https://www.faz.net/-gqe-8j0l2

Industrie 4.0 : „Wir können dem Silicon Valley Paroli bieten“

  • -Aktualisiert am

Der Apple Campus in Cupertino Bild: Reuters

Der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft Reimund Neugebauer über sichere Datenräume, das Internet der Zukunft – und die Konkurrenz zu Google und Co.

          7 Min.

          Professor Neugebauer, hat Deutschland den Wettkampf mit den Amerikanern um die besten Lösungen für die Industrie 4.0 gewonnen?

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch wenn von außen der Eindruck entstanden war: Einen Wettkampf hat es nicht gegeben. Es gab immer nur die Sorge, ob wir speziell bei der Datenanalyse und der Datensicherheit, wo die Amerikaner große Stärken haben, gut genug aufgestellt sind. Unsere Stärken waren uns dagegen von Anfang an bewusst.

          Welche sind das?

          Es ist die Systemebene, also Sensorik, Aktorik, Datenerfassung. Die Umsetzung von Daten in Action, in Fertigungssysteme, in autonomes Fahren zum Beispiel und vieles andere mehr. Hier waren wir von Anfang an in der Vorderhand. Nicht umsonst sind deutsche Unternehmen für ausländische Investoren - gerade aus dem asiatischen Raum - so interessant. Es schauen auch sehr viele von außen auf unser methodisches Vorgehen und unser Wissenschaftssystem: Amerikaner, Franzosen, Koreaner, Chinesen und viele andere.

          Und wie war das mit der Datensicherheit und der Datenanalyse?

          Da hatten wir einige Defizite, aber die haben wir inzwischen weitgehend aufgeholt. Natürlich gab es anfangs einen hohen Abstimmungsbedarf, weil viele Seiten beteiligt sind. Aber wir haben uns inzwischen gut aufgestellt. Bei den Amerikanern war es nicht so.

          Der Präsident der Fraunhofer Gesellschaft Reimund Neugebauer

          Inwiefern?

          Sie haben ihr methodisches Vorgehen mitnichten auf nationaler Ebene organisiert, so wie wir das mit Unternehmen, der Politik und den Verbänden getan haben. Die Amerikaner haben sich sehr genau angesehen, wie wir das Thema in unseren Fabriken, also auf der Produktebene, umsetzen - daraufhin haben sie fünf Institute nach dem Fraunhofer-Prinzip gegründet. Es gab aber alles in allem keinen Wettkampf, sondern ein intensives gegenseitiges Beobachten. Wir haben großen Respekt vor den amerikanischen Fähigkeiten bei der Datenanalyse, die Amerikaner hatten großen Respekt vor unserer Kompetenz, Daten in Produktion, Logistik, in Hardware umzusetzen.

          War der sogenannte „Industrial Data Space“, also der sichere Datenraum, den Fraunhofer entwickelt hat, der entscheidende Fortschritt in Deutschland?

          An Industrie 4.0 wird von vielen verschiedenen Seiten gebaut, der Industrial Data Space war ein wichtiger Schritt. Wir brauchten Standards und IT-Sicherheit, und dafür können einzelne Unternehmen nicht sorgen.

          Warum nicht?

          Wichtig war zunächst die Standardisierung. Die kann man aber nicht aufzwingen, die wird von Unternehmen bei der Herstellung und beim Vertreiben ihrer Produkte gesetzt. Konzerne wie Siemens, Bosch, Deutsche Telekom oder SAP, aber auch kleinere Unternehmen können weiter ihre Standards setzen - aber unsere Rahmenarchitektur, die wir auf der Hannover Messe vorgestellt haben, sorgt dafür, dass sie miteinander verbunden werden können. Die vielen Standards werden jetzt kompatibel, das war der eine entscheidende Fortschritt.

          Was war noch wichtig?

          Das Thema Sicherheit. Und genau da hat Fraunhofer mit der Politik und den Verbänden eingegriffen. Wir haben 67 Institute, allein 20 davon sind IT-Institute. Wir haben die deutsche Industrie gefragt: Wollt ihr euch eure Datensicherheit bei einzelnen Unternehmen holen - oder braucht es da eine neutrale Instanz? Die Antwort war eindeutig: Ja, wir wollen eine neutrale Instanz. Es waren alle großen deutschen Automobilhersteller vertreten, die chemische und die Pharma-Industrie, Logistikunternehmen wie die Deutsche Post, die Allianz-Versicherung - quer durch die unterschiedlichsten Branchen. Und daraus ist der Industrial Data Space entstanden. Der Grundgedanke war, dass kein Datenserver, keine Cloud in der Hand eines Einzelnen sein darf. Wir haben im Grunde den Datenaustausch zwischen den Servern einzelner Unternehmen sicher gemacht, wir klären, wer dabei ist. Wir haben schon ungefähr 70 Use-Cases vorliegen und weit über 100 Projektgespräche mit Unternehmen geführt.

          Hätte das nicht auch die deutsche Industrie als eine Art Gemeinschaftswerk übernehmen können?

          Die Unternehmen haben nach einem verwertungsneutralen Makler gesucht, eine gemeinnützige Einrichtung wie Fraunhofer war also ideal. Man braucht viel Vertrauen, um da mitzumachen, und uns ist uneingeschränktes Vertrauen entgegengebracht worden, die Rolle des Spiritus Rector einzunehmen. Es braucht außerdem eine kritische Masse an Kompetenz. Und wir haben nicht nur viele IT-Institute, sondern auch produktionstechnische Institute, die die Abläufe in den Unternehmen kennen. Wir hatten einen inhaltlichen Vorteil durch unsere Vielfalt. Wir sind interdisziplinär stark. Und unsere Institutsleitungen sind auch auf europäischer Ebene maßgebend und wissen, was international passiert und gefragt ist. Die Risikofrage kam noch hinzu.

          Was meinen Sie damit?

          Man kann ja auch für zehn Millionen Euro ein Datensicherheitssystem entwickeln - und am Ende funktioniert es nicht. Das wollte man keinem Unternehmen zumuten, auch wenn eine Telekom oder ein SAP das Knowhow haben. Das Risiko ist durch die Beteiligung des Bundesforschungsministeriums gemildert worden. Der Bund hat also in ein Risikoprojekt investiert. Bei einem Einzelunternehmen als Entwickler wäre ja auch wieder die Frage nach dem Vertrauen aufgekommen. Wir entwickeln jetzt jedenfalls Sicherheitsalgorithmen zu unserem europäischen Kulturverständnis.

          Wie kam das Projekt im Ausland an?

          Wir haben für unser Industrial Data Space einen eigenen Verein gegründet, an dem rund 30 Unternehmen beteiligt sind, ganz große, aber auch kleinere. Und es gibt auch aus China den Wunsch, sich dem Industrial Data Space anzuschließen. Dann wird das Volumen noch einmal eine ganz andere Dimension haben. Europa steht jedenfalls beim Thema Datenschutz plötzlich gar nicht mehr so wenig selbstbewusst da wie noch zu Beginn der Diskussionen über Industrie 4.0.

          Da galten die Amerikaner als fast uneinholbares Maß aller Dinge.

          Wir Europäer müssen uns bei solchen Themen selbst helfen - auch wenn bei uns die Heterogenität sehr hoch und es deshalb nicht immer einfach ist. In Amerika ist das ganz anders, da geben die Großen einfach die Richtung vor. Und in China kommen die Vorgaben vom Staat, was auch ein Vorteil sein kann. Aber wenn wir uns in Europa erst einmal aufgestellt haben, dann ist die Nachhaltigkeit eine andere.

          Wie ist die Außenwahrnehmung speziell des deutschen Weges?

          Wenn ich sehe, wie sich große, technologisch führende Länder wie die USA, Israel, die skandinavischen Länder oder China für unseren Weg interessieren, dann muss ich sagen: Wir machen eine ganze Menge richtig. Ich kenne kein Land, in dem Spitzen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft so intensiv über die technologischen Herausforderungen diskutieren wie in Deutschland. Hier werden die großen Themen in Netzwerken angegangen. Schauen Sie sich den Innovationsdialog der Kanzlerin, die Plattform Industrie 4.0, oder aber das Hightech-Forum an. Das macht uns so schnell keiner nach - auch wenn wir oft dazu neigen, uns kleiner zu machen, als wir sind.

          Und die Unternehmen können sich ihrer Daten und damit ihrer Geschäftsmodelle in einer komplett vernetzten Industrie jetzt also sicher sein?

          Ja. Wobei es die absolute Datensicherheit nicht gibt. Aber wir brauchen Sicherheit nicht nur gegen Hacking, sondern auch gegen Signalabriss. Das wird oft unterschätzt. Wenn ein System automatisch läuft oder ein Auto autonom fährt, dann könnte ein solcher Signalabriss schlimme Folgen haben - da muss man nur an die Hirn-OP durch einen Assistenzroboter denken. Wir brauchen Signalsicherheit, aber auch andere Latenzzeiten. Es geht, vereinfacht formuliert, darum, welche Zeit Signale bis zur Cloud und wieder zurück brauchen, wie schnell sie also verarbeitet und wieder weitergereicht werden. Diese Latenzzeiten müssen wir verkürzen - und das, obwohl deutlich größere Datenmengen transportiert werden. Deshalb entwickelt Fraunhofer ein neues High-Speed-Internet. Wir wollen nicht gegen Google oder andere antreten - auch wenn viele Sorge haben, dass ihre sensiblen Daten auf den Servern von Google in Irland oder in den Niederlanden nicht sicher sind. Das Problem löst sich durch die neuen hohen Anforderungen ganz von selbst.

          Wie denn?

          Wenn es um Signale in Echtzeit für Maschinen geht, ob nun beim Roboter, der Operationen durchführt, bei High-Speed-Prozessen der Industrie oder beim autonomen Fahren, also um eine sehr hohe Geschwindigkeit bei der Übertragung von Daten, dann müssen die Server möglichst vor Ort stehen und nicht Hunderte Kilometer entfernt. Denn dann bekämen sie die Übertragungsgeschwindigkeit gar nicht in den Griff.

          Wie schnell soll dieses High-Speed-Internet sein?

          Eine Millisekunde ist das Minimum. Besser 0,1 Millisekunde. Signalanfrage, Signalbearbeitung, Signalrückkehr - und das mindestens in einer Millisekunde: Da darf der Server nicht weit entfernt stehen. Der eines deutschen Mittelständlers von der Schwäbischen Alb zum Beispiel wird nicht mehr in Dublin oder in den Niederlanden stehen können, sondern eher gleich um die Ecke. Das High-Speed-Internet muss von seiner ganzen Architektur her anders aussehen, als wir das heute kennen. Daran arbeitet Fraunhofer mit Hochdruck.

          War die Arbeit an den Voraussetzungen für die Industrie 4.0 eher „business as usual“ für Fraunhofer oder eine neue Dimension in Ihrer Forschungsarbeit?

          Die Digitalisierung unserer Gesellschaft findet ja schon lange statt. Die Anfänge gehen zurück bis in die Automatisierung der siebziger Jahre. Aber das Neue sind jetzt die Vernetzung und die riesigen Datenmengen, die genutzt werden, also Big Data. Die digitalisierte Welt ist etabliert, jetzt geht es um die vernetzte Welt. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Veränderung unserer Welt - und das ist auch für uns eine neue Dimension.

          Wenn der Vorsprung der Amerikaner bei der Datensicherheit geschrumpft ist: Gilt das auch für die Auswertung dieser gewaltigen Datenmengen?

          Bei der Datenanalyse ist Amerika immer noch top. Gleichzeitig haben wir hier Defizite. Fraunhofer und die Max-Planck-Gesellschaft haben beschlossen, beim sogenannten Deep Learning, beim maschinellen Lernen, zusammenzuarbeiten. Wir werden hier beim Forschungsministerium und auch bei anderen Ministerien noch anklopfen - damit die europäische Industrie bei diesem Thema nicht hinterherhinkt.

          Aber ist es nicht so, dass die Vereinigten Staaten, speziell das Silicon Valley mit seinen großen finanziellen Möglichkeiten, einfach die Talente aus Europa abwerben, die sie brauchen, um ihren Vorsprung zu sichern?

          Wir können darüber jammern, dass die Amerikaner gute Leute abwerben. Wir können uns aber auch darüber freuen, dass unser Bildungssystem Persönlichkeiten hervorbringt, die so intensiv international umworben werden. Wir müssen versuchen, sie zu halten. Aber wir sollten nicht jammern, dass man sie abwirbt.

          Dann gibt es also gar keinen Grund mehr für neidvolle Blicke nach Amerika?

          Nicht ganz. Von den sogenannten Darpa-Projekten zum Beispiel, die im amerikanischen Verteidigungsministerium angesiedelt sind, könnten wir uns einiges abschauen. Von hier kamen schon Ideen, die auch zu Google geführt haben. Oder zum GPS und zum mobilen Telefonieren. Bei unseren europäischen Länderbudgets haben wir nicht die Finanzquellen, um mit den Amerikanern mitzuhalten. Aber  wir alle gemeinsam in der Europäischen Union verfügen über Summen, mit denen wir solchen Projekten oder auch dem Silicon Valley Paroli bieten können. Wir müssen uns nur unter den europäischen Nationen einigen, um bei großen, disruptiven Veränderungen zusammenzuarbeiten. Die Chancen sind groß - aber auch die Risiken. Selbst unsere Konzerne wie Siemens, Volkswagen oder Daimler könnten dieses Risiko nicht so einfach verkraften, deshalb kann man das nur gemeinschaftlich angehen. Solche Projekte sind der Schlüssel für die technologische Souveränität Europas. Und nur wenn wir diese Souveränität in Hardware und Software sichern, werden wir auch unsere politische Souveränität behalten. Das ist in der Politik derzeit noch nicht auf der Tagesordnung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In China beliebt, im Rest der Welt skeptisch beäugt: Kunden in Schanghai mit Huawei-Geräten.

          Entscheidung gegen Huawei : Der britische Bann

          Der Rauswurf des chinesischen Huawei-Konzerns markiert eine politische Wende: Die einst gefeierte Wirtschaftsbeziehung zur Volksrepublik liegt in Trümmern, Investoren werden nicht mehr hofiert – und es kann noch schlimmer kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.