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Tag der deutschen Industrie : Industrie fordert Politiker zu mehr Effizienz in der Flüchtlingsfrage auf

  • Aktualisiert am

Bundeswirtschaftsminister Gabriel, der britische Finanzminister Goerge Osborne und BDI-Chef Ulrich Grillo beim Tag der Deutschen Industrie 2015. Bild: dpa

Anstatt über einzelne Worte zu streiten, sollte die Politik den Mehrwert von Flüchtlingen für die deutsche Wirtschaft anerkennen. „Wir sind alle gefordert“, so der BDI-Chef in Berlin.

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          Angesichts der Herausforderungen der Flüchtlingskrise hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die europäische und deutsche Politik eindringlich zur Einigkeit aufgefordert. „Wir sind alle gefordert“, sagte BDI-Präsident Ulrich Grillo am Dienstag in Berlin beim Tag der Deutschen Industrie im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Letztlich werde deutlich werden, „was es für Europa zu gewinnen gibt“.

          Die Situation werde lange andauern und eine „gewaltige Kraftanstrengung“ für Politik, Gesellschaft und die Wirtschaft darstellen, sagte Grillo in Richtung der in Berlin regierenden Parteien CDU, CSU und SPD, die in den vergangenen Tagen teils kontrovers um Reaktionen und neue Lösungsansätze hatten. „Die große Koalition hat eine große Verantwortung, gerade jetzt“. Einigkeit in ihren Reihen sei in der jetzigen Lage „unabdingbar“.

          Die deutsche Industrie stehe bereit, „ihren Teil“ zur Integration von Flüchtlingen zu leisten, betonte der BDI-Präsident. Es gebe hierzulande aktuell 600.000 offene Stellen, dazu kämen zudem noch jene, die gar nicht offiziell ausgeschrieben seien. Zugleich warnte er allerdings auch davor, „überzogene Erwartungen“ zu wecken. „Qualifikation und Spracherwerb können nicht herbeigebetet werden. Ebenso sind die Bedürfnisse des deutschen Arbeitsmarkts nicht nach Wunsch gestaltbar.“

          Debatte darf sich nicht auf staatliche Ausgaben fokussieren

          Der renommierte Wirtschaftsforscher Marcel Fratzscher kritisierte derweil die seiner Auffassung nach viel zu einseitige Ausrichtung der Diskussion auf die Lasten der Flüchtlingsaufnahme. „Was dabei völlig übersehen wird: Viele Flüchtlinge schaffen schon nach wenigen Jahren einen Mehrwert für die deutsche Wirtschaft“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) der „Welt“.

          Berechnungen seines Instituts zufolge erwirtschaftet ein Flüchtling nach fünf bis sieben Jahren mehr, als er den Staat kostet. Flüchtlinge schafften Einkommen, sorgten für zusätzliche Binnennachfrage, steigerten Unternehmenserträge und erhöhten die Produktivität von Firmen. All das gehe aber meist unter, weil sich die Debatte auf die staatlichen Ausgaben fokussiere. Aus dieser Sicht wäre „auch die Hälfte aller Deutschen für den Staat ein Verlustgeschäft“. Das sei „irreführend“.

          Grillo riet der Politik, der Bevölkerung mit Blick auf die Chancen und die Probleme der Integration von Anfang an die Wahrheit zu sagen. „Einige von ihnen werden sich schwer tun in ihrem neuen Leben, andere werden sich leichter zurechtfinden. Es wird Probleme und Spannungen geben, wahrscheinlich auch Streit. Die Politik ist aufgefordert, das den Menschen klar zu sagen.“ Dann würden die Bürger die Aufgabe mittragen, wenn sich auch andere europäische Staaten beteiligten.

          Beim Tag der Deutschen Industrie hatten sich rund 1200 Gäste aus Wirtschaft und Politik versammelt. Darunter war neben Merkel auch der Bundeswirtschaftsminister und SPD-Bundeschef Sigmar Gabriel. Im Mittelpunkt standen neben der Flüchtlingspolitik Themen wie die Energiewende und die Digitalisierung.

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