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Intel gegen alle : Chipbranche im Rechtsstreit

Großer Aufmarsch: Intel-Mitarbeiter im Reinraum Bild: dpa

Intel mischt die Chipindustrie auf. Mitten in der Krise will das Unternehmen eine neue Fertigungstechnologie einführen und mit Milliarden von Dollar in neuen Produktionsstätten seine Spitzenposition festigen. Zur Not mit Hilfe seiner Juristen.

          Intel mischt die Chipindustrie gleich in mehrfacher Hinsicht auf. Während die Branche schwer unter der Weltwirtschaftskrise leidet und die Verluste vieler Hersteller auf Rekordniveau steigen, wird der Weltmarktführer aus Kalifornien in den kommenden Monaten eine neue Fertigungstechnologie einführen, Milliarden von Dollar in neue Produktionsstätten stecken und versuchen, seine Spitzenposition in der Branche zu festigen. Dabei scheut der Vorstand auch nicht davor zurück, juristische Pfade zu beschreiten.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf der einen Seite sieht sich der Konzern seitens der EU-Kommission in Brüssel Vorwürfen ausgesetzt, gegen Wettbewerbsregeln verstoßen zu haben. Eine Entscheidung der Wettbewerbshüter steht dem Vernehmen nach unmittelbar bevor. Das könnte Intel einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Auf der anderen Seite überzieht Intel Partner und Konkurrenten mit handfesten Klagen. Die Chiphersteller AMD und Nvidia sehen sich durch dieses Vorgehen besonders hart getroffen.

          Nvidia-Chef klagt über Konfusion der Kunden

          Wie der sich gern bestimmt, doch unkonventionell gebende Vorstandsvorsitzende des Produzenten von Graphikchips Nvidia, Jen-Hsun Huang, der F.A.Z. sagte, habe die von Intel in Amerika eingereichte Klage auf die „künftige Beendigung eines gegenseitigen Abkommens zur Nutzung wichtiger technologischer Patente“ zu einer Konfusion der Kunden und daher zum Rückgang des Umsatzes geführt. „Es ist nicht existenzbedrohend, aber schädlich für uns“, sagte er. Intel wollte sich dazu nicht äußern. Es gäbe keine neuen Informationen, erklärte ein Sprecher des Weltmarktführers.

          „Schädlicher Streit über Patente”: Jen-Hsun Huang, der Vorstandsvorsitzende von Nvidia

          Die Chipindustrie durchlebt derzeit eine schwere Krise. Nach Angaben des Analystenhauses iSupply gingen die Umsätze der Branche 2008 um 5 Prozent auf 260 Milliarden Dollar zurück. Gartner prognostiziert für 2009 einen Rückgang um weitere 20 Prozent. In diesem Umfeld startete der mit einem Quartalsumsatz von mehr als 7 Milliarden Dollar große Marktführer Intel eine Investitionsoffensive, bringt bessere Technologien auf die Märkte und versucht so, seine führende Position in der Branche zu festigen. Verlustreiche Konkurrenten wie AMD geben sich neue Geschäftsmodelle und gründen ihre teuren Fertigungsstandorte aus. Fabriklose Hersteller wie Nvidia, der im vorletzten Quartal eine Halbierung des Umsatzes auf eine halbe Milliarde Dollar verbuchte, konzentrieren ihre Ressourcen auf die Entwicklung. Seit Anfang des Jahres geht Intel gegen AMD und Nvidia juristisch vor. Im Februar stellte der Konzern eine Vereinbarung zur gegenseitigen Nutzung von Lizenzen mit Nvidia zur Disposition. Dessen Vorstand fand eine Feststellungsklage des großen Partners vor einem amerikanischen Gericht auf seinem Tisch. Intel geht es darum, dass das 2004 eingegangenen Nutzungsabkommen nicht auf Lizenzen für Mikroprozessoren zutrifft, dass Nvidia das fälschlicherweise behaupte und dass es solche Behauptungen zu unterlassen habe.

          Mit einem ähnlichen Schritt stellte Intel Mitte März dem Prozessorenhersteller AMD und dessen neuer Fertigungsgesellschaft Globalfoundries die 2001 vereinbarte Nutzung seiner Patente zur Herstellung zentraler Steuerbausteine (CPU) unter dessen Umstrukturierung der Kapitalseite in Frage. Doug Grose, Vorstandschef von Globalfoundries, nannte das lediglich ein „taktisches Manöver von Intel“. Huang von Nvidia sieht das in seinem Fall ähnlich. „Intel verklagt uns für etwas, das wir bislang weder produziert noch auf den Markt gebracht haben“, sagte er. Daraufhin verklagte Nvidia Intel auf „Vertragsbruch“.

          Ein Urteil wird für 2010 erwartet

          Der Ausgang des Streits ist ungewiss. Ein Urteil wird für 2010 erwartet. Wenn Nvidia recht bekäme, dürfte Intel wichtige GPU-Technologie nicht mehr in seinen Produkten verwenden. Bislang darf Intel Chips herstellen, die Technologie aus dem Hause Nvidia beinhalten. Im Gegenzug ist es Nvidia erlaubt, Chip-Sets zu entwerfen, die auf Intel-Technologie beruhen. Intel ist bei CPUs stark, Nvidia bei sogenannten Grafikchips (GPU), wie sie für Visualisierungen in Computern nötig sind. Die technische Entwicklung geht in die Richtung, dass CPU und GPU eng aneinander gebunden werden.

          Als Nvidia vor diesem Hintergrund 2008 eine „Ion“ genannte neuartige Hybrid-Chip-Plattform auf den Markt brachte, gelang es dem Unternehmen, Apple dafür zu gewinnen. Seither sind die Notebooks des prestigeträchtigen Computerbauers mit Nvidia-Chipsätzen ausgestattet. Bis dahin waren sie von Intel-Prozessoren gesteuert. Nvidia war auch bei anderen Herstellern auf dem Vormarsch. Intel sah sich bedrängt. Wie Grose von Globalfoundry vermutet nun auch Nvidia-Chef Huang hinter dem Vorgehen von Intel taktische Manöver. „Unsere Kunden sind verunsichert. Das kostet uns Absatz und Umsatz“, sagte er. Details dazu nannte er nicht. Dessen ungeachtet peilt Nvidia für die kommenden Jahre an, mit neuen Produkten Intel Paroli zu bieten und den Konzernumsatz auf 10 Milliarden Dollar zu verdoppeln.

          Intel fährt schwere Geschütze auf. Der größte Hersteller von Computerchips investiert nicht nur kräftig und treibt die technische Entwicklung der Branche deutlich voran. Er geht gegen seine schärfsten Konkurrenten AMD und Nvidia auch juristisch vor.

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