https://www.faz.net/-gqe-127ll

Indische IT-Industrie : Satyam hat sich selbst verkauft

Kiran Karnik, Vorsitzender des Verwaltungsrates von Satyam, sieht das Unternehmen am Beginn einer neuen Ära Bild: AP

Nach dem Skandal um gefälschte Bilanzen war der Datendienstleister Satyam in Schwierigkeiten geraten. Nun hat der Wettbewerber Tech Mahindra 31 Prozent des Unternehmens gekauft. Damit wächst ein neuer Riese am indischen Software-Himmel heran.

          Für den indischen Datendienstleister Satyam Computer Services Ltd. zeichnet sich das Ende seines Leidensweges ab. Am Ostermontag erklärte der Verwaltungsrat von Satyam, der deutlich kleinere Wettbewerber Tech Mahindra Ltd. werde mit 31 Prozent einen bestimmenden Anteil des von seinem Gründer augenscheinlich betrogenen Unternehmens kaufen. Wird das Gebot von den Gremien genehmigt, wird Mahindra ein Angebot für die Übernahme von weiteren 20 Prozent an Satyam vorlegen müssen. Damit dürfte Tech Mahindra zu einem der führenden indischen Datendienstleister aufsteigen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Mehrheit an dem Unternehmen aus der Industriestadt Pune bei Bombay (Mumbai) hält Indiens führender Nutzfahrzeughersteller Mahindra & Mahindra, 31 Prozent liegen in Händen von British Telecommunications (BT). Eigenen Angaben zufolge ist Tech Mahindra der sechstgrößte Exporteur von Datendienstleistungen aus Indien und die Nummer zwei im Geschäft mit Telekommunikationssoftware. Mit rund 25.000 Beschäftigten zählt es aber nicht einmal die Hälfte der offiziellen Belegschaft von Satyam. Der Umsatz von Tech Mahindra ist seit 2001 durchschnittlich um 5,4 Prozent gestiegen, der Gewinn nach Steuern von Quartal zu Quartal um 6,8 Prozent.

          Wahres Marktgewicht noch schwer zu erkennen

          Mahindra hat das höchste Gebot für Satyam abgegeben und damit Konkurrenten für Larsen & Toubro verdrängt. Die Investition scheint Sinn zu machen: Denn während der Geschäftsschwerpunkt von Satyam in Amerika liegt, verdient Mahindra das meiste Geld in Europa. Zwar ist es noch schwer, das wahre Gewicht des zusammengeführten Unternehmens einzuschätzen. Doch dürfte es in die Spitzenklasse der indischen Outsourcing-Industrie vordringen. Denn Satyam galt - vor dem Betrugsfall, der seine Größe verwischte - als Nummer vier unter den indischen Dienstleistern.

          Der Gründer von Satyam, B. Ramalinga Raju, sitzt in Haft, seitdem er zugegeben hat, Bilanzen des Unternehmens gefälscht zu haben

          Satyam selber hatte im Oktober vergangenen Jahres offiziell 53.000 Beschäftigte ausgewiesen. Auf der Liste seiner Kunden standen Cisco Systems, General Electric, Nestlé, Qantas Airways. Zudem ist Satyam offizieller Datendienstleister der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika 2010. Allerdings muss der neue Eigentümer damit zurechtkommen, dass Schadenersatzklagen in Amerika drohen, gute Leute Satyam verlassen und - nach Angaben indischer Medien - Dutzende Auftraggeber Satyam den Rücken gekehrt haben. Auch die Vereinten Nationen haben Satyam auf ihre schwarze Liste gesetzt.

          „Die Auswahl des besten Bieters in einem fairen und transparenten Verfahren signalisiert für Satyam ein neues Stadium auf seinem Weg zu mehr Stabilität und Wachstum. Wir hoffen, sie lässt das Vertrauen unter unseren Kunden wachsen“, heißt es in einer Mitteilung von Kiran Karnik, dem Vorsitzenden des Verwaltungsrates von Satyam. Für Mahindra zahlt dessen Tochterunternehmen Venturbay Consultants Pte. Ltd. 17,56 Milliarden Rupien (286 Millionen Euro) für das knappe Drittel an dem Unternehmen aus Hyderabad.

          Skandal um gefälschte Bilanzen schädigte den Ruf schwer

          Nach der Mitteilung von Satyam erreichte kein anderer Bieter wenigstens 90 Prozent des Gebotes von Mahindra. Je Aktie zahlt Mahindra 58 Rupien. Das ist zwar nur ein Zehntel des Rekordpreises der Aktie im Mai vergangenen Jahres. Aber es sind 23 Prozent mehr als deren Handelspreis am Karfreitag in Bombay. 58 Rupien sind auch der Mindestpreis für den Kauf des weiteren Fünftels der Aktien von Satyam. Das Papier von Tech Mahindra gewann am Montag zwischenzeitlich um 25 Prozent. Durch das Mahindra-Angebot wird Satyam selber mit 1,1 Milliarden Dollar bewertet. Dies ist das erste Indiz für die wahre Größe des Unternehmens nachdem der Betrugsfall um die Besitzerfamilie jede bisherige Einschätzung zunichtegemacht hatte.

          Satyam war in Schwierigkeiten geraten, als sein Gründer B. Ramalinga Raju im Januar völlig überraschend gestand, seit Jahren die Bilanz gefälscht zu haben. Dazu gehörte, dass er Satyam fiktive Vermögenswerte von mehr als einer Milliarde Dollar zurechnete. Seitdem sitzt er in Haft, und ein von der Regierung eingesetzter Verwaltungsrat versucht, die Reste von Satyam zu retten. Dieses Bemühen galt auch der indischen Vorzeigebranche insgesamt - es soll auch den Ruf von Infosys, Wipro und TCS stärken.

          Weitere Themen

          Wie Facebook für Libra werben will

          Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

          Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.

          Topmeldungen

          Wollen beide die Nachfolge von Theresa May als britischer Premierminister antreten: der amtierende Außenminister Jeremy Hunt (rechts) und sein Vorgänger Boris Johnson

          Warnung an Trump : Johnson würde Krieg gegen Iran nicht unterstützen

          Militärische Aktionen gegen Teheran seien keine „sinnvolle Option”, sagt der Favorit auf die Nachfolge von Theresa May. Obwohl er damit Trumps Politik untergräbt, glaubt Boris Johnson an einen schnellen Handelsdeal mit Amerika nach dem Brexit.

          Vor Wahl in Brüssel : So kämpft von der Leyen um Stimmen

          Zu vage und nicht ehrgeizig genug: Für ihren Auftritt vor dem EU-Parlament musste von der Leyen von vielen Seiten Kritik einstecken. Die CDU-Politikerin reagiert mit detaillierten Strategien – vor allem im Klimaschutz. Hilft ihr das so kurz vor der Wahl?

          Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

          Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.