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Insolvenz : Die Rettungsversuche für Quelle fangen erst an

Quelle: Die Bestellungen seien durch die öffentliche Diskussion zurückgegangen, so das Unternehmen Bild: ddp

Der Massekredit für das insolvente Versandhaus Quelle ist nach zähen Verhandlungen bewilligt. Die Zukunft aber bleibt ungewiss. Nun muss der Insolvenzverwalter ein Rettungskonzept erarbeiten. Der Weg für das Fürther Unternehmen ist steinig.

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          Nachdem am späten Montagabend der Notkredit über 50 Millionen Euro für die Quelle GmbH nach langen Verhandlungen von Bund und Ländern doch noch freigegeben worden ist, sollen nun so schnell wie möglich ausstehende Zahlungen beglichen werden. Es geht um die Rückkehr zum normalen Geschäftsbetrieb, der unter den öffentlichen Diskussionen gelitten hat.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Zudem muss ein Sanierungskonzept erarbeitet werden, das Mitte August vorliegen soll und mit empfindlichen Einschnitten verbunden sein dürfte. Erste, längst überfällige Zahlungen etwa an Lieferanten und Druckereien könnten an diesem Mittwoch erfolgen, nachdem nun auch die EU-Kommission ihr Plazet zu dem Kredit gegeben hat. Das war am Dienstag nur noch eine Formalie, aus Brüssel wurden keine Einwände erwartet. Denn der binnen sechs Monate zurückzuzahlende Kredit ist eine Rettungsbeihilfe, für die die Auflagen weniger streng sind.

          Quelle hatte kaum noch Barmittel

          Das Fürther Versandunternehmen kann mit dem Notkredit vorerst weiterarbeiten, der politisch zwischen Bundesregierung und Landesregierung in Bayern zu heftigen Debatten geführt hatte. Die Entscheidung trafen ein interministerieller Ausschuss von Bundesfinanz- und Bundeswirtschaftsministerium sowie Vertreter der Länder Bayern und Sachsen am späten Montagabend. Dabei wurden die nochmals verschärften Forderungen des Bundesfinanzministeriums erfüllt.

          Zeitdruck beim Druck: Der Versand der Quelle-Kataloge stand mangels Barmittel auf der Kippe
          Zeitdruck beim Druck: Der Versand der Quelle-Kataloge stand mangels Barmittel auf der Kippe : Bild: dpa

          Der vom Bund über die staatseigene Förderbank KfW bereitgestellte Anteil von 25 Millionen Euro wird vorrangig bedient. Erst danach haben die bayerische LfA, die etwa 21 Millionen Euro zur Verfügung stellt, und die Sächsische Aufbaubank mit 4 Millionen Euro Anspruch auf Zahlung. Auch stehen die geforderten höheren Sicherheiten in Höhe von schätzungsweise 72 Millionen Euro bereit. Quelle hatte seit dem Insolvenzantrag am 9. Juni kaum noch Barmittel. Ein Massekredit ermöglicht die kurzfristige Geldzufuhr für ein insolventes Unternehmen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

          Zeitdruck bei Katalog

          Die Zukunft von Quelle habe am Montagabend an einem seidenen Faden gehangen, sagte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) am Dienstag in München. Er kritisierte noch einmal heftig das zögerliche Vorgehen der Bundesregierung, allen voran von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), aber auch von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Die bayerische Regierung hatte gestern die Freigabe ihres Anteils für den Kredit beschlossen. Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) betonte, dass es keine „Lex Quelle“ gebe. Der Massekredit sei ein gängiges Mittel für die Finanzierung insolventer Unternehmen. Wegen des Zeitdrucks habe der Staat die Aufgabe als Finanzierer übernommen. „Wir haben uns nicht ein Instrument zurecht gebogen.“

          Mit dem staatlich gestützten Kredit kann nun das Factoring der Valovis Bank wieder in Gang gesetzt werden. Sie übernimmt - typisch für das Versandgeschäft - die Forderungen von den Kunden und zahlt dafür Geld an Quelle. Mehr als die Hälfte der Quelle-Kunden kaufen über Ratenkredite. Nach dem Insolvenzantrag wurden jedoch die Zahlungen eingestellt. Nun werden erste Überweisungen an die Druckereien Prinovis und Schlott ausgeführt, die bei dem für Quelle überlebenswichtigen Herbst/Winter-Katalog in Vorleistung gegangen sind. Der Zeitdruck für die Produktion dieses zwei Kilogramm schweren Werks ist enorm, muss der Katalog doch vor Beginn der Sommerferien bei den Kunden sein, da sonst Einbrüche im Geschäft zu erwarten sind.

          Restrukturierungsplan bis Mitte August

          Die hat Quelle schon in den vergangene Tagen gehabt. Denn die öffentliche Diskussion um die Zukunft des Fürther Unternehmens führte nach eigenen Angaben allein am Wochenende zu einem Einbruch in den Bestellungen von rund 30 Prozent. „Es geht jetzt zuerst darum, das normale Geschäft so schnell wie möglich anlaufen zu lassen“, sagte Jörg Nerlich, der Beauftragte des vorläufigen Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg, dieser Zeitung. Die Warenversorgung muss wiederhergestellt, Werbemaßnahmen müssen aufgenommen werden.

          Nun geht es aber auch um den Insolvenzplan. „In vier bis sechs Wochen müssen wir einen Restrukturierungsplan vorlegen“, sagte Nerlich - also bis etwa Mitte August. Das ist rechtzeitig vor der für Anfang September erwarteten Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Dann gibt es Sonderkündigungsrechte für Verträge. „Für den Insolvenzplan müssen wir uns Liefer- und Mietverträge, aber auch den Personalbereich anschauen und prüfen, ob und in welchem Umfang es Handlungs- oder Restrukturierungsbedarf gibt“, sagte der Insolvenzexperte.

          Stellenabbau wahrscheinlich

          Damit werden ein Arbeitsplatzabbau und die Gründung von Transfergesellschaften wahrscheinlich. Denn in der Insolvenz geht es darum, alle Verlustbringer so schnell wie möglich abzutrennen, um den Abfluss von Barmitteln zu begrenzen. Zudem ist zu entscheiden, ob die rund 110 Quelle-Center oder die von Eigentümern geführten 1400 Quelle-Shops, meist in ländlichen Regionen, als Präsenzhandel erhalten bleiben. Soll eine Konzentration auf den Online-Handel erfolgen oder eine Mischform verfolgt werden? Viele Fragen sind offen.

          Seit 2006 hat es schon einen deutlichen Stellenabbau bei Quelle gegeben. So gingen in der Service-Gruppe 4500 Arbeitsplätze verloren. Insgesamt beschäftigt die Arcandor-Versandtochtergesellschaft Primondo 10.000 Mitarbeiter in Deutschland. Quelle bildet den Kern dieser Gesellschaft. Die insolvente deutsche Quelle GmbH hat allein 3000 Mitarbeiter. Hinzu kommen die Beschäftigten in den Tochter- und Servicegesellschaften. Eine genaue Zuordnung ist schwierig, da es zahlreiche Querschnittsfunktionen gibt. In der Region Fürth/Erlangen arbeiten rund 4500 Mitarbeiter für den Primondo-Verbund. Die Spezialversender sind ebenso von der Insolvenz ausgenommen wie der Teleshoppingkanal HSE und das Auslandsgeschäft.

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