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Internethändler Wish : Angriff auf Amazon

Während Amazon-Kunden meist gezielt nach Produkten suchen, nutzen Wish-Kunden die Funktion „Stöbern“. Die App wird durch die Algorithmen einerseits personalisiert, so dass Produkte angezeigt werden, die der Nutzer mit einer höheren Wahrscheinlichkeit kaufen möchte. Andererseits regt das Stöbern aber auch dazu an, Produkte zu bestellen, die man gar nicht gesucht hat – und womöglich auch niemals suchen würde. Denn die Absurdität des Angebots übertrifft so manche Vorstellungskraft: Da gibt es zum Beispiel Pflaster, die, angeblich vollgestopft mit traditioneller chinesischer Medizin, beim Abnehmen helfen wollen – unzählige Vorher-nachher-Bilder sollen den Beweis liefern. Oder Gadgets, deren Nutzen höchst zweifelhaft ist, wie etwa eine Chips-Schale mit integrierter Halterung für ein Smartphone.

Natürlich hat die Sache auch einen Haken: Wer so billig einkaufen möchte, muss zwangsläufig Einbußen bei Lieferzeiten und Service in Kauf nehmen. Lieferzeiten von bis zu einem Monat oder gar darüber hinaus sind keine Seltenheit. Doch Szulczewski spielt auch hier die Preissensibilität seiner Kunden in die Hände. Auf einer Tech-Konferenz sagte er: „Unsere Nutzer sind bereit, zwei oder drei Wochen zu warten, um zwei, drei Euro zu sparen.“ Der Grund für die langen Lieferzeiten: Die meisten der Händler sitzen in China. Das macht auch den Kundenservice umständlich. Reklamationen sind kaum möglich, eine Adresse zur Rücksendung gibt es nicht in allen Fällen, und wenn, ist diese kostenpflichtig.

Jeder Kauf ein Risiko?

Auch der Versand kostet – anders als im Prime-Programm von Amazon. So sind zwar die Produkte oft extrem billig. Wer mehrere Produkte auf einmal bestellt, kommt aber schnell auf Versandkosten, die in etwa dem Einkaufswert entsprechen. Da Wish nur als Vermittler arbeitet, berechnet jeder Händler seine Versandkosten extra. Umso ärgerlicher ist das, wenn das Gelieferte nicht den Erwartungen entspricht. Mal werden schlicht falsche Produkte geschickt, mal entspricht die Ware nicht den Bildern, mit denen sie beworben wird. Auch die Qualität lässt anscheinend oft zu wünschen übrig. Das Unternehmen brummt dennoch: Für den geringen Betrag sind die Käufer offensichtlich willens, das Risiko, mangelhafte Ware zu erhalten, in Kauf zu nehmen. Eine wirkliche Garantie auf Lieferung und Qualität hat der Käufer nicht. Die Verbraucherzentrale mahnt daher zu Vorsicht.

Und noch etwas müssen die Schnäppchenjäger bedenken: Viele der angebotenen Produkte sind zollpflichtig, nur bei einem Einkaufswert von bis zu 22Euro ist die Ware zollfrei. Neben den Versandkosten kommen also weitere Kosten hinzu, die je nach Warenwert einkalkuliert werden müssen. Sendungen innerhalb der Europäischen Union sind grundsätzlich frei. Derzeit kommen jedoch die wenigsten Anbieter aus Europa.

Auf die Kritik hat Wish inzwischen reagiert. Zum einen will das Unternehmen die Gebühren in naher Zukunft in den angezeigten Preis integrieren und so für mehr Transparenz sorgen und bösen Überraschungen vorbeugen. Zum anderen startet das Unternehmen gleich mehrere Kooperationen. Für deutsche Kunden ist Besserung in Sicht: SF Express Partners, ein chinesischer Logistiker, der jüngst eine Absichtserklärung für den Flughafen Halle-Leipzig unterzeichnet hat, will dort ein neues Drehkreuz für den Online-Handel einrichten. Damit sollen nach Vorstellung von Szulczewski und Zhang die langen Wartezeiten auch in Deutschland Geschichte sein.

Das dürfte dem Start-up weiteren Auftrieb verschaffen und es noch ein Stückchen näher an Amazon heranrücken. Dort wiederum hat man auf den neuen Billigtrend reagiert: In Amerika bietet Amazon nun die Kategorie „Freier Versand unter zehn Dollar“ an. Diese richtet sich eindeutig an die Wish-Kunden mit dem Wettbewerbsvorteil des besseren Kundenservice. Der Kampf um „die unsichtbare Hälfte“ und hartgesottene Schnäppchenjäger ist eröffnet.

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