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Insolvenzverfahren : Der Arcandor-Komplex in drei Akten

  • -Aktualisiert am

Seine Arbeit begann mit Hoffnungen, jetzt kriegt er Kritik von allen Seiten: Insolvenzverwalter Görg Bild: dpa

Montag: Arcandor, Dienstag: Karstadt, Mittwoch: Quelle. Die Gläubiger bewältigen nächste Woche in der Essener Grugahalle den größten Pleitefall in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Sie versuchen es zumindest.

          5 Min.

          Der Wochenplan entspricht der Dramaturgie der bislang größten Insolvenz in Deutschland. Am Montag dürfte zum Auftakt noch geschäftige Routine herrschen. Am Dienstag wird es mit kontroversen Debatten schon prekärer. Und am Mittwoch ist die Eskalation von Emotionen nicht ausgeschlossen. Drei Tage ist die Essener Grugahalle für den Marathon auf den Gläubigerversammlungen gebucht.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Viele hundert Menschen werden in die auf Großveranstaltungen ausgelegte Grugahalle strömen, um ihre Ansprüche an die zusammengebrochene Einzelhandels- und Touristikgruppe anzumelden. Der Arcandor-Komplex umfasst mit insgesamt 37 Verfahren rund 75.000 Gläubiger, darunter zahlreiche Mitarbeiter.

          In allen drei Veranstaltungen wird eine Person im Mittelpunkt stehen. Nein, nicht Thomas Middelhoff, der frühere Vorstandsvorsitzende von Arcandor, derjenige, der strategisch viel versäumt, dafür aber umso mehr Kosmetik für die Bilanzen des maroden Handelskonzerns betrieben hat, so dass am Ende Tausende Arbeitsplätze und Existenzen vernichtet, das Vermögen der Aktionäre ruiniert, das Privatbankhaus Sal. Oppenheim im Angesicht der Schieflage in die Hände der Deutschen Bank getrieben und schließlich der größte Teil des Vermögens von Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz vernichtet wurden.

          Arcandor ist nur noch eine Hülle ohne operative Zukunft

          Insolvenzverwalter Görg am Pranger

          Am Pranger wird vielmehr Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg stehen, der am 9. Juni mit den Insolvenzanträgen von Arcandor, Karstadt und Primondo/Quelle die Regie über eine Herkulesaufgabe übernommen hat. Was am Anfang mit Hoffnungen begonnen hat, mündet seit Wochen in zunehmender Kritik von allen Seiten: von den Banken, der Politik, den Gewerkschaften, von Bietern und potentiellen Käufern für die Restbestände einer einst großen Handelsgruppe. Und natürlich von den Quelle-Mitarbeitern, die diese Woche auf die Straße gegangen sind. Versäumnisse und Fehler werden ihm vorgeworfen, unrealistische Annahmen, Verzögerungen und Hinhaltetaktiken. Diese Kritik habe er für "unvermeidbar" gehalten. Denn eine Vergnügungsreise, sagte der 68 Jahre alte erfahrene Haudegen des Insolvenzrechts im Interview mit dieser Zeitung (F.A.Z. vom 26. Oktober), sei das von Anfang an nicht gewesen. Er selbst gesteht ein, dass er Fehleinschätzungen getroffen habe.

          Am leichtesten dürfte ihm der Auftritt am Montag fallen, wenn um 14 Uhr die Gläubiger der Obergesellschaft Arcandor AG zusammentreffen, und er einen Zwischenbericht über die Geschehnisse seit dem Tag der Insolvenzanmeldung gibt. Arcandor ist nur noch eine Hülle ohne operative Zukunft. Alle Vermögensgegenstände sind verpfändet oder bereits verkauft. Middelhoff hat es während seiner Tätigkeit geschafft, selbst den Staub aus den Regalen zu verwerten, um eine gute Bilanz hinzukriegen, wie es Görg mehrfach formulierte. Die einzig werthaltige Beteiligung, die am Reisekonzern Thomas Cook, war an Banken verpfändet und wurde zwischenzeitlich für eine Milliarde Euro an institutionelle Anleger verkauft.

          Komplex wird es am Dienstag, wenn sich um 10 Uhr die Gläubiger von Karstadt versammeln. Nach dem Abwicklungsbeschluss für das einst größte Versandunternehmen Quelle geht es nun um die Rettung der Warenhäuser, für die ein Insolvenzplanverfahren angestrebt wird. So will Görg den Gläubigern zumindest die Eckpunkte eines von seinen Teams erarbeiteten Sanierungskonzeptes vorstellen. Der endgültige Insolvenzplan mit dem Ziel der Fortführung von Karstadt in Eigenregie und dem parallel eingeleiteten Verkauf soll auf einer gesonderten Gläubigerversammlung noch möglichst im Dezember verabschiedet werden.

          Zugeständnisse in Millionenhöhe erwartet

          Einige wichtige Hürden für das Sanierungskonzept scheinen inzwischen genommen: Görg erwartet von allen Beteiligten erhebliche Zugeständnisse in Millionenhöhe, von den Lieferanten und Dienstleistern ebenso wie von den Vermietern und den Mitarbeitern. Nachdem Lieferanten und Vermieter bereits Unterstützung signalisiert haben, konnte am Wochenende auch eine Einigung mit den Arbeitnehmervertretern erreicht werden. Die 28.000 Karstadt-Beschäftigten wollen in den nächsten drei Jahren einen Sanierungsbeitrag von insgesamt rund 150 Millionen Euro leisten. Für Görg wäre es ein Erfolg in einer ansonsten kritischer werdenden Lage, wenn er am Dienstag eine Lösung für sämtliche Sanierungsbeiträge präsentieren könnte.

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