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Pferderennen : Im Galopp in die Insolvenz

Klassiker unter den Galopprennen: Der Große Preis in Baden-Baden Bild: dpa

Seit die Online-Wetten boomen ist das Geschäft für die rund 40 deutschen Rennvereine drastisch zurückgegangen. Der Niedergang der Galopprennbahn in Baden-Baden-Iffezheim wirft ein Schlaglicht auf eine mondäne Welt, deren Kulissen schon seit einiger Zeit bröckeln.

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          Trocken soll es sein am Samstag, vielleicht etwas zu trocken für die teuren Vollblüter. Deshalb haben die Helfer der Galopprennbahn in Baden-Baden-Iffezheim Anfang der Woche noch mal ordentlich gewässert. Dann kam der Regen, aber der ist für einen Verein mit dieser Tradition das kleinste Problem. Die Fachleute wissen, was zu tun ist. Es wird am Renntag „gutes Geläuf“ geben, sagt der Pressesprecher selbstsicher. Soll schließlich nichts schiefgehen, wenn sich um 14 Uhr die Startboxen öffnen. Denn viel zu viel ist schon schiefgelaufen hinter den Kulissen der Rennbahn in den letzten Jahren.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          In dieser Saison steht deshalb eine Menge auf dem Spiel. Wenn der vornehme Internationale Club als Veranstalter überhaupt wieder eine Chance bekommen will, dann muss er zeigen, dass er mit dem Rennen viel Geld verdienen kann. Wahrscheinlich reicht auch das nicht aus, denn nur mit eigener Kraft wird der Verein nicht überleben. Anfang Juni wurde das Insolvenzverfahren eröffnet, seitdem suchen der eingesetzte Sachwalter Tobias Hoefer und die Geschäftsführung händeringend nach einem Investor. Um ein Insolvenzplanverfahren zu erreichen und den Club in Eigenregie sanieren zu können, muss bis Ende September ein Insolvenzplan vorliegen. „Die notwendige Voraussetzung dafür ist, dass wir einen Investor für den Internationalen Club finden“, sagte Hoefer nach der Gläubigerversammlung Anfang August.

          Viele Wetten laufen mittlerweile online

          Der Verein steht vor einem Scherbenhaufen: 14,2 Millionen Euro Forderungen haben die Gläubiger angemeldet, eine Menge angesichts eines Jahresumsatzes von gut 10 Millionen Euro. Nicht nur Banken, auch einzelne Mitglieder sollen dem Club Geld geliehen haben. Finanzierungsaltlasten und der stete Rückgang der Wetteinnahmen haben ihm jetzt das Genick gebrochen.

          Wie die meisten Clubs in Deutschland besitzt auch der Baden-Badener kaum Vermögenswerte: Das Gelände gehört der Stadt; einen Investor zu finden, ohne Sicherheiten bieten zu können, ist wahrhaft eine Herkulesaufgabe. Der als Eigenverwalter bestellte Rechtsanwalt Detlef Specovius von Schultze & Braun setzt deshalb vor allem auf Gespräche mit Gläubigern und der Stadt, um zunächst den Schuldenberg abzubauen. Und er hofft auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit anderen Clubs, um die laufenden Kosten für die Anlage und die Rennorganisation zu senken. In Deutschland vermarktet sich jeder Verein selbst, seit Jahren schon wird unter dem Dach des Branchenverbands „Direktorium für Vollblutzucht und Rennen“ vergeblich an neuen Modellen gestrickt.

          Verfall der Wetteinnahmen

          Der Niedergang des Baden-Badener Renommiervereins wirft ein Schlaglicht auf eine mondäne Welt, deren Kulissen schon seit einiger Zeit bröckeln. Seit die Online-Wetten boomen, Ende der neunziger Jahre, als die Buchmacher ihre Geschäfte ins Internet verlagerten und mit virtuellen Büros auf Malta oder der Isle of Man auch noch die deutsche Wettsteuer umgingen, ist das Geschäft für die rund 40 deutschen Rennvereine drastisch zurückgegangen. Zum Höhepunkt 1994 flossen fast 144 Millionen Euro Einsätze direkt an die Vereine, im Vorjahr waren es noch knapp 40 Millionen Euro.

          Die Einnahmen aber sind essentiell: Die Vereine sind per Gesetz berechtigt, mit einem Viertel dieses Geldes ihre Kosten zu decken. Mit Sponsoring, Eintrittsgeldern und Trainingsgebühren ist das nicht zu schaffen. Der Verband verweist seit Jahren auf die Politik, die seiner Meinung nach dem Treiben der Buchmacher tatenlos zusieht und auf Wettsteuern von bis zu 20 Millionen Euro verzichtet. In vielen Ländern, sagt Verbandssprecher Peter Brauer, seien Buchmacher ohnehin verboten. Und dort, wo sie erlaubt seien, etwa in England, müssten sie einen Teil der Einnahmen an die Rennvereine abführen.

          Meistens geht es nur mit Hilfe der Stadt

          Der Verband hat immerhin erreicht, dass die Buchmacher für das von der verbandseigenen Tochtergesellschaft DVR Wirtschaftsdienste zentral vermarktete Rennbahnfernsehen nun einen höheren Preis bezahlen. Das größte Problem bleibt die seit Jahren geplante, aber immer wieder gescheiterte umfassende Vermarktungsreform des Sports. Für die DVR Wirtschaftsdienste, die nach heftigem Ringen der Vereine als zentraler Ausrichter aller Rennen auserkoren waren, fehlen noch immer private Investoren. Anfang dieses Jahres erst sprangen zwei Geldgeber ab, angeblich haben sie die geforderten 30 Millionen Euro nicht zusammenbekommen.

          Der Verfall der Wetteinnahmen hat viele Veranstalter geschafft: Neben Iffezheim waren oder sind unter anderem die Vereine in Frankfurt, Berlin-Hoppegarten, Gelsenkirchen, Krefeld, Leipzig und Halle in der Insolvenz. An einigen Standorten haben sich die Clubs neu gegründet und führen die Geschäfte weiter. Jeder hilft sich, wie es geht. Und meistens geht es nur mit Hilfe der Stadt, mit öffentlichem Geld also. Perspektiven gibt es dort, wo der Club über Eigentum und Grundbesitz verfügt. Nur deshalb war es möglich, dass das Traditions-Hippodrom in Berlin-Hoppegarten einen privaten Käufer finden konnte. Zusammen mit anderen Investoren kaufte Gerhard Schöningh die insolvente Bahn im vergangenen Jahr für 3 Millionen Euro und führt sie seither als einzige Privatbahn in Deutschland. Ob seine Konzepte greifen, steht allerdings noch aus.

          Dabei gibt es im Pferdesport durchaus spektakuläre wirtschaftliche Erfolge. Zucht und Training von Rennpferden sind nach Angaben des Verbands zwar meistens defizitär. Aber manchmal erwächst aus der Zucht ein Ausnahmepferd wie Monsun. Ein wahrhafter europäischer Champion aus dem Gestüt Schlenderhan. Mit so einem Mannsbild von Pferd lässt sich richtig Geld verdienen. Die einmalige „Decktaxe“ für den Hengst beträgt stolze 140.000 Euro.

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