gehe davon aus, daß zur nächsten Aufsichtsratssitzung am 23. September ein entsprechender Vorschlag präsentiert wird.

          Welche Verantwortung trägt der Aufsichtsrat für die Mißstände bei VW?

          Der Aufsichtsrat hat nach deutschem Recht die Aufgabe, den Vorstand zu kontrollieren, aber er darf sich nicht in operative Aufgaben einschalten.

          Hätten Sie und Ihre Kollegen nicht früher versuchen müssen, den über Jahrzehnte gewachsenen Filz im Unternehmen aufzulösen?

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