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Corona-Pandemie : Einzelhandel im Krisenmodus

Die beliebteste Einkaufsstraße Deutschland: Die Zeil in Frankfurt. Bild: dpa

Der deutsche Einzelhandel erlebt die größte Krise seit der Nachkriegszeit. Doch die Innenstadt als Handelszentrum ist nicht verloren, wenn sie ihre Vorteile besser ausspielt.

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          In der Corona-Pandemie ist Einkaufen für viele Konsumenten zum notwendigen Übel geworden. Einkaufen als Gemeinschaftserlebnis, das Flanieren durch die Innenstädte, das Stöbern in den Regalen hat in einer Welt mit Maskenpflicht und Abstandsregeln keinen Platz mehr. Für den stationären Einzelhandel entwickelt sich die Pandemie daher zur größten Krise seit der Nachkriegszeit. Gut 80 Prozent der Händler sehen ihre Existenz bedroht, das ergab eine jüngst veröffentlichte Studie des Handelsverbands Deutschland (HDE).

          Diese dramatische Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Der stationäre Einzelhandel hat durch die Corona-Krise vorübergehend sein Alleinstellungsmerkmal verloren, die Präsenz. Die Innenstadt als Marktplatz und Handelszentrum gab es für mehr als einen Monat nicht, so lange mussten die Geschäfte zum Gesundheitsschutz schließen. Doch auch jetzt, da die Läden seit geraumer Zeit wieder geöffnet sind, bleiben viele Kunden aus. Ob sie alle irgendwann wieder zurückkommen, ist fraglich. Denn das während der Hochphase der Pandemie eingeübte Konsumentenverhalten könnte nachwirken – mit großer Wahrscheinlichkeit zum Nachteil vieler stationärer Händler. In Umfragen gab jedenfalls jeder zweite Verbraucher an, künftig online einkaufen zu wollen – auch Waren, die er vor der Krise gewöhnlich im Laden erworben hat.

          Seit Jahren wird geklagt

          Für den stationären Einzelhandel wäre das ein Desaster, denn seine goldenen Zeiten waren schon lange vor der Pandemie vorbei. Das Institut für Handelsforschung schätzt, dass in den kommenden zehn Jahren bis zu 64.000 Handelsunternehmen vom Markt verschwinden könnten. In dieser Prognose sind die Folgen der Corona-Krise noch nicht eingerechnet.

          Seit Jahren klagen Geschäftsinhaber über den wachsenden Online-Handel, der ihnen Marktanteile abjagt. Tatsächlich wandern Umsätze seit mehreren Jahren stark von offline zu online ab. Statt jedoch in die Digitalisierung zu investieren, reagierten viele stationäre Händler mit altbekannten Methoden: Verkaufsflächen wurden vergrößert, obwohl sich die Konsumausgaben der privaten Haushalte nur wenig veränderten. In die deutschen Innenstädte zogen die immer gleichen Filialketten mit dem immer gleichen Ladenkonzept. Die Fußgängerzonen verödeten, immer mehr Konsumenten verloren das Interesse, dort ihre Einkäufe zu erledigen.

          Das Coronavirus beschleunigt nun Prozesse, die lange vorher in Gang gesetzt wurden. Die Liste der Unternehmen, die in der Corona-Krise in Schwierigkeiten geraten sind, ist lang. Profitiert haben hauptsächlich die Lebensmittelhändler, die in der Krise als systemrelevant galten. Besser stehen auch die Unternehmen da, die schon früh in das Online-Geschäft investiert haben. Doch das sind relativ wenige. So mancher stationäre Händler besitzt bis heute keinen funktionierenden Online-Shop.

          Was also bleibt vom stationären Einzelhändler? Sicher ist, dass einige Unternehmen die Krise nicht überstehen werden. Ob es wirklich die vom Handelsverband erwarteten 50.000 Insolvenzen werden, bleibt abzuwarten. Den Unternehmergeist sollte man auch jetzt nicht unterschätzen, für manches Geschäft, das schließen muss, werden Nachrücker mit neuem Angebot ihr Glück versuchen. Im besten Fall stirbt nicht die Vielfalt auf den Einkaufsstraßen, sondern die Eintönigkeit. Braucht es fußläufig denn wirklich dreimal die gleiche Filiale einer Modekette?

          Ohne digitale Kanäle wird es in Zukunft nicht gehen

          Die beste Chance des stationären Einzelhandels liegt darin, die Vorteile der Präsenz wieder stärker auszuspielen. In den Geschäften können Waren berührt, ausprobiert und sofort gekauft werden, das ist ein großes Plus. Im Idealfall gibt es fachkundige Beratung dazu, von Mensch zu Mensch. Der Händler muss seinen Kunden aber das richtige Sortiment anbieten, passgenaue Angebote machen – und die Waren auch auf anderen Kanälen verkaufen und liefern. Nicht ohne Grund haben Online-Händler wie Zalando in den vergangenen Jahren Ladengeschäfte in den Großstädten eröffnet. Die Innenstadt als Handelszentrum ist noch nicht verloren: Auch wenn der Online-Handel stark wächst, die größeren Umsätze macht noch immer der stationäre Handel. Darauf darf er sich nur nicht ausruhen.

          Zur Wahrheit gehört, dass es ganz ohne digitale Kanäle in Zukunft nicht mehr gehen wird. Der stationäre Händler muss das eine machen, ohne das andere zu lassen. Was da selbst in kurzer Zeit und unter erschwerten Bedingungen alles möglich ist, hat die Corona-Krise gezeigt: Bislang rein stationäre Läden eröffneten schnell einen Online-Shop, probierten Verkäufe über die sozialen Netzwerke oder stellten ihre Ware auf eine Verkaufsplattform. Der deutsche Einzelhandel hat seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Diese Fähigkeit wird er nach Corona mehr denn je benötigen.

          Stefanie Diemand

          Redakteurin in der Wirtschaft.

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