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Grüner Strom : Energie-Experimente auf einer Müllinsel

Der Müll macht’s: Auf Semakau, in Sichtweite von Singapur gelegen, gehen Müllverwertung und Energiegewinnung Hand in Hand. Bild: Reuters

Singapur schüttet eine Insel aus Müllasche auf. Elektronikkonzerne aus der ganzen Welt testen darauf nun kleine Stromnetze, die entlegene Gebiete später mit Energie versorgen sollen.

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          Hier könnten Dinosaurier überlebt haben. Sand, Hitze, Sträucher. Der Boden Asche. Die Insel, sieben Kilometer vor der Küste der Glitzermetropole Singapur gelegen, wirkt, als sei sie von der Zivilisation vergessen worden. Dabei öffnet gerade sie ein Fenster in eine Zukunft, die grün und nachhaltig sein soll.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Genau genommen ist die Insel Semakau ein Inselpaar. Auf Semakau gab es ein kleines Fischerdorf, auf Stelzen gebaut. Einen Steinwurf weiter liegt Pulau Sakeng mit einem Mini-Polizeiposten. Sie alle wurden 1987 umgesiedelt, um die Eilande zur einzigen Lagerstätte für Müllasche der Millionen-Metropole Singapur zu machen. Ein sieben Kilometer langer Damm verbindet die Inseln seitdem und lässt sie zusammenwachsen. Seit dem Jahr 1999 wird hier aufgeschüttet, was die vier Müllverbrennungsanlagen des südostasiatischen Stadtstaats verlässt.

          Die erste Mülldeponie auf dem offenen Meer

          550 Tonnen Asche bringen landestypische Schuten täglich in die grün gestrichene, riesige Halle am Kai von Pulau Semakau. Sie ist vom Ufer in Singapur aus in der Ferne zu sehen. In der Halle schaufeln Bagger die Asche auf Laster, wie man sie aus Minen kennt. Und dann geht es zu einer Abwurframpe, die Monat für Monat weiterrückt – so, wie Semakau wächst. Jährlich kommen 200.000 Tonnen Asche hinzu. Bis zum Jahr 2035 soll der Platz reichen. Semakau ist die erste Mülldeponie der Welt auf dem offenen Meer.

          Doch wäre Singapur nicht Singapur, würde sich nicht auf Geheiß der Regierung zur Smart Nation entwickeln, taugte Semakau nicht zu mehr denn als Aschelager. Und so stellt die Wirtschaftsförderung Economic Development Board (EDB) der Stadt gut 6 Hektar der Insel bereit, um hier nachhaltige Micro-Grids aufzubauen: Stromnetze, die sich aus Sonne, Wind und bald Gezeiten und Biogas speisen und mit Batterien Versorgungslücken ausgleichen. Geplant ist auch eine Meerwasserentsalzungsanlage, die mit dem grünen Strom versorgt werden soll. „Für diese selbstversorgenden Mini-Netze gibt es weltweit einen riesigen Markt. Aber trotz aller Feldversuche in irgendwelchen Ecken der Welt gibt es nirgends ein so abgeschlossenes Feld wie eine ganze Insel, auf der wir unter echten Bedingungen alle Anlagen gegeneinander testen können“, sagt Roch Drozdowski-Strehl. Der Franzose in Diensten der Technischen Universität Nanyang (NTU) in Singapur koordiniert die Versuche.

          Versuchsinsel für ausländische Firmen

          Die hohe Temperatur, die Feuchtigkeit, Tropenstürme, aber auch Ratten, die Kabel annagen, setzen Entwicklern und Anlagen auf Semakau zu. Langfristig aber könnte, was sich hier bewährt, auf anderen Inseln oder in entlegenen Dörfern Asiens die Dieselgeneratoren ersetzen. Zehntausende solcher Orte gibt es allein in den benachbarten Ländern Indonesien oder auf den Philippinen. „Wir testen hier unter realen Bedingungen Geräte, die wir später in der ganzen Region einsetzen wollen“, sagt Etienne Drouet, Direktor des Labors des französischen Energieanlagenbauers Engie in Singapur. Die Franzosen setzen mit 153.000 Mitarbeitern weltweit 75 Milliarden Euro um. Natürlich ist die Versuchsinsel in Singapur für den Riesen aus Frankreich nur ein kleines Spielfeld. „Aber eines, das es nirgends sonst in dieser Art gibt, weil wir hier mit anderen Unternehmen zusammenarbeiten, aber auch in Konkurrenz stehen. Für uns ist Semakau die Brücke zwischen Entwicklung und Kommerzialisierung.“

          Mit an Bord sind auch Schneider Electric, General Electric oder die japanische Murata Manufacturing, die gerade das Batteriegeschäft von Sony übernommen hat. Mit Siemens und der Schweizer ABB stehe man in Kontakt. Dutzende weitere Technologiefirmen folgen auf die Insel, um dort ihre Geräte auszuprobieren, zu entwickeln – aber auch, um um die beste Lösung zu konkurrieren.

          Micro-Netze und Industrieanlagen

          Natürlich will sich auch der rege Stadtstaat bedienen. Singapur will auf Semakau lernen, wie ganze Industrieparks und Stadtviertel „grün“ mit Strom versorgt werden können. Doch will Singapur nicht nur Wissen gewinnen, sondern auch verkaufen: Was auf Semakau funktioniert, wird auch auf anderen Tropen- und Pazifikinseln funktionieren. Allein in Südostasien leben noch 120 Millionen Menschen ohne Strom. „Da tut sich ein riesiger Markt auf, den etwa Entwicklungsbanken wie die Weltbank bedienen können“, sagt Choo Fook Hoong. Er ist einer der Direktoren des Energieforschungsinstituts der NTU.

          „Der Bedarf an Micro-Netzen in ländlichen Gebieten und auf Inseln wächst um jährlich 23 Prozent“, sagt Drozdowski-Strehl. Das andere wichtige Ziel sind Industrieanlagen, die sich selbst versorgen sollen – was auch ein Sicherheitsaspekt ist. Die junge Branche sollte ihren Umsatz in fünf Jahren auf rund 12 Milliarden Dollar verdreifachen, schätzen die Analysten von Frost & Sullivan.

          Energie vom Floß

          In Singapur wird auf dem größten firmenunabhängigen Solarfloß auch das Gewinnen von Sonnenenergie auf der Wasseroberfläche ausprobiert. Die Geschäftsidee gewinnt rasant Anhänger: „Wir erleben einen schnellen Zuwachs, der weiter anhalten wird“, sagt Oliver Knight, der Energieexperte der Weltbank, auf dem weltweit ersten Kongress zu Solarflößen in Singapur. „China und Japan sind Riesenmärkte.“ Denn die Wasseroberflächen gehören meist Staaten, sodass keine – oft komplizierten – Landrechte berührt werden. Die Paneele auf Flößen kühlen die Wasseroberfläche, aber auch sie selbst werden von unten gekühlt, was ihre Leistung steigert. Besonders lohnend erscheint der Bau von Solarkraftwerken auf Stauseen, wo sie mit dem vorhandenen Netz verbunden werden können. Allein China plant derzeit Solaranlagen auf dem Wasser in einer Größenordnung von rund 7 Gigawatt. In Indien sehen Fachleute Potential für bis zu 40 Gigawatt. Die gesamte Kapazität aller Solaranlagen weltweit wird auf knapp 300 Gigawatt geschätzt.

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