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Vertical Farming : Warum die Kräuter nun im Supermarkt wachsen

  • -Aktualisiert am

Ernte mal anders Bild: Infarm

Kästen, in denen Salate, Kräuter und Gemüse zuhause oder im Supermarkt angebaut werden, liegen im Trend. Die Geräte von Infarm findet man in immer mehr Einkaufsmärkten. Den Plantcube von Agrilution kann man sogar in eine Küchenzeile einbauen.

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          „Das ist aber cool!“, ruft eine junge Frau. Sie steht in der Edeka-Filiale am Berliner Nollendorfplatz vor einem hohen Glasschrank. Darin wachsen Kräuter und Salate. Alle Wachstumsphasen sind für die Kunden sichtbar; frischgeerntete Kräuter kaufen sie ohne Umwege im Supermarkt. Dahinter steckt das Berliner Start-up Infarm. „Infarm wurde aus dem Wunsch heraus geboren, unser eigenes Essen anzubauen“, sagt Osnat Michaeli, eine der Mitgründerinnen.

          Eigentlich wollte sie mit Erez und Guy Galonska 2013 ein Café eröffnen. Doch dann kam den drei im März 2014 die Idee der „vertikalen Farmen“. Was in einem alten Airstream-Wohnwagen mit Experimenten zur Pflanzenzucht in urbaner Umgebung begann, hat sich durch hauptsächlich risikokapitalbasierte Investitionen zu einem Unternehmen mit rund 250 Mitarbeitern entwickelt.

          Geld aus London

          Zunächst sammelte man 25 Millionen Euro ein. Dieser Tage nun hat das  Start-up mitgeteilt, dass es in einer neuen Finanzierungsrunde weitere 100 Millionen Dollar (gut 88 Millionen Euro) bekommen hat, vor allem von Europas größtem Risikokapitalgeber Atomico aus London. „Rund eine Million Euro hat auch die EU im Rahmen des Förderprojekts Horizont 2020 beigetragen“, berichtet Michaeli.

          In schrankähnlichen Kästen wachsen auf mehreren Regalen Salate und Kräuter; das spart Transportkosten und ermöglicht den Anbau von frischen Pflanzen zu allen Jahreszeiten. Vor allem für Kräuter, die sonst in fernen Ländern wachsen, ist das vorteilhaft. „Wir schaffen eine Umgebung, in der Wachstumsprozesse der Natur so genau wie möglich reproduziert werden“, erklärt Michaeli. Bei Infarm laufen viele Prozesse hochtechnisiert ab. So können Mitarbeiter die Wachstumsbedingungen der Kräuter in jeder Farm über das Internet überwachen und steuern.

          Infarm vermietet seine vertikalen Farmen an Supermärkte wie Edeka und Metro. Auch die Gastronomie zählt zu den Kunden, zum Beispiel ein Restaurant des Berliner Zwei-Sterne-Kochs Tim Raue und das Neni im Bikini Berlin. Man vermietet rund 350 Farmen. „Die meisten davon sind in den Edeka-Filialen in Deutschland, aber es gibt auch welche in der Schweizer Supermarktkette Migros sowie in Frankreich bei Metro“, sagt  Ronja Sandles von Infarm. Standorte der Edeka-Filialen sind neben Berlin unter anderem Düsseldorf, Hannover, Rostock und Hamburg. Infarm plant, bis Ende 2019 rund 1000 Farmen in Europa zu betreuen.

          Plantcubes für den privaten Haushalt

          Das junge Unternehmen Agrilution aus München bietet ebenfalls ein Vertical-Farming-System an, bedient aber einen anderen Markt als Infarm: Agrilution verkauft seinen 90 Zentimeter hohen Plantcube an Privatpersonen. Man biete das Gerät erst seit Ende März an und habe schon ein paar hundert verkauft und ausgeliefert, sagt Maximilian Lössl, Gründer und Geschäftsführer von Agrilution. Er erwartet, dass man bis Ende des Jahres rund 1000 Geräte ausgeliefert haben wird. Lössl blickt optimistisch in die Zukunft. Der Markt für diese neuen Produkte sei riesig.  In ein paar Monaten will Agrilution in andere europäische Länder expandieren und im kommenden Jahr in die Vereinigten Staaten.

          Für begeisterte Hobbyköche: Plantcube von Agrilution

          Der Plantcube, der knapp 3000 Euro kostet, könne in eine Küchenzeile eingebaut werden; es gebe ihn aber auch als  freistehendes Gerät, berichtet Lössl. Man könne ihn ganz einfach und ohne Vorkenntnisse bedienen. „Man muss nichts über Pflanzen wissen.“ Klimakontrolle und Beleuchtung laufen vollautomatisch. „Man muss nur eine Filzmatte, in die das Saatgut integriert worden ist, einlegen; dann übernimmt das Gerät den Wachstumsprozess. Und es gibt eine App dazu“, erklärt Lössl. Im Plantcube gedeihen bisher Kräuter, Salate und grünes Gemüse wie Spinat, Pak Choi  und Grünkohl. Man bietet knapp zwanzig Sorten an, jeden Monat kommen neue hinzu. „Gerade arbeiten wir an Tomaten und Chilis“, sagt Lössl.

          Die Kunden sind nach seinen Angaben begeisterte Hobbyköche und sehr  ernährungs- und gesundheitsbewusste Menschen, die zudem ein schönes Design schätzten. Einige Geräte habe man zudem in die Sternegastronomie verkauft.

          Basilikum ist der Liebling

          Infarm bietet seinen Geschäftskunden verschiedene Farmen an; der Mietpreis richtet sich nach der Größe der Farm. Die Berliner übernehmen nach der Lieferung auch die Inbetriebnahme, die Wartung, die Bestückung mit Samen und die Ernte. Es gibt rund 600 Samen zur Auswahl, von Thai-Basilikum bis zu peruanischer Minze. „In Zukunft wollen wir das Sortiment noch um Tomaten, Chilis, Pilze, Erdbeeren und verschiedene Kohlsorten erweitern“, sagt Sandles. „Klassiker wie Basilikum sind in jeder Marktfarm in unseren Märkten vorhanden. Die verschiedenen Basilikum-Varianten sind auch die absoluten Kräuterlieblinge der Kunden“, sagt Miriam Pöttker, Pressereferentin von Edeka.

          Die Betriebskosten für die Farmen muss der Mieter tragen. Michaeli betont jedoch, dass sie deutlich niedriger seien als in der Landwirtschaft. Es dauert dreißig Tage, bis der Setzling erntereif ist. Zweimal wöchentlich kommen Mitarbeiter von Infarm in die Filialen und ernten. In braunen beschrifteten Papiertüten gelangen die Pflanzen anschließend mitsamt ihren Wurzeln ins Verkaufsregal. „So bleiben wichtige Nährstoffe und Vitamine erhalten“, erklärt Michaeli. Bei Edeka kosten die Kräuter 1,29 Euro. „Anfangs war ich etwas skeptisch, als ich diese großen Schränke im Markt gesehen habe“, erzählt eine Kundin, „aber dann wollte ich die Kräuter doch mal probieren und bin vor allem von den exotischen Sorten überzeugt.“

          Expansion ins Ausland

          Nach Michaelis Angaben rechnet man Mitte 2019 mit dem ersten Gewinn. Das neueste Projekt sei die „DC Farm“. Sie besteht aus mindestens 18 großen Modulen, die zu einer Einheit verbunden sind. „Eine Metro-Filiale in Paris hat eine DC Farm. Diese produziert jährlich ungefähr 4 Tonnen Kräuter, was die Filiale unabhängig von externen Kräuterlieferanten macht. Auch im Verteilerzentrum von Edeka in Hannover steht eine DC Farm“, sagt Michaeli. Noch größere Ausmaße hat die vertikale Farm des Unternehmens Aerofarms. Diese ist 21 Hektar groß und soll nach Angaben des Mitbegründers David Rosenberg 1000 Tonnen Blattgemüse jährlich produzieren.

          Infarm plant, nach England zu expandieren und sich langfristig in Asien und Amerika zu etablieren. Außerdem beschäftigt man sich mit der Frage, wie die stetig wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann. Beda Stadler, emeritierter Biologie-Professor der Universität Bern, sagt jedoch: „Das ist keine Lösung für unseren Hunger. Ich finde es auch schön, wenn man in einer Stadt das allerfrischeste Basilikum kaufen kann; aber das ist ein Luxusdenken.“

          Der Artikel stammt aus dem Schülerprojekt „Jugend und Wirtschaft“, das die F.A.Z. gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Banken veranstaltet.

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