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Branchentreff in Monte Carlo : Rückversicherer erwarten deutlich höhere Preise

  • -Aktualisiert am

Rund um das Hotel de Paris und das Casino finden in diesen Tagen viele Gespräche der Rückversicherungsbranche statt. Bild: REUTERS

Große Unsicherheit herrscht über die weitere wirtschaftliche Entwicklung. In einer komfortablen Lage verlangen Munich Re und Co. höhere Preise.

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          Nachdem das traditionelle Rückversicherungstreffen in Monte Carlo zweimal wegen der Pandemie ausgefallen ist, hat sich die Munich Re mit klaren Aussagen zu den diesjährigen Preisverhandlungen zurückgemeldet. Die wirtschaftliche Lage sei durch die Pandemie, den russischen Angriff auf die Ukraine und die Inflation unsicher. So lasse sich kaum vorhersehen, wie sich die Kosten nach Versicherungsschäden entwickeln werden, sagte Rückversicherungsvorstand Torsten Jeworrek vor internationalen Journalisten in Monte Carlo.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          „Die Inflation ist sehr wichtig für die Preissetzung für nächstes Jahr. Das ist diesmal viel herausfordernder als in den vergangenen Jahren“, sagte Jeworrek. In der Vergangenheit hätten Rückversicherer über die üblichen zyklischen Entwicklungen auf dem Markt verhandeln müssen. Nach Jahren mit schlechten versicherungstechnischen Ergebnissen hatten sie zuletzt steigende Preise durchsetzen können. Im Branchenjargon wird von einem härteren Markt gesprochen. Doch nun komme die schwer prognostizierbare Teuerung hinzu, die über die Profitabilität entscheide. „Es geht nicht nur um einen harten oder einen weichen Markt. Wir haben Auswirkungen durch das ökonomische Umfeld“, sagte Jeworrek mit Blick auf das blau schimmernde Mittelmeer.

          60 Prozent der Verträge werden beim Dax-Konzern, der mit der Swiss Re um die Position als globaler Marktführer ringt, zum ersten Januar wieder neu abgeschlossen. In wenigen Wochen würden die Bedingungen und Preise festgelegt. „In den Monaten danach werden wir sehen, ob unsere Annahmen über die Inflation zutreffend waren“, sagte Jeworrek. Aber bei Geschäften mit kürzerem Zeithorizont werde man erst in drei Jahren sehen, wie sich eine falsche oder richtige Einschätzung auf das Ergebnis auswirke. „Unsere Annahmen müssen deshalb vorsichtig sein“, sagte er. Bei einem beabsichtigten Wachstum von 2 bis 3 Prozent müsse die Inflationsrate hinzugerechnet werden.

          Die großen europäischen Rückversicherer, zu denen auch die Hannover Rück , Scor aus Frankreich und der Versicherungsmarkt Lloyd’s of London zählen, sind in einer deutlich komfortableren Lage als noch vor einigen Jahren. Nach eineinhalb Jahrzehnten eines „weichen“ Marktes und einigen Jahren mit hohen Schäden, können sie inzwischen besser höhere Preise durchsetzen – auch weil das jahrelang steigende alternative Kapital im Markt nicht mehr zunimmt. Die Eigenkapitalrendite der größten Branchenteilnehmer lag im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre bei bescheidenen 4,4 Prozent. Nun wächst das Bewusstsein, dass diese Werte gemessen an den eingegangenen Risiken zu niedrig sind.

          Als Rückversicherer, der die Spitzen eines Schadenereignisses zu tragen hat, beschäftige seit langem der Klimawandel die Vorstände. „Wir sind davon überzeugt, dass die Notwendigkeit, sich von einer Wirtschaft der Fossilen zu einer der Erneuerbaren zu wandeln, dringender geworden ist als je zuvor“, sagte Jeworrek. Die Katastrophen, die unmittelbar auf den Klimawandel zurückzuführen sind, hätten zugenommen. Politisch sei es geboten, sich von fossilen Energieträgern aus Russland unabhängig zu machen. „Wir wollen die Grenzen der Versicherbarkeit unter den Voraussetzungen der Folgen des Klimawandels ausdehnen“, sagte sein Vorstandskollege Thomas Blunck, der den Geschäftsbereich Spezial- und Finanzrisiken verantwortet. Dazu gehörten Versicherungsdeckungen, die an lokale Wetterbedingungen in einer Region angepasst sind.

          Als Kapitalgeber habe die Munich Re 1,7 Milliarden Euro in Erneuerbare investiert. Auch im Versicherungsgeschäft ist der Konzern aktiv: Zuletzt ist der Rückversicherer mit Leistungsgarantien für Wasserstoffanlagen an den Markt gegangen. „Alle Interessengruppen müssen sich auf ihre Leistungsfähigkeit verlassen, wenn sie investieren, eine Anlage betreiben oder sie nutzen“, sagte Blunck. Indem technische Risiken und die Gefahr eines Herstellers, insolvent zu gehen, vom Rückversicherer übernommen werden, bestehe größere Investitionssicherheit. „Dadurch steigt auch die Bereitschaft konservativerer Investoren in erneuerbare Energien anzulegen.“

          Die Taxonomie der Europäischen Kommission, durch die definiert wird, welche Kapitalanlagen als nachhaltig gelten können, helfe der Branche. „Diese Diskussion ist aber von politischen Interessen geprägt. Wir können keinen einheitlichen Blick darauf haben, was wir als ‚grün’ betrachten. Das ist eine globale Perspektive“, sagte Jeworrek. So betrachte die Munich Re die Atomenergie nicht als nachhaltige Anlage, aber für eine Übergangsphase als notwendige Technik, um schneller zur Klimaneutralität zu kommen. „Das kann die Entwicklung von Fossil zu Grün beschleunigen“, sagte Jeworrek. Ungünstig sei gewesen, dass die Politik in einer emotionalen Lage nach dem Reaktorunglück in Fukushima auf den Pfad des Atomausstiegs der rot-grünen Bundesregierung zurückgekehrt ist.

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