https://www.faz.net/-gqe-7ldzn

Insolvenz : 6000 Weltbild-Mitarbeiter haben Angst

Licht ins Sicht für Hugendubel? Bild: Hoang Le, Kien

Nach dem Insolvenzantrag von Weltbild ist Partner Hugendubel auf seine Herauslösung vorbereitet. Aber was wird jetzt aus den elektronischen Lesegerät Tolino?

          Nur Deutschland bietet Amazon die Stirn – und das soll so bleiben. Deutschland ist das einzige Land der Welt, in dem es gelungen ist, dem elektronischen Buchlesegerät Kindle von Amazon ein nationales Produkt entgegen zu setzen, das auch einen nennenswerten Marktanteil erobert hat. An diesem Erfolg waren neben der Buchhandelskette Thalia (Douglas-Konzern) der Club Bertelsmann, die Deutsche Telekom – und Weltbild beteiligt. Weltbild könnte nach der Insolvenz ausfallen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Noch herrscht allerdings gefasste Ruhe bei den Partnern. „Insgesamt sehen wir derzeit keine Beeinträchtigung für den weiteren Erfolg des Tolino. Der Tolino hat sich als Marke im deutschsprachigen Raum sehr erfolgreich positioniert, daran wird sich auch künftig nichts ändern“, ist man bei Thalia überzeugt. Der Tolino sei im Weihnachtsgeschäft der Topseller gewesen – sowohl stationär als auch online. Ähnlich erfolgreiche Zahlen vermeldet auch Weltbild selbst aus dem Weihnachtsgeschäft.

          Der Tolino habe im abgelaufenen Jahr einen Marktanteil von 37 Prozent am Markt für elektronische Bücher (E-Books) gehabt. Daran muss sich nicht zwingend etwas ändern. Selbst wenn Weltbild die Insolvenz nicht überlebt und als Partner ausfällt, können die Kunden weiter ihre Tolinos nutzen, indem sie für die Buchbestellungen auf andere Shops übergehen. Auch ihre selbst gespeicherten Bücher bleiben erhalten, weil die Speicherung in der sogenannten Datenwolke Cloud erfolgt, die in diesem Fall von der Deutschen Telekom betreut wird. Ein Ausfall eines Partners hätte erst Folgen, wenn über die technischen Nachfolgeprodukte nachgedacht würde. Die Entwicklungskosten, die Weltbild mit getragen hat, müssten dann die anderen Partner übernehmen. Die geben sich zuversichtlich. „Der Tolino wird auch künftig eine wichtige Rolle im hiesigen digitalen Markt spielen“, ist Mirjam Berle überzeugt, Sprecherin der Thalia-Gruppe.

          Hugendubel um Selbstständigkeit bemüht

          Zittern müssen noch die insgesamt mehr als 6000 Mitarbeiter von Weltbild in der Augsburger Zentrale (2200 Beschäftigte) wie auch in den knapp 400 Filialen Weltbild-plus, Hugendubel, Jokers, Weiland und Wohlthat. Die Buchkette Hugendubel hat nach eigenen Angaben Vorbereitungen getroffen, im Notfall auch als selbständige Buchhandelskette weiter zu arbeiten. Man sei in intensiven Gesprächen mit Geschäfts- und Finanzierungspartnern. Einkauf und Logistik würden operativ ohnehin schon selbständig abgewickelt. Weltbild ist man aber über die DBH Buch Handels GmbH & Co. verbunden, unter der alle stationären Geschäfte beider Unternehmen betrieben werden. Diese Handelsholding ist nicht in der Insolvenz und arbeitet ebenso weiter wie die Auslandsgesellschaften von Weltbild in Österreich und der Schweiz und die Internetbeteiligung buecher.de.

          Derzeit gilt das Augenmerk des vorläufigen Insolvenzverwalters Arndt Geiwitz eh der Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs und weniger den Strukturen im Konzern. Das wird ihm dadurch erleichtert, dass seit Insolvenzantrag zumindest für die 2200 davon betroffenen Beschäftigten die Löhne und Gehälter für drei Monate von der Bundesagentur für Arbeit gezahlt werden.

          Hilfen für die Mitarbeiter, nicht für Weltbild

          Diese Mitarbeiter machen die bisherigen Eigentümer von Weltbild für die Insolvenz verantwortlich. Wie kurz berichtet, haben sie einen offenen Protestbrief an 13 Bischöfe gesandt. Den Bischöfen wird vorgeworfen, dem Unternehmen „ohne betriebswirtschaftliche Sinnhaftigkeit“ den Boden unter den Füßen weggezogen zu haben. Ihr widersprüchlicher Kurs während der letzten Jahre habe das Unternehmen in die derzeitige Lage gebracht. „Wir sind nicht bereit, unser Unternehmen und unsere Arbeitsplätze sang- und klanglos auf dem Altar innerkirchlicher Machtkämpfe opfern zu lassen.“ In dem von 1500 Mitarbeitern unterschriebenen Brief drohen sie, „den einen oder anderen Bischof“ besuchen zu wollen. Für seine Kollegen hat der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa jedoch für undenkbar erklärt, dass die Kirche weiterhin Eigentümer von Weltbild bleibt. Allerdings werde sie sich ihrer sozialen Verantwortung für die Mitarbeiter stellen.

          Diese Aussage deckt sich mit Wortmeldungen der bayerischen Landesregierung. Auch sie hatte Hilfen für die Mitarbeiter in Aussicht gestellt, aber nicht für das Unternehmen, solange kein schlüssiges Konzept vorliegt. Das dürfte schwer sein, nachdem in den vergangenen Monaten eine dramatisch schlechte Umsatzentwicklung zu verzeichnen war, die sich nur im Weihnachtsgeschäft leicht aufhellte. Weltbild leidet daher unter der Lage des Buchhandels und unter den Schwierigkeiten der Umstellung von stationär auf online. Zwar hat der stationäre Buchhandel in Deutschland das Gesamtjahr 2013 mit einem leichten Plus von 0,9 Prozent abgeschlossen. Das ist nach Jahren mit rückläufigen Umsätzen kaum ein Lichtblick.

          Branchenexperten gehen davon aus, dass in den kommenden drei bis fünf Jahren etwa 40 Prozent der Buchhandlungen schließen müssen. Die Weltbild-Filialen einschließlich der von Hugendubel machen etwa 8 Prozent der um die 5000 deutschen Buchhandlungen aus. In der Trendstudie „Zukunft des stationären Handels“ kommt das Leipziger Forschungsinstitut „2b Ahead Think Tank“ zu dem Ergebnis, dass sich im Billigpreissegment – dazu gehört Weltbild – nur Läden durchsetzen, die eng mit einem Internethandel verflochten sind.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.