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Indische Sojabauern : Wenn der Gott BASF heißt

Der Chemiekonzern hilft den Landwirten - aber nur den Großbauern Bild: dpa

Jedes Jahr trinken 20.000 indische Kleinbauern ihr Insektizid, um sich das Leben zu nehmen. Sie sind überschuldet. Jetzt hat BASF ein Training geschaffen, um den Bauern ertragreichen Anbau beizubringen. Doch das hilft nur Großbauern - und BASF selbst.

          Devansh Sharma lässt eine Silbermünze durch seine Finger gleiten. Edward der Fünfte, 1911. „Mein Glücksbringer, mein Urgroßvater gab ihn mir“, sagt der Achtundzwanzigjährige. „Sie wird mich reich machen.“ Ein gutes Stück des Weges zum Reichtum hat Sharma schon zurückgelegt. Geholfen hat dem Großbauern im mittelindischen Madhya Pradesh dabei ausgerechnet der deutsche Chemiekonzern BASF. Denn der lehrt indische Bauern, wie sie ihre Erträge sprunghaft steigern können. Das wiederum treibt die Landwirtschaft des unterentwickelten Subkontinents voran. Und bringt BASF neue Kunden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die brauchen die Ludwigshafener. Denn während sie weltweit im Pflanzenschutz die Nummer drei hinter Bayer und Syngenta sind, nehmen sie in Indien gerade einmal den zehnten Rang ein. Nun soll „Samruddhi“ helfen. Das Hindi-Wort für Wohlstand steht für ein Programm, das bei seiner Gründung im Jahr 2006 eine Menge Risikobereitschaft und Überzeugungsarbeit verlangte. Eine ganze Armee von Trainern schickt BASF jetzt zu den Bauern, um diese ertragreichen Anbau zu lehren. Zunächst mit Sojabohnen, nun folgen Kartoffeln, dann Chili. „Im nächsten Jahr werden wir schon mit 300.000 Sojafarmern und 50.000 Kartoffelbauern zusammenarbeiten“, sagt Rajendra Velagala, der das Samruddhi-Programm steuert. Für die wirklich großen Saaten wie Reis erprobt BASF zugleich genveränderte Pflanzen auch in ersten Kleinversuchen in Indien. „Da draußen auf den Feldern herrscht brutale Konkurrenz. Die anderen schlafen nicht. Wir kommen nur mit Vertrauen weiter, das wir uns bei den Bauern hart erarbeiten“, sagt Prasad Chandran, der das BASF-Geschäft in Indien leitet.

          Samruddhi könnte sich lohnen - auch für Indien: Denn bis heute leben fast 70 Prozent der Inder von der Landwirtschaft, die immer noch 17 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Während Industrie und Dienstleistungen zweistellig wachsen, legt der riesige Agrarsektor allenfalls 4 Prozent zu. Amerikas Farmer erzielen auf jedem Hektar Ackerfläche 2,9 Tonnen Sojabohnen. Der Weltdurchschnitt liegt bei 2,4 Tonnen. Indien kommt auf gerade einmal 1,1 Tonnen Soja pro Hektar. Und muss 700 Millionen arme Menschen ernähren.

          Das wollen die Ludwigshafener ändern. Zunächst aber säen sie auch Neid. „Ich will auch in das Programm aufgenommen werden. Dann ginge es auch für meine Familie aufwärts“, sagt Ashok Kushwai. Er hat nur ein Acre, gut 4000 Quadratmeter Anbaufläche. BASF aber berücksichtigt vor allem die großen Bauern, die bringen mehr Umsatz und Gewinn. Zwar wirken sie auch als Multiplikatoren. Doch herrscht beim Konzern kein Vertun: „Wir müssen bei dem ganzen Projekt natürlich darauf achten, dass der Profit stimmt“, sagt Velagala. Entwicklungshilfe ist willkommener Nebeneffekt.

          Der Manager bestreitet nicht, dass BASF in Indien die ländliche Gesellschaftsstruktur zu ihren Gunsten verändert: Durch seine Wahl der Samruddhi-Teilnehmer macht der Konzern die Reichen reicher. Die Bettelarmen bleiben, wo sie stehen. Denn nur 8 Prozent der Sojabauern in Indien besitzen überhaupt mehr als 15 Acre Land - sie aber machen 58 Prozent bei den Geförderten des Samruddhi-Programms aus. 55 Prozent der Bauern haben jedoch weniger als 5 Acre und werden von BASF nur zu 6 Prozent berücksichtigt. Der Ernteertrag der geförderten Bauern aber steigt dank der Schulungen und des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln binnen Jahresfrist um rund 40 Prozent. Zudem sind ihre Sojabohnen besser - die Käufer nutzen sie als Saatgut, und zahlen dafür einen höheren Preis.

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