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Indische Investitionen : Rupien für Ostdeutschland

Hoffnung für Brand-Erbisdorf: Die Inder investierten hier Bild: Matthias Lüdecke / F.A.Z.

Nicht nur deutsche Unternehmen gehen in Indien auf Brautschau. Auch der umgekehrte Fall wird häufiger. Zuweilen in überraschenden Regionen.

          Auf dem Marktplatz von Brand-Erbisdorf im mittelsächsischen Erzgebirge haben sich die üblichen Verdächtigen versammelt: der Mützenhändler mit seiner grobgestrickten Ware aus harter, kratziger Schafswolle. Die Frau mit den gebrauchten CDs von Peter Alexander bis Stefanie Hertel. Der Wurstverkäufer mit den erzgebirgischen Spezialitäten. Es riecht nach gegrillten Hähnchen und nach dem Kölnischwasser der Marktbesucherinnen, die durchweg älter aussehen als sechzig Jahre. In der Straße hinter dem Platz reiht sich in den Schaufenstern ein „Zu vermieten“-Schild ans nächste. Die Bahnhofskneipe „Zum Hutten“ ist geschlossen und halb verfallen, auf dem Bahnsteig wuchert das Gras. Hier halten schon lange keine Personenzüge mehr.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Baba Kalyani war all das egal. Der Lenker des indischen Familienkonzerns „Kalyani Group“, der nach eigenen Angaben umgerechnet mehr als 1,8 Milliarden Euro im Jahr umsetzt, hat hier investiert. Ausgerechnet hier in der ostdeutschen Provinz, direkt hinter dem verlassenen Bahnhof, kaufte Kalyani im Jahr 2004 die örtliche Aluminiumschmiede aus der Insolvenzmasse des Unternehmens Carl Dan. Peddinghaus. Dort bauen sie Schwenklager und Querlenker für die Vorderachsen diverser Modelle von Audi, Volkswagen, BMW, Porsche und Ferrari. Bis zu 1,7 Millionen Aluminiumteile verlassen die Fabrik jedes Jahr – ein Markt, in dem sich nur wenige hochspezialisierte Nischenanbieter tummeln.

          Die heutige „Bharat Forge Aluminiumtechnik“ beschäftigt zwar gerade mal hundert Mann; doch mit seinen rund 30 Millionen Euro Jahresumsatz ist der Automobilzulieferer bereits „einer der wesentlichen Arbeitgeber der Stadt“, wie es Dezernent Jürgen Olbrich formuliert. Wer durch das kleine Stadtzentrum von Brand-Erbisdorf geht, sieht das auf den ersten Blick: Hoch ragt die Werkshalle der Aluminiumschmiede hinter den Wohnhäusern auf. Das letzte Überbleibsel einer von Montanindustrie geprägten Vergangenheit, von der ansonsten nur noch eine kleine Bergarbeiterstatue auf dem Marktplatz übrig ist.

          Kennt sich aus mit Aluminium und Indern: Peter Hopp

          Echtes Interesse statt Heuschrecken-Mentalität

          „Für uns ist es ein Riesenglück, dass Baba Kalyani das Werk damals gekauft hat“, sagt Peter Hopp, der die Bharat Forge Aluminiumtechnik heute leitet. Mit dem sicheren Schritt des Ingenieurs führt der 62 Jahre alte Geschäftsführer durch sein Werk. Mit der Routine des Chefs tauscht er die bunte Strickjacke gegen ein dunkles Sakko, bevor er den Mitarbeitern gegenübertritt. Jede einzelne Presse kann er erklären; wann welches Teil auf 520 Grad Celsius erhitzt und im Wasserbecken wieder abgekühlt wird, weiß er aus dem Effeff. Und natürlich kennt er jeden Handgriff jedes einzelnen Arbeiters. Inder allerdings sucht man im Werk vergeblich. Baba Kalyani habe nur seine Rupien gebracht, ansonsten sei alles wie bisher, so sieht es Hopp: „Er kam nicht als Heuschrecke, er kam mit langfristigen Absichten. Er will, dass wir unser Geld hier verdienen und hier reinvestieren.“ Kombiniert mit ostdeutschen Investitionszulagen und fast 30 Prozent geringeren Löhnen als in Westdeutschland, war der Kauf auch für Kalyani ein Sahnestückchen. „Wir haben hier sogar noch die 42-Stunden-Woche“, sagt Peter Hopp. Besser und billiger als in Brand-Erbisdorf könne der „Baba“ die Spezialteile selbst in Indien nicht produzieren. „Deshalb bleibt er hier.“

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