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Internethändler Wish : Angriff auf Amazon

Billige Ware, teurer Versand: Der Internetanbieter Wish ist damit erstaunlich erfolgreich und wirbt mit Brasiliens Fußballstar Neymar. Bild: Youtube/Wish

Der Internetladen Wish verkauft günstige Ware mit hohen Rabatten. Nahezu unbemerkt hat sich das Start-up an die Marktführer herangepirscht. Die Sache hat jedoch gleich mehrere Haken.

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          Den ganz großen Auftritt haben die Stars bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft nicht etwa auf dem Platz, sondern in den Werbepausen. Während bei der Weltmeisterschaft derzeit dramatische Niederlagen dominieren, werben Frankreichs Paul Pogba und der brasilianische Wunderkünstler Neymar für Gartenscheren, Hausschuhe und aufblasbare Einhörner. Sie geben ihre berühmten Gesichter her für Wish, eine Einkaufs-App, die besonders billige Ware vertreibt. Der Brasilianer Neymar teilte den Spot über seinen Instagram-Account und verzeichnete innerhalb nur weniger Tage fast zehn Millionen Aufrufe.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Der Hochglanz-Werbespot ist die erste Werbung der App, die sich nicht mehr nur auf die sozialen Netzwerke beschränkt. In den vergangenen Jahren hatten die Kalifornier vor allem auf Instagram und Facebook für ihre Plattform geworben. Allein das jährliche Werbebudget für Facebook soll 500 Millionen Dollar betragen. Damit wäre das Start-up einer der größten Werbekunden des sozialen Netzwerks. Es hat auch Großes vor: Nichts weniger, als den Online-Handel rund um den Globus zu verändern, hat man sich auf die Fahnen geschrieben. Das Unternehmensmotto: „Change the way the world shops.“

          Weitgehend unbemerkt hat sich Wish mit seiner Online-Plattform an die Marktführer Amazon und Alibaba herangepirscht. Im vergangenen Jahr war Wish in Amerika die Shopping-App mit den meisten Downloads. Sie verzeichnete damit mehr neue Nutzer als Amazon. Auch in Deutschland wurde die kostenlose App hunderttausendfach heruntergeladen. Tendenz – besonders seit dem neuen Fernseh-Werbespot, der während der WM rauf und runter läuft – stark steigend.

          Der Online-Handel schien bereits aufgeteilt

          Gerade noch dachte man, Amazon und Alibaba hätten sich die Shopping-Welt aufgeteilt. Im Westen die Kalifornier mit dem Versand am selben Tag, einem eigenen Streaming-Dienst und über 800 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung. Im Osten der chinesische Internetgigant Alibaba mit einem Umsatz von knapp 40 Milliarden Euro, über 66000 Mitarbeitern und einer Marktkapitalisierung von 440 Milliarden Dollar. Doch die kleine Shopping-App Wish nagt an den Marktanteilen der ganz Großen. Gerade in der jungen Zielgruppe greift sie zunehmend Kunden ab. Marktgerüchten zufolge sollen sowohl Amazon als auch Alibaba schon Übernahmeabsichten geäußert haben. Konkrete Angebote blieben jedoch bislang aus.

          Auch Gareth Bale wirbt für den Emporkömmling.

          2011 gründeten Peter Szulczewski, früher als Software-Ingenieur bei Google angestellt, und Danny Zhang, ehemals Yahoo-Angestellter, das Start-up in San Francisco als eine Art Wunschzettel für Online-Einkäufer. Nur eine Handvoll Mitarbeiter war nötig, um die Software in Schuss zu halten. Heute hat das Unternehmen über 300 Mitarbeiter und ein neues Konzept. Denn als die App an Beliebtheit gewann, stellten die Gründer fest, dass die Nutzer besonders oft Billigprodukte aus China zu ihren Wunschlisten hinzufügten. In der Konsequenz überarbeitete das Start-up seine Software. Anstatt die Produkte nur abzuspeichern, können Kunden sie nun über Wish direkt erwerben. Die App fungiert als Vermittler zwischen den Online-Anbietern und den Kunden, vertreibt aber selbst – im Gegensatz zu Amazon und Alibaba – keine eigenen Produkte. Bezahlt wird online per Klarna-Überweisung oder Kreditkarte.

          300 Millionen Kunden hat das Unternehmen nach eigenen Angaben. Mehr als zwei Millionen Produkte würden jeden Tag verkauft, behauptet Wish. Im vergangenen Jahr knackte Wish erstmals die Milliardenmarke: Über eine Milliarde Dollar wurden über die Plattform umgesetzt, der Gewinn liegt noch im einstelligen Millionenbereich. In den Jahren zuvor hatte sich der Umsatz beinahe jährlich verdoppelt, so der Gründer Peter Szulczewski. Woher kommt der Erfolg der App in Zeiten, wo das Jagdgebiet des Online-Handels längst durch Amazon abgegrast zu sein schien?

          Niedrige Preise, lange Lieferzeiten

          Szulczewski spricht in diesem Zusammenhang gerne von „der unsichtbaren Hälfte“. Diese mache einen Großteil der Wish-Kundschaft aus. Er meint damit die Teile der Bevölkerung, die anders als Amazon-Prime-Kunden nur wenig Geld im Monat für Konsum ausgeben können und daher als besonders preissensibel gelten. Einkommensschwächere amerikanische Familien oder Studenten ohne regelmäßiges Einkommen etwa. Denn die App bietet alles zu Schleuderpreisen an. Einen Beamer für 18 Euro, ein Tablet für 28 Euro oder ein Kleid für 3 Euro. Manche Produkte werden gar als kostenlos beworben, der Kunde zahlt nur den Versand. Ein Paradies für Schnäppchenjäger. Die andere Großgruppe unter den Kunden sind die sogenannten „Digital Natives“, also diejenigen, die mit dem Smartphone groß geworden sind und einen Großteil ihrer Erledigungen über dieses abwickeln. Während der Amazon-Kunde noch überwiegend über den Desktop einkauft, wischt sich der Wish-Kunde während der Fahrt mit der Straßenbahn durch Produktlisten. Es gibt mehrere Studien, die belegen, dass Handynutzer eher auf „Kaufen“ klicken als andere Verbraucher. Davon profitiert die App.

          Während Amazon-Kunden meist gezielt nach Produkten suchen, nutzen Wish-Kunden die Funktion „Stöbern“. Die App wird durch die Algorithmen einerseits personalisiert, so dass Produkte angezeigt werden, die der Nutzer mit einer höheren Wahrscheinlichkeit kaufen möchte. Andererseits regt das Stöbern aber auch dazu an, Produkte zu bestellen, die man gar nicht gesucht hat – und womöglich auch niemals suchen würde. Denn die Absurdität des Angebots übertrifft so manche Vorstellungskraft: Da gibt es zum Beispiel Pflaster, die, angeblich vollgestopft mit traditioneller chinesischer Medizin, beim Abnehmen helfen wollen – unzählige Vorher-nachher-Bilder sollen den Beweis liefern. Oder Gadgets, deren Nutzen höchst zweifelhaft ist, wie etwa eine Chips-Schale mit integrierter Halterung für ein Smartphone.

          Natürlich hat die Sache auch einen Haken: Wer so billig einkaufen möchte, muss zwangsläufig Einbußen bei Lieferzeiten und Service in Kauf nehmen. Lieferzeiten von bis zu einem Monat oder gar darüber hinaus sind keine Seltenheit. Doch Szulczewski spielt auch hier die Preissensibilität seiner Kunden in die Hände. Auf einer Tech-Konferenz sagte er: „Unsere Nutzer sind bereit, zwei oder drei Wochen zu warten, um zwei, drei Euro zu sparen.“ Der Grund für die langen Lieferzeiten: Die meisten der Händler sitzen in China. Das macht auch den Kundenservice umständlich. Reklamationen sind kaum möglich, eine Adresse zur Rücksendung gibt es nicht in allen Fällen, und wenn, ist diese kostenpflichtig.

          Jeder Kauf ein Risiko?

          Auch der Versand kostet – anders als im Prime-Programm von Amazon. So sind zwar die Produkte oft extrem billig. Wer mehrere Produkte auf einmal bestellt, kommt aber schnell auf Versandkosten, die in etwa dem Einkaufswert entsprechen. Da Wish nur als Vermittler arbeitet, berechnet jeder Händler seine Versandkosten extra. Umso ärgerlicher ist das, wenn das Gelieferte nicht den Erwartungen entspricht. Mal werden schlicht falsche Produkte geschickt, mal entspricht die Ware nicht den Bildern, mit denen sie beworben wird. Auch die Qualität lässt anscheinend oft zu wünschen übrig. Das Unternehmen brummt dennoch: Für den geringen Betrag sind die Käufer offensichtlich willens, das Risiko, mangelhafte Ware zu erhalten, in Kauf zu nehmen. Eine wirkliche Garantie auf Lieferung und Qualität hat der Käufer nicht. Die Verbraucherzentrale mahnt daher zu Vorsicht.

          Und noch etwas müssen die Schnäppchenjäger bedenken: Viele der angebotenen Produkte sind zollpflichtig, nur bei einem Einkaufswert von bis zu 22Euro ist die Ware zollfrei. Neben den Versandkosten kommen also weitere Kosten hinzu, die je nach Warenwert einkalkuliert werden müssen. Sendungen innerhalb der Europäischen Union sind grundsätzlich frei. Derzeit kommen jedoch die wenigsten Anbieter aus Europa.

          Auf die Kritik hat Wish inzwischen reagiert. Zum einen will das Unternehmen die Gebühren in naher Zukunft in den angezeigten Preis integrieren und so für mehr Transparenz sorgen und bösen Überraschungen vorbeugen. Zum anderen startet das Unternehmen gleich mehrere Kooperationen. Für deutsche Kunden ist Besserung in Sicht: SF Express Partners, ein chinesischer Logistiker, der jüngst eine Absichtserklärung für den Flughafen Halle-Leipzig unterzeichnet hat, will dort ein neues Drehkreuz für den Online-Handel einrichten. Damit sollen nach Vorstellung von Szulczewski und Zhang die langen Wartezeiten auch in Deutschland Geschichte sein.

          Das dürfte dem Start-up weiteren Auftrieb verschaffen und es noch ein Stückchen näher an Amazon heranrücken. Dort wiederum hat man auf den neuen Billigtrend reagiert: In Amerika bietet Amazon nun die Kategorie „Freier Versand unter zehn Dollar“ an. Diese richtet sich eindeutig an die Wish-Kunden mit dem Wettbewerbsvorteil des besseren Kundenservice. Der Kampf um „die unsichtbare Hälfte“ und hartgesottene Schnäppchenjäger ist eröffnet.

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