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Insolvenzrecht : Schlammschlacht im Auftrag von Thomas Middelhoff

  • -Aktualisiert am

Gegen den ehemaligen Arcandor-Vorstandschef Thomas Middelhoff laufen Klagen in Millionenhöhe Bild: dpa

Der in Bedrängnis geratene Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff fährt schweres Geschütz auf: Seine Anwälte werfen dem Karstadt-Insolvenzverwalter Görg Prozessbetrug vor. Derweil ermitteln Staatsanwälte gegen Middelhoff.

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          Die Anwaltskanzlei zählt zu den 20 größten in Deutschland. Gerade für ihre Arbeit mit der Sanierung von Unternehmen hat sie vom Branchendienst Juve schon mehrere Auszeichnungen eingeheimst. Und ihr Gründungs- und Namenspartner, der mittlerweile 70 Jahre alte Klaus Hubert Görg, gilt als einer der Altmeister des deutschen Insolvenzrechts.

          Doch nach Ansicht der Rechtsanwälte von Thomas Middelhoff, dem einstigen Arcandor-Vorstandschef, ist Görg ein Krimineller. Mit seinen derzeit laufenden Millionenklagen gegen Middelhoff habe sich der Insolvenzverwalter wegen „versuchten Prozessbetrugs“ strafbar gemacht, sagte der Rechtsanwalt Winfried Holtermüller am Dienstag in Stuttgart: „Görg hat dem Gericht einen falschen Sachverhalt vorgetragen, um ein falsches Urteil zu erwirken.“ Vor einer Woche wurde die Strafanzeige losgeschickt. Die Anschuldigungen des Verteidigertrios von Middelhoff wiegen schwer. Alles, was den ehemaligen Karstadt-Manager entlaste, habe Görg in seinen beiden Zivilklagen verschwiegen. Mehr noch: „Er sitzt auf seinem Material und hält es so lange wie möglich unter Verschluss“, verkündete Holtermüller. „Aber er macht sich kaum die Mühe, es wenigstens selbst einmal durchzuarbeiten.“ In Tausenden von Leitzordnern lägen bei ihm die Akten herum – in „unvorstellbarer Unordnung“ und teilweise noch immer unbeschriftet in alten Pralinenschachteln. Monatelang hat sich das Anwaltsteam nach seinen Angaben vergeblich bemüht, an die Unterlagen mit Gegenbeweisen zu kommen.

          „100.000 Euro zusätzliche Einnahme“

          Schließlich habe ihnen Görg zwar erlaubt, dass sie selbst das Material sichten, dafür aber zunächst einen Anwalt mit einem Stundensatz von 300 Euro als Aufpasser verlangt. „Das hätte ihm 100.000 Euro als zusätzliche Einnahmequelle verschafft.“ Die unverhohlene Vermutung von Holtermüller und seinen beiden Kollegen, dem namhaften Strafverteidiger Sven Thomas und dem Wirtschaftsanwalt Hartmut Fromm, Gründer der Kanzlei Buse Heberer Fromm: Görg verdiene kräftig an den von ihm angestrengten Prozessen, die seine eigene Kanzlei führe. Und falls er mit seinen Behauptungen obsiege, mehre dies noch einmal sein Honorar als Insolvenzverwalter. Dieses beträgt ohnehin schon rund 30 Millionen Euro, manche sprechen gar von deutlich mehr.

          Altmeister des Insolvenzrechts oder Krimineller? Klaus Hubert Görg

          Görg weist all diese Anschuldigungen zurück. „Der Insolvenzverwalter muss auch möglichen Ansprüchen gegen frühere Akteure nachgehen“, sagte er dieser Zeitung auf Anfrage. „Würde er dies unterlassen, würde er persönlich haften.“ Für Middelhoff, der nun trotzdem zu solch harten Bandagen greift, steht erst recht viel auf dem Spiel. Gleich zwei Klagen hat Görg gegen ihn eingereicht. Vor dem Landgericht Essen fordert er allein von ihm 175 Millionen Euro an Schadensersatz. Zehn weitere ehemalige Vorstände und Aufsichtsräte sind ebenfalls ins Visier des Insolvenzverwalters geraten – darunter zwei Vertreter der Arbeitnehmerbank, die mit jeweils 100.000 Euro zur Kasse gebeten werden sollen.

          Schlechtere Konditionen zum eigenen Vorteil

          Der Hauptvorwurf: Middelhoff habe für fünf wichtige Karstadt-Standorte überhöhte Mieten akzeptiert. Besonders pikant daran ist, dass er davon selbst profitierte. Denn er hatte privat Geld in geschlossenen Immobilienfonds angelegt, die die Privatbank Sal. Oppenheim gemeinsam mit dem Immobilienentwickler Josef Esch aufgelegt hatte. Das persönliche Investment fiel zwar in eine Zeit, als Middelhoff noch nicht für Karstadt tätig war. Doch soll er es nach seinem Amtsantritt unterlassen haben, auf bessere Konditionen für den Kaufhauskonzern zu dringen.

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