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Industriegase : „Das Know-how der Briten in der Welt nutzen“

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Beugte sich einem „Naturgesetz” und übernimmt BOC: Wolfgang Reitzle Bild: dpa/dpaweb

Die Übernahme der britischen BOC macht Linde zu einem Global Player. Vorstandssprecher Reitzle, dessen Weg von BMW zu Ford und dann nach Wiesbaden führte, baut bei dem Geschäft auf die Kraft der „industriellen Logik“.

          Auf dem Höhepunkt seiner Karriere zeigte sich Wolfgang Reitzle von seiner besten Seite: Locker und charmant präsentierte der Manager, der früher bei BMW Autos entwickelte, am Montag vor der historischen Kulisse des Frankfurter Städel-Museums die Details der rund 12 Milliarden Euro teuren Übernahme des britischen Konkurrenten BOC.

          Noch vor ein paar Monaten als mögliches Opfer aggressiver Hedge-Fonds beschrieben, steigt der einst behäbige Wiesbadener Mischkonzern auf einen Schlag zum Global Player bei Industriegasen (Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff) auf. Ein äußert lukrativer Markt, der von wenigen Anbietern dominiert wird und dem glänzende Wachstumsraten prophezeit werden. Analysten feierten die Nachricht als Traumhochzeit, die Linde-Aktie schoß in die Höhe.

          Vollzug eines „Naturgesetzes“

          In der Branche war seit Jahren über ein Zusammengehen der beiden Konzerne, die schon seit zehn Jahren im Anlagenbau kooperieren, spekuliert worden. Auf keiner Bilanzpressekonferenz fehlte die Frage an Reitzle, ob er nicht mit den Briten fusionieren wolle. Die Antwort war stets dieselbe: Der Gedanke habe seinen Charme, es werde aber nicht verhandelt. Die Profis vom Finanzmarkt ließen sich nicht beirren. Die Deutsche Bank sah angesichts der Konsolidierung in der Industriegas-Branche einen Zusammenschluß beinahe als Naturgesetz: „Die einzig mögliche Fusion auf globaler Ebene ist die zwischen BOC und Linde wegen der sich ergänzenden regionalen Aktivitäten.“

          Doch Reitzle, der über 20 Jahre bei BMW gearbeitet hatte, dann zu Ford wechselte und 2003 Linde-Chef wurde, blieb zunächst vorsichtig: Am Börsenwert gemessen waren die Briten lange Zeit eine Nummer zu groß, zudem mußte Linde noch die Übernahme der schwedischen Aga verdauen. Und noch eines war für den passionierten Golf-Spieler klar: „Die Rolle des Juniorpartners ist nicht so mein Ding“, erzählte er im kleinen Kreis. Doch vor einigen Monaten begann Reitzle dann mit sehr guten 2005-Zahlen im Rücken, die Übernahme des weitaus größeren Konkurrenten durchzuspielen.

          „Industrielle Logik“ als entscheidendes Argument

          Im prominent besetzten Aufsichtsrat bekam er Rückendeckung, Tips und die nötigen Kredite. Dort sind die Großaktionäre aus der deutschen Finanzelite mit den Vorstandschefs Josef Ackermann (Deutsche Bank), Klaus-Peter Müller (Commerzbank) und Michael Diekmann (Allianz) versammelt. Aufsichtsratschef ist der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Chemiekonzerns Bayer Manfred Schneider. Die illustre Runde traute Reitzle zu, den zunächst widerspenstigen BOC-Chef Tony Isaac umzustimmen. Am vergangenen Freitag trafen sich die Spitzenmanager und besiegelten den Deal.

          Was wird aus der Gabelstabler-Sparte

          Triumph-Rhetorik vermied Reitzle am Montag: Beide Seiten hätten ausgezeichnete Mitarbeiter, das Know-how der Briten in der Welt müsse unbedingt genutzt werden. Die Einsparungen von 250 Millionen Euro bis 2009 seien wichtig, entscheidendes Argument sei aber die „industrielle Logik“ gewesen. Auch wenn Reitzle keinen größeren Stellenabbau erwartet, dürften nicht überall im Linde-Konzern die Sektkorken geknallt haben. Die traditionsreiche Gabelstapler-Sparte wird wahrscheinlich verkauft werden, um den immens hohen Kaufpreis mitzufinanzieren.

          Reitzle sprach zwar nur von einer „strategischen Option“, doch die von ihm angekündigte Fokussierung auf Gase und Anlagenbau läßt kaum einen anderen Schluß zu. Ein neuer Eigentümer könnte die vor einem Jahr ausgehandelte Standortgarantie für die Gabelstapler-Werke in Hamburg (Marke Still), Aschaffenburg (Linde) und Reutlingen (Still) schnell kippen und die Produktion nach Asien oder Osteuropa verlagern. Dies hatte vor zwei Jahren die amerikanische Carrier Corporation bei der Übernahme der Linde-Kältetechnik zum Schrecken der Beschäftigten vorgemacht.

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