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„MS Deutschland“ : Dümpeln zwischen Weltreise und Notverkauf

Einst lief die „MS Deutschland“ graziös in den Hamburger Hafen ein, jetzt liegt sie nahe Gibraltar. Bild: dpa

Im Fernsehen steht das Schiff für Traumreisen, für Anleger ist es ein Albtraum. Die „MS Deutschland“ ankert in der Insolvenz, ihre nächste Fahrt ist noch unsicher. Großes Geschäft machen indes andere große Reeder.

          Während man in Italien noch feiert, bläst man in Spanien schon Trübsal. Dabei sind sowohl im italienischen Savona als auch in im spanischen Algeciras nahe Gibraltar Grazien des Meerestourismus zu Gast. In Savona ist es die „Costa Diadema“, der bislang größte Neubau des Costa-Gruppe. Mit dessen erster Kreuzfahrt, die zum Wochenende beginnt, will der Konzern endgültig das Schreckenskapitel schließen, das mit dem Unglück der „Costa Concordia“ begann.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In Algeciras ist die Leidensgeschichte noch in vollem Gange. Dort liegt das „MS Deutschland“, besser bekannt als das Traumschiff aus dem ZDF-Abendprogramm. Doch für Investoren ist der 1998 in Kiel vom Stapel gelaufene Dampfer aktuell ein Albtraumschiff: Der Betreiber ist insolvent, Anleihegläubiger bangen um Verzinsung und Rückzahlung ihrer Anlage. Wann das Schiff wieder ablegt und wohin es dann fährt, ist unsicher.

          Zittern um die Kreuzfahrt

          Notverkauf oder gar Verschrottung waren zuletzt Schreckensszenarien, wie die Reise des einst stolzen, aber in die Jahre gekommenen Schiffs enden könnte. Nostalgiker dürfen immerhin etwas aufatmen: Dass die „Deutschland“ bald in ihre Einzelteile zerlegt werden könnte, erscheint unwahrscheinlich. Insolvenzverwalter Reinhold Schmid-Sperber berichtet von einem regen Interesse an dem Schiff. 15 „ernstzunehmende Anfragen“ lägen vor – manche mehr, manche weniger verbindlich.

          Für Passagiere, die im Dezember mit dem dümpelnden Traumschiff auf Weltreise gehen wollten, dürfte die Zitterpartie schnell ein Ende haben. Zwar sagte Schmid-Sperbers Sprecher der F.A.Z., dass darüber noch im Lauf dieses Mittwochs entschieden werde. Doch am Mittwochmorgen ließ der Insolvenzverwalter verlauten, dass die Entscheidung auf den 26. November verschoben sei. Die Verhandlungen mit potentiellen Investoren verliefen derzeit so positiv, dass diese Planung „nicht unrealistisch“ erscheine. Die beiden direkt nach der Werftzeit geplanten Kurz-Reisen im Dezember mussten hingegen abgesagt werden.

          Knackpunkt ist der davor notwendige Werftaufenthalt. Die „Deutschland“ muss gewartet werden, um die sogenannte Klasse erneuert zu bekommen – eine turnusgemäße Untersuchung wie die TÜV-Prüfung für das Auto, das ohne gültige Plakette nicht fahren darf. Doch für den längst gebuchten Check in Cadiz fehlt derzeit weiter das Geld. Die Werft lässt ihre Tore zu, weil sie keine Anzahlung bekam. In Algeciras begutachten derweil Taucher das Schiff, um eine vorläufige Fahrterlaubnis für drei Monate zu bekommen – genug Zeit für die Übergabefahrt zu einem Käufer, zu wenig für die Weltumrundung. Die Hoffnungen ruhen darauf dass sich einer der potentiellen Investoren bereit ist, das Geld für die Werft vorzustrecken und sich im Gegenzug vom Insolvenzverwalter Sicherheiten geben lässt. Die Weltreise wäre damit gesichert – und ein Schiff in voller Fahrt ließe sich als Verkaufsobjekt besser präsentieren als ein Dampfer an der Ankerkette.

          Dynamische Entwicklung des Hochseekreuzfahrtmarktes

          Das Geschäft mit Kreuzfahrten boomt – bloß in Algeciras nahe Gibraltar ist davon nichts zu merken. Kein anderer Teil der Reisebranche kann auf eine derartige Wachstumshistorie verweisen wie die Reeder der schwimmenden Hotels. 843 Prozent Wachstum in zwei Jahrzehnten attestiert der Deutsche Reiseverband (DRV) den Seefahrern, die im vergangenen Jahr 2,1 Millionen Passagiere an Bord nahmen. „Der deutsche Hochseekreuzfahrtmarkt ist der sich am dynamischsten entwickelnde Markt in der Touristik, mit durchschnittlich zehnprozentigem Wachstum in den vergangenen Jahren“, sagt Felix Eichhorn, der Vorsitzende des DRV-Ausschusses für Schiffsreisen.

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