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Indiens Autoindustrie : Vision auf vier Rädern

Die neue indische Kleinwagenhoffnung: der Tata Nano Bild: REUTERS

Indiens Autoindustrie ist auf dem Vormarsch. Nun drängt sie auch in die Entwicklung von Fahrzeugen. Der Softwarekonzern Satyam entwirft am Bildschirm die Zukunft.

          3 Min.

          Mit schwarzem Filzstift haben sie die Zukunft von Indiens Automobilindustrie auf den weißen Pfeiler gekritzelt: Den jungen Ingenieuren im Forschungszentrum hier gilt der Pfosten als Tafel, auf dem sie ihre Ideen im Vorbeigehen verewigen - so lange, bis der Chef mit dem Schwamm kommt und alles von vorn beginnt. "Scheinwerfer wie Augenbrauen", steht da. "Seitentüren, die sich nach oben öffnen", "Sitze die sich um 360 Grad schwenken lassen". Was hier in der Fabriketage im fünften Stock eines schmucklosen Industriebaus im indischen Chennai (Madras) entsteht, ist nicht mehr und nicht weniger als die Vision für eine Automobilindustrie Indiens auf Augenhöhe mit derjenigen im Westen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Erstmals öffnen die Forscher des Institutes für Industrie- und Automobilforschung des indischen Computerriesen Satyam Computer Services Ltd. einen Spalt weit die streng verschlossene Türen zu ihren Labors. Dahinter herrschen Spaß an der Arbeit, beste Bedingungen und der Wille, den Boschs dieser Welt auf Dauer Konkurrenz machen zu wollen. "Heute habe ich in meiner Gruppe 50 Mitarbeiter. In zwei Jahren sollen es etwa eintausend sein", sagt Venkatesh Chandrasekaran. Der 41 Jahre alte Manager leitet die Entwicklungsgruppe für die Automobilindustrie bei Satyam. Für seine Leute ist er ein alter Hase: Das Durchschnittsalter der Entwickler, Ingenieure und Designer von Chandrasekaran liegt bei gerade einmal 26 Jahren.

          Entwicklungszentrum in München

          Die Innovationsgruppe von Satyam sucht mit ihren 12.000 Mitarbeitern nach Lösungen für die Industrie: Für den Flugzeughersteller Airbus etwa entwickelt sie softwaregesteuerte Lösungen, für Chemie-Weltmarktführer BASF macht sie Kundenanalysen, für Automobilhersteller wie Ford arbeitet sie an Logistikprogrammen. Sieben der zehn führenden Automobilhersteller stehen in ihrer Kundenkartei. Schon 2010 soll der Industriesektor ein Drittel zu dem dann erwarteten Satyam-Jahresumsatz von 3 Milliarden Dollar beisteuern. "Von dieser einen Milliarde wird dann etwa die Hälfte aus dem Automobilgeschäft stammen, der Flugzeugbau dürfte 12 Prozent beisteuern", sagt V. Narayanan, der den Bereich leitet.

          Chefplaner Venkatesh Chandrasekaran von Satyam mit Mitarbeiterin
          Chefplaner Venkatesh Chandrasekaran von Satyam mit Mitarbeiterin : Bild: Unternehmen

          "Es gibt zwei Wege für uns, Aufträge zu bekommen: Entweder der Kunde trägt uns ein Problem vor, für das er eine Lösung braucht. Oder aber wir setzen Ideen um, von denen wir wissen, dass es einen Markt für sie gibt." Diesen Weg wollen die Inder nun gerade im Automobilbau einschlagen: So werden sie ein Entwicklungszentrum für die Automobil- und die Flugzeugindustrie in München eröffnen, vor den Toren ihres Kunden BMW. "Wir suchen zunächst nur 10.000 Quadratmeter, aber natürlich können wir das später ausbauen", sagt Narayanan. Durch die Nähe zur deutschen Industrie wollen die Inder nicht nur Umsatz schaffen, sondern auch Kompetenz erlangen.

          Autos komplett am Bildschirm konstruieren

          Sie unter Beweis zu stellen ist auch Ziel ihres wohl ehrgeizigsten Projektes: Chandrasekaran und seine Leute arbeiten an der Studie "Hera FxV". Hinter dem sperrigen Kürzel verbirgt sich der erste Versuch, einen Personenwagen komplett am Bildschirm zu konstruieren. Es geht dabei nicht um Ansicht oder Design - der Wagen soll mit den Teilen aller Zulieferer auf dem Bildschirm praktisch montiert werden. Damit will Satyam mittelfristig seine Entwicklungskompetenz und Softwarestärke nutzen, um die Wertschöpfungskette hinaufzuklettern. "Warum sollen Automobilkonzerne nicht auch die Entwicklung vollständig auslagern", fragt Chandrasekaran.

          Noch völlig offen indes ist die Frage, ob Zulieferer bereit sind, ihre Daten den Indern zur Verfügung zu stellen. Doch für Satyam-Gründer Ramalinga Raju ist die Strategie vorgezeichnet: "Nun ist es an der Zeit für die India Inc., über die reine Auslagerung hinauszuwachsen. Wir wollen künftig Anerkennung erwerben als globales Forschungs- und Entwicklungszentrum, indem wir innovationsgetriebene Dienstleistungen anbieten." Der Softwarekonzern Satyam bringt für diesen Weg ganz besondere Vorrausetzungen mit. Alleine aber hat er sich nicht auf den Weg gemacht, die Wertschöpfung auszubauen.

          Tata kooperiert mit italienischer Design-Fabrik

          So rückt der indische Tata-Konzern - Hersteller des Kleinstwagens Nano und Käufer der Marken Jaguar und Land Rover von Ford für 2,3 Milliarden Dollar - immer näher an die italienische Design-Fabrik Pininfarina SpA heran: Die Inder haben mit den Italienern eine Absichtserklärung für den Bau eines Automobil-Entwicklungszentrums im indischen Pune, östlich der Metropole Bombay, unterzeichnet. Tata werde daran eine Minderheitsbeteiligung halten, erklärte das Unternehmen. Zugleich sind die Inder daran interessiert, sich an der geplanten Kapitalerhöhung über 100 Millionen Dollar von Pininfarina zu beteiligen.

          Damit nicht genug: Indische Zeitungen berichten, Mahindra & Mahindra Ltd., der Hersteller von Nutzfahrzeugen, sei an einem Einstieg im italienischen Designbüro Stile Bertone interessiert. Aus dessen Handschrift stammen Automobillegenden wie Alfa Rome, Aston Martin oder Ferrari. Bertone käme in gute Gesellschaft: Denn erworben hat Mahindra schon das Turiner Designbüro GR Grafica Ricerca Design.

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