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Vernetzte Maschinen : Die Daten der Industrie werden zum Milliardengeschäft

  • -Aktualisiert am

Maschinen werden miteinander vernetzt: Mit der Digitalisierung entstehen große Mengen von Daten Bild: dpa

In der Industrie 4.0 fallen Daten an, die es bisher nicht gab. Wer sie für neue Geschäfte zu nutzen weiß, beherrscht die Welt von morgen. Anregungen aus der Elektroindustrie.

          5 Min.

          Daten, Datenerfassung, Datennutzung, Datensicherheit. Daten treiben die neue Welt der Industrie 4.0. Mit zunehmender Digitalisierung der gesamten Wirtschaft fallen immer mehr Daten an. Aus der Bündelung und Auswertung dieser Daten werden neue Geschäftsideen entstehen, vor allem neue Dienstleistungen. Die Nase hat der vorn, der als Erster aus den Daten etwas macht, ist Michael Ziesemer überzeugt, der Präsident des Branchenverbandes der Elektroindustrie ZVEI. Als Branchenpräsident, aber auch als Geschäftsführer des auf Mess- und Regeltechnik vor allem in der chemischen Industrie spezialisierten Unternehmens Endress + Hauser werde er häufig von Kunden gefragt, was Endress + Hauser als Hersteller in Bezug auf Industrie 4.0 tue und was der Kunde tun müsse, um seine Anlagen Industrie-4.0-fähig zu machen. „Ich antworte dann, fangt klein, aber jetzt an. Macht Erfahrungen, dann durchlauft ihr einen Lernprozess und seid auf die nächsten Schritte vorbereitet.“ Nur durch aktives Tun erkenne man eigene Stärken und Schwächen, erkenne, ob die eigene IT ausreiche, oder ob man externer Unterstützung bedürfe.

          Industrie 4.0 - also die Digitalisierung und Vernetzung der gesamten Produktion im Unternehmen und über das eigene Unternehmen hinaus - verändert vor allem Geschäftsmodelle. Und mit der Veränderung der Geschäftsmodelle werden auch teilweise jahrzehntealte Branchengrenzen obsolet. „In vielen Fällen wissen wir nicht, wie sie sich verändern, aber wir wissen, dass sie sich verändern werden“, beschreibt Ziesemer auch die bestehende Unsicherheit bei vielen Herstellern. Das dürfe aber nicht dazu verleiten, nichts zu tun.

          Wem gehören die Daten?

          Mit der Digitalisierung entstehen große Mengen von Daten. „Von Daten, die es bisher so nicht gab. Und weil es sie bisher nicht gab, ist die Frage, wem sie gehören und wer ein Nutzungsrecht an ihnen hat, alles andere als trivial“, sagt Ziesemer. Ein Hersteller hat seine Maschine verkauft und dafür sein Geld bekommen. Hat er ein exklusives Recht auf die und an den Daten, die diese Maschine erzeugt? So wird es heute von Triebwerksherstellern gehandhabt oder auch von Aufzugherstellern. Sie nutzen die Daten „ihrer“ Anlagen dazu, effiziente Wartungsdienste anzubieten. Autohersteller lassen sich inzwischen in Kaufverträgen zusichern, dass alle Daten, die das Fahrzeug liefert, ausschließlich dem Hersteller gehören und von ihm genutzt werden dürfen - auch um Haftpflichtversicherungen oder andere Dienstleistungen anzubieten, die bisher von Dritten (Versicherungsunternehmen) kamen. Entstehen hier neue Monopole, fragt sich Ziesemer. Daten müssten vor allem dort frei zugänglich sein, wo daraus neue Produkte und Märkte entstehen.

          Andererseits leben Hersteller von der exklusiven Auswertung der Daten über den gesamten Produktlebenszyklus ihrer Anlage. Viele Hersteller machen mit dem Verkauf der Anlage keinen Gewinn, sondern mit dem sogenannten After-Sales-Service, also vor allem der Wartung der Anlage. Durch die Digitalisierung und Vernetzung kommt es zu einer weiteren Veränderung. Da künftig auch Daten über freie Maschinenkapazitäten zur Verfügung stehen, werden viele Nutzer sich keine eigene Anlage mehr kaufen, sondern nur noch Nutzungsrechte erwerben. Die gemeinsame Nutzung von Autos (Carsharing) ist schon Realität, wenn sich aber künftig auch Werkstücke ihre Werkzeugmaschine selbst suchen, „dann wird auch hier aus dem Produktgeschäft ein Dienstleistungsgeschäft“. „Für Hersteller bedeutet das, künftig viel mehr Betreibermodelle anzubieten als heute“, ist Ziesemer überzeugt.

          Michael Ziesemer
          Michael Ziesemer : Bild: dpa

          Aber wer bisher nur Maschinen gebaut und geliefert hat, braucht mit der Vernetzung einen Dienstleister, der ihm hilft, die Daten zu erfassen, sie einzulesen, zu speichern, Datenstromanalysen zu erstellen (Kontrolle der Signale), die Daten darzustellen, sie zu entscheidungsrelevanten Informationen aufzubereiten und ihre Sicherheit zu überwachen. Das sind Plattformanbieter wie Microsoft, Cisco oder T-Systems als Tochtergesellschaft der Deutschen Telekom. Eine wichtige Frage sieht Ziesemer darin, wie man diesen Dienstleister (Provider) wechseln kann, ohne den Datenfluss wieder neu aufbauen zu müssen und ohne Informationen zu verlieren.

          An dieser Stelle sieht er die Politik gefordert, europäischen Plattformanbietern über ein einheitliches Datenrecht in der EU eine Chance zu geben, mit amerikanischen Anbietern mitzuhalten. „Es geht hier nicht um Abschottung des europäischen Marktes“, erläutert Klaus Mittelbach, Vorsitzender der Geschäftsführung des ZVEI. Es gehe um die Ausnutzung von Skaleneffekten des großen europäischen Marktes, um dann über die Öffnung zu einem echten Wettbewerb mit amerikanischen Anbietern zu gelangen, die ansonsten aufgrund ihres großen Heimatmarktes Größenvorteile gegenüber europäischen Mitbewerbern hätten.

          Ziesemer sieht Deutschland in Bezug auf Industrie 4.0 gut aufgestellt. Die große Stärke sei die Kenntnis industrieller Fertigung, die Deutschland als größter Produktionsausrüster der Welt habe. Viele Daten seien auch künftig nur vernünftig interpretierbar vor dem Hintergrund genauer Branchen- und Anlagenkenntnisse. Aber die Industrie müsse am Ball bleiben und sich der Möglichkeiten auch der rein statistischen Datenanalyse (Big Data) bedienen. Es müssten künftig nicht alle Mitarbeiter zu Softwareentwicklern werden, aber die in der Vergangenheit geltende Trennung von Mechanik, Elektronik und Software sei in der neuen Welt aufgehoben. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Das führt auch zu mehr Gruppenarbeit. „Der Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter kommt daher in Zukunft eine noch größere Bedeutung zu“, ist Ziesemer überzeugt. Er begrüße ausdrücklich, dass in diesem Punkt die Gewerkschaft IG Metall eine konstruktive Rolle spiele und die Beschäftigten auf die neue Arbeitswelt vorbereite. „Wir müssen den Mitarbeitern sagen, was Industrie 4.0 für sie persönlich bedeutet.“ Nur so sei gewährleistet, dass Industrie 4.0 weiterhin eine hohe Akzeptanz in der Gesellschaft genieße.

          Weil die Vernetzung der Produktionswelt eine globale Entwicklung sei, versuche der ZVEI über Kooperationen mit Verbänden in anderen Ländern deutsche Erfahrungen weiterzugeben und von Erfahrungen ausländischer Partner zu lernen. Jüngst hat der ZVEI ein Kooperationsabkommen mit dem indischen Verband geschlossen. Mit dem chinesischen Elektroverband kooperiere man seit 2007. Mit den Vereinigten Staaten knüpfe man die Bande enger. Erstmals werde auf der ZVEI-Jahrestagung am 9. und 10. Juni in Berlin ein Vertreter des IIC (Industrial Internet Corporation) auftreten.

          Über die in beiden Ländern tätigen Unternehmen stehe man bereits in intensivem Meinungsaustausch. Industrie 4.0 sei kein Länderkampf, sondern ein Wettbewerb zwischen Anbietern bei gleichen Chancen für alle. Der ZVEI verstehe sich vor allem innerhalb Europas als Innovationstreiber. Es komme innerhalb der EU auf die Industrien in Deutschland, Frankreich und Italien an, weil dort - im Gegensatz zu Großbritannien oder Polen - entscheidungsbefugte Konzernzentralen beheimatet seien.

          „Auf der kommenden Hannover Messe im April 2016 werden wir mehr als einhundert Implementierungen von Industrie 4.0 sehen“, ist Ziesemer überzeugt. Die Industrie habe begriffen, dass sie jetzt Anlagen und Produkte entwickeln muss, die sich durch einen höheren Grad an Digitalisierung und Vernetzung auszeichnen.

          Dass sich der Aufbruch in die neue Welt der Produktion nicht in der Investitionsneigung niederschlage, sei kein Gegenargument zu seinem Optimismus. Investitionen in die Vernetzung oder in neue Dienstleistungen seien keine Ausrüstungsinvestitionen im klassischen Sinn. Die entsprechenden Ausgaben finden sich nach Ziesemers Worten vielfach im Personalaufwand oder im Forschungsaufwand wieder. „In den vergangenen 14 Jahren hat die Elektroindustrie konstant viel investiert - bei gleichzeitiger Verdoppelung ihrer Ausgaben für Forschung und Entwicklung.“ Der Investitionsbegriff müsse an dieser Stelle vielleicht neu definiert werden.

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