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Industriegeschäft bricht ein : Siemens verabschiedet sich von der Prognose

Mehr Kurzarbeit in der Industrieautomation von Siemens Bild: ddp

Kommende Woche stellt Siemens-Chef Peter Löscher die Halbjahreszahlen des Konzerns vor. Gute Nachrichten dürfte er dabei nicht vermelden. Alles deutet darauf hin, dass Löscher seine vor Ausbruch der Krise formulierte Gewinnprognose revidieren muss.

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          Alles deutet darauf hin, dass Siemens-Chef Peter Löscher auf der Halbjahrespressekonferenz kommende Woche in Berlin seine im Juli 2008 vor Ausbruch der Krise formulierte Gewinnprognose aufgeben wird. Eigentlich strebte er im Geschäftsjahr 2008/2009 (30. September) ein operatives Ergebnis in den drei Kernsektoren Industrie, Energie und Medizintechnik von 8 bis 8,5 Milliarden Euro an, nach 6,5 Milliarden Euro im Vorjahr. Doch die Rezession trifft den Münchener Elektronik- und Industriekonzern Siemens Monat für Monat immer stärker.

          Rüdiger Köhn
          (kön.), Wirtschaft

          Die sich abzeichnenden Ergebniseinbrüche im Industriegeschäft, das bislang mehr als die Hälfte zum operativen Gewinn beigesteuert hat, können durch die noch robust laufenden Geschäfte in der Energie und Medizintechnik ebenso wenig aufgefangen werden, wie die Kostensenkungen im Zuge des Stellenabbaus in Vertriebs und Verwaltung. Auch die Einsparungen im Einkauf, die noch im aktuellen Geschäftsjahr erste nennenswerte Erfolge bringen sollen, reichen nicht aus.

          Prognosekorrektur längst erwartet

          Die Prognosekorrektur kommt nicht überraschend, da Analysten und Marktteilnehmer diese längst erwartet haben. Sie rechnen mit einem Ergebnis in der Bandbreite von 6,8 bis 7,2 Milliarden Euro. Damit würde das Ergebnis 2008/2009 immer noch deutlich über dem Rekordwert des Vorjahres liegen. Siemens könnte die Märkte allenfalls mit einer geringeren Rücknahme der Gewinnerwartung überraschen - was vor dem Hintergrund der Unsicherheit jedoch für unwahrscheinlich gehalten wird. Denn Löscher dürfte sich nun auf die sichere Seite begeben.

          Noch vor wenigen Wochen hielt er unverändert an der Prognose fest, wollte diese aber mit Blick auf die sich zuspitzende Situation von Quartal zu Quartal überprüfen. Erst mit dem Hinweis Ende März, die Lage neu zu bewerten und sich am 29. April äußern zu wollen, hat Löscher offensichtlich die Hoffnungen begraben. Denn er verwies auf das Umfeld, das sich seit Januar - mit Beginn des zweiten Quartals - erheblich verschlechtert habe.

          Letzter Hinweis ist die nun lancierte Ausweitung der Kurzarbeit in der Industriesparte von 7400 Mitarbeiter auf 12.000 Beschäftigte, wie ein Siemens-Sprecher am Mittwoch bestätigte. Der Konzern schließt sogar den Ausbau auf 19.000 Mitarbeiter bis Juni nicht aus. Das entspräche 15 Prozent der Inlandsbelegschaft von 130.000 Beschäftigten. Die Rede ist von ein bis zwei Tagen Kurzarbeit in der Woche, wobei unabhängig von der Betroffenheit 85 Prozent Lohnfortzahlung geleistet wird. Zudem hatte Siemens schon mehrfach zugesichert, in dem Jahr keinen Stellenabbau vorzunehmen.

          Frei von Restrukturierungslasten

          Betroffen von der Kurzarbeit sind die Divisionen Industrie Automation und Osram, in abgeschwächtem Maße die Antriebstechnik. Diese Geschäfte sind kurzfristiger Natur und damit sofort von Auftragseinbrüchen in der Produktion betroffen. Dagegen laufen Medizintechnik und Energie noch robust. So soll es in der Energiesparte zwar Auftragsverschiebungen geben, aber keine Stornierungen. Die machen Konkurrent General Electric (GE) mehr zu schaffen, der gerade über Stornierungen von rund 400 Millionen Dollar im Kraftwerksgeschäft berichtete.

          Finanzvorstand Joe Kaeser hat vor kurzem darauf hingewiesen, dass im Ende März zu Ende gegangen zweiten Quartal die Auftragseingänge noch höher gewesen seien als der Umsatz. Doch sanken sie gegenüber dem Vorjahresquartal um mindestens 10 Prozent. Dagegen soll der Umsatz gestiegen sein. Auch das operative Ergebnis werde steigen, sagte Kaeser. Zu vermuten ist ein Zuwachs von deutlich mehr als 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr (1,28 Milliarden Euro), das noch durch erhebliche Sonderlasten beeinträchtigt war. Das diesjährige zweite Quartal wird frei von Restrukturierungslasten sein.

          „Die Krise ist bei Siemens angekommen“

          Dennoch werden die 2 Milliarden Euro - wie sie im ersten Quartal erzielt wurden und rechnerisch zur nun kassierten Zielerreichung erforderlich sind - bei weitem nicht erreicht werden. Denn das Industriegeschäft wird markant unter dem Vergleichswert der Vorjahresquartals (941 Millionen Euro) liegen. Vor allem Industrie Automation, Antriebstechnik und Osram würden unbefriedigende Ergebnisse präsentieren, was sich noch in den nächsten Quartalen fortsetze, sagte Kaeser. Daran wird die Energiesparte nicht viel ändern können, die im Vorjahr wegen 600 Millionen Euro Restrukturierungskosten nur ein leicht positives Ergebnis hatte.

          Energiechef Wolfgang Dehen hat darauf hingewiesen, dass sein Sektor in diesem Jahr den vorgegebenen Zielkorridor von 11 bis 15 Prozent Umsatzrendite erreichen wird. Auch die Medizintechnik soll im Ergebnis zulegen. „Die Krise ist bei Siemens angekommen“, sagte Kaeser vor kurzem. „Siemens ist aber nicht in der Krise.“ Trotz der dynamischer gewordenen Bremswirkung im Industriegeschäft, vermuten Unternehmensbeobachter, wird der Konzern verglichen mit der Konkurrenz noch ein gutes Quartalsergebnis präsentieren. Dabei hatte GE mit einem über Erwarten guten Quartalsergebnis und einem stabilen Industriegeschäft überrascht. Der niederländische Philips-Konzern ist im ersten Quartal in die Verlustzone geglitten.

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