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Inflation und Preisversprechen : Der Kampf von Discountern und Supermärkten um Kunden

Eine Frau läuft mit ihrem Einkaufswagen durch einen Supermarkt. Bild: dpa

Wenn die Lebensmittel teurer werden, wollen Menschen günstiger einkaufen. Davon profitieren vor allem die Discounter. Doch auch die Supermärkte wollen nicht kampflos ihre Marktanteile aufgeben.

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          „Inflationsstopp“ steht auf einem roten Stoppschild. „Mit Edeka die Inflation vergessen“, wirbt der Supermarkt in den sozialen Medien. Edeka hat die Preise von 200 Produkten des täglichen Bedarfs eingefroren. Wer eine sogenannte Deutschlandkarte besitzt, profitiert vom Angebot. Seitdem die Preise der Nahrungsmittel im Lebensmittelhandel immer weiter steigen, rufen immer mehr Händler, darunter auch die Edeka-Tochtergesellschaft Netto oder der Händler Budni, solche Preisversprechen auf.

          Stefanie Diemand
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Denn angesichts der steigenden Preise im Einzelhandel verändert sich auch das Konsumverhalten der Verbraucher: In einer kürzlich veröffentlichen Umfrage des Marktforschungsinstitutes Appinio gaben knapp 80 Prozent der Befragten an, bei ihrem Einkauf eine Preissteigerung bemerkt zu haben. Bedenkt man die Inflationsrate im Mai von 7,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, ist das zunächst nicht besonders erstaunlich. Die Preise für Nahrungsmittel für die privaten Haushalte erhöhten sich im vergangenen Monat sogar um 11,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Mehr als 83 Prozent der Befragten gaben an, dass sie schon jetzt aufgrund der starken Preissteigerungen zu günstigeren Produkten im Lebensmittelhandel greifen.

          Discounter profitieren

          Der Konsument kauft damit anders ein als noch zu Hochzeiten der Pandemie, in der vor allem die Supermärkte profitieren konnten. Denn mit geschlossenen Restaurants und eingeschränkten Freizeitmöglichkeiten fragten die Verbraucher vor allem verstärkt die Produkte der Vollsortimenter nach. Denn im Gegensatz zu Aldi oder Lidl weisen diese ein deutlich breiteres Warenportfolio auf.

          „Menschen wollten mehr Geld für ihre eigenen vier Wände ausgeben“, sagt Handelsexperte Robert Kecskes vom Marktforschungsunternehmen GfK. Die Konsumenten kauften verstärkt nachhaltige oder preislich höhere Produkte, die es vor allem in den Supermärkten zu kaufen gibt. Doch mit den starken Preisanstiegen fehlt vielen nun das Geld. Statt auf das Sortiment schauen diese Verbraucher deswegen vor allem auf eines – den Preis. Und in Zeiten der Inflation soll der besonders günstig sein.

          Davon profitiert vor allem eine Gruppe: die Discounter. Denn für günstige Produkte steht in der deutschen Handelslandschaft keiner so sehr wie die Billigheimer Aldi oder Lidl. Laut dem Marktforschungsinstitut GfK schnitten die Discounter im Februar das erste Mal seit Langem deutlich besser ab als die Supermarktketten. „Die Discounter entwickeln sich derzeit besser als die Supermärkte“, sagt auch der Handelsexperte Kecskes. Nach der GfK gewinnen die Discounter derzeit wieder Marktanteile – und das zulasten von Supermärkten und Fachgeschäften. „Viele Menschen sind aufgrund der Inflation verunsichert“, sagt Kecskes. Diese Unsicherheit würden sie in ihren Einkauf mit einberechnen und wollen daher sparen. Das heißt: Statt im vermeintlich teureren Supermarkt einzukaufen, gehen die Kunden direkt zum Discounter.

          Eigenmarken wachsen

          Das liegt auch daran, dass Discounter viele günstige Eigenmarken im Sortiment haben. „Menschen steigen von teuren Herstellermarken zu den günstigeren Handelsmarken um“, sagt der Handelsexperte. Sie erhoffen sich mit dieser Ausweichstrategie zu sparen. Laut dem Forschungsinstitut stieg der Anteil der Eigenmarken im Einzelhandel am Gesamtumsatz im ersten Quartal 2022 erstmals seit Jahren wieder an, er liegt nun bei 34,6 Prozent.

          Doch kampflos wollen die Supermärkte ihren Platz nicht räumen. Auch sie versuchen mit besonders günstigen Angeboten ihre Kunden in die Geschäfte zu locken. Rewe ging zum Beispiel längst in die Preis-Offensive und will vor allem weiter seine Preiseinstiegsmarke „Ja“ aufstocken. So soll der Händler das Ja-Eigenmarken-Sortiment auf rund 1100 Produkte vergrößert haben.

          Dass Edeka seine Kunden auch mit Angeboten locken will, wird schon in der aktuellen Kampagne des Supermarktes klar. Der Slogan lautet: „In jedem Edeka steckt ein Discounter.“ Dabei wollte sich Edeka in den Jahren zuvor vor allem mit seinem Biosegment, der Nachhaltigkeitsstrategie und der breiten Auswahl von Produkten von den Discountern abgrenzen.

          Doch diese Strategie reicht nicht mehr aus, wenn die Devise lautet: Lieber billig als bio. Nach einer Umfrage im Auftrag des Deutschen Instituts für Lebensmitteltechnik (DIL) spielt Nachhaltigkeit bei den deutschen Konsumenten derzeit nur eine kleine Rolle. Laut GfK verloren Bio-Herstellermarken gut 11 Prozent an Umsatz, während auch hier die günstigeren Handelsmarken eine Umsatzsteigerung von 9 Prozent aufweisen konnten. Im Juni kündigte Edeka an, nun auch sein Eigenmarkensortiment im Biobereich weiter zu stärken.

          Ein Ende der Preissteigerungen sieht der Handelsexperte derweil nicht: „Der Trend wird noch anhalten“, sagt Kecskes. „Die Preise werden vermutlich sogar noch weiter steigen.“ Auch Lidl und Aldi scheinen das zu erwarten: In ihren aktuellen Prospekten werben beide mit reichlich Angeboten um die Gunst ihrer Kunden.

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