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Indien : Infosys auf Europakurs

Hier wird die Software entwickelt: Entwicklungszentrum in Bangalore Bild: Stephan Finsterbusch

Das Unternehmen Infosys gilt als Pionier der indischen IT-Industrie. Vor 30 Jahren begann die Firma in einem Wohnzimmer in Pune. Heute wird sie an der Börse mit 25 Milliarden Euro bewertet und beschäftigt 130.000 Mitarbeiter. Nun will der Konzern das Geschäft in Europa forcieren.

          Die Welt ist flach. Liberalisierung, Deregulierung und technische Entwicklungen rund um Computer und Internet haben Grenzen schwinden und Hierarchien verringern lassen. Das indische IT-Service-Unternehmen Infosys Technologies war einer der Treiber dieser Entwicklung. Nun nimmt der Anbieter auch Europa in den Blick. Hier plant das Unternehmen für die kommenden Jahre eine deutliche Ausweitung seiner Geschäfte.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der auf die Auslagerung von Computerarbeiten spezialisierte Dienstleister peilt an, in den nächsten fünf bis sieben Jahren den Erlös in Europa von heute 22 auf dann rund 40 Prozent des Konzernumsatzes zu steigern. Dazu beitragen sollen neue technische Möglichkeiten (Cloud Computing), eine ambitionierte Wachstumsstrategie, hohe Investitionen, die Einstellung von 30.000 neuen Mitarbeitern im laufenden Geschäftsjahr sowie die anstehenden Wechsel an der Spitze des Managements.

          "Deutschland und Frankreich stehen ganz oben auf unserer Agenda", sagt S. D. Shibulal, der für das Tagesgeschäft verantwortliche Vorstand des Unternehmens, im Gespräch mit dieser Zeitung. Mitte August wird er den Vorsitz des Vorstands übernehmen. In seiner Amtszeit will er Infosys nicht nur auf Wachstumskurs halten. Er will auch den Wandel von einem Anbieter von Dienstleistungen wie Wartung, Verwaltung und Beratung rund um standardisierte IT-Produkte und technische Geschäftsprozesse in Kundenfirmen zu einem Systemintegrator, Softwareentwickler und Anbieter digitaler Plattformen etwa für den Internethandel meistern. Vor diesem Hintergrund spricht Shibulal abwechselnd vom "neuen Infosys" oder "Infosys 3.0".

          Auf dem Werksgelände geht es im Golfkarren ins Nachbarbüro

          Was vor drei Jahrzehnten in einer Wohnung in der westindischen Stadt Pune begann, residiert heute auf einem plantagengroßen Campus in Bangalore, ist ein international aufgestellter Konzern, erlöst im Jahr umgerechnet mehr als 4 Milliarden Euro, hat 130 000 Mitarbeiter und nennt mehr als ein Dutzend moderner Technologieparks sein eigen. Infosys gilt mit seinem Angebot extern erstellter IT-Arbeiten wie der Lohnbuchhaltung und der Betreuung digitaler Geschäftsprozesse für oft Tausende Kilometer entfernte Unternehmen als Inspirator für den inzwischen geflügelten Satz: "Die Welt ist flach." So hat der amerikanische Essayist Thomas L. Friedman das gewinnbringende Geschäftsmodell nach einem Besuch auf dem Infosys-Campus beschrieben.

          Bislang hat sich Infosys auf Nordamerika konzentriert

          In Europa trifft der angehende Vorstandschef Shibulal nun auf Konkurrenten wie die amerikanischen IT-Konzerne IBM und Accenture, T-Systems aus Deutschland und Atos Origin aus Frankreich. Der 56 Jahre alte Physiker und Computerwissenschaftler sitzt in seinem kleinen, mit einem Schreibtisch, zwei Computern, vier halb mit Büchern, halb mit zahlreichen glänzenden Pokalen gefüllten Bücherregal und einer Couch eher spartanisch eingerichteten Büro in der Konzernzentrale in Bangalore. Zu seinen Kunden auf dem Kontinent zählen große und mittelständische Unternehmen, Autohersteller wie Banken, Firmen des Gesundheitswesens wie der Telekommunikation. "Deutsche und französische Unternehmen sind gut aus der Weltwirtschaftskrise gekommen", sagt er. Sie werden nach seiner Einschätzung in den kommenden Jahren an ihrem straffen Kostenmanagement festhalten und verstärkt IT-Arbeiten, die nicht zu ihrem Kerngeschäft zählen, auslagern. Dafür baue Infosys seine Niederlassungen in beiden Ländern aus, stelle neue Mitarbeiter ein und schaue sich um, welche kleineren Wettbewerber sich für Zukäufe eignen.

          Nach Angaben des Beratungshauses Gartner werden in Europa rund 160 Milliarden Euro im Jahr für IT-Dienstleistungen ausgegeben. Davon will Shibulal für Infosys einen größeren Anteil einwerben als bisher. Im vergangenen Jahr erlöste das Unternehmen hier kaum 1 Milliarde Euro. Marktführer IBM setzte mit seinen Dienstleistungen auf dem Kontinent mehr als zehnmal so viel um. Allerdings hat sich Infosys bisher auch ganz auf das Geschäft in Nordamerika konzentriert. Insgesamt haben die Inder ihren Konzernumsatz im vergangenen Jahrzehnt um durchschnittlich 30 Prozent im Jahr gesteigert. Bei einer nur halb so hohen Wachstumsrate in den kommenden Jahren entspräche der für Europa mittelfristig angepeilte Umsatz rund 4 Milliarden Euro.

          Die sensiblen Daten der Wall Street

          Bislang stammen zwei Drittel des Umsatzes von Infosys aus Geschäften mit Kunden in den Vereinigten Staaten. So ist der Konzern einer der wichtigsten Betreuer und Verwalter sensibler Daten- und IT-Strukturen in den Bankhäusern an der Wall Street in New York. Wie die indischen Wettbewerber TCS und Wipro ist auch Infosys seit den neunziger Jahren zu einem führenden Anbieter von IT-Dienstleistungen in Amerika aufgestiegen. Leistungsfähige Datenleitungen, deregulierte Märkte, qualifizierte Mitarbeiter an beiden Enden der Kommunikationskabel machten es möglich, die elektronische Datenverarbeitung über Kontinente hinweg dort ausführen zu lassen, wo sie billiger angeboten wird. Mit der amerikanischen Data Basics Corp als erstem Kunden und einem Data General Minicomputer als erstem Firmenrechner fing die Erfolgsgeschichte von Infosys 1983 an, später folgten Großrechner und Kunden wie General Electric, Reebok und Nortel. Heute arbeitet Infosys für mehr als 600 Kunden in aller Welt. Shibulal ist einer von sieben Gründern, die das Unternehmen im Juli 1981 mit einem Kredit über umgerechnet 200 Euro in einem Wohnzimmer ins Leben gerufen haben. Heute ist Infosys an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq gelistet, der Marktwert beträgt derzeit umgerechnet 25 Milliarden Euro.

          Doch Indiens IT-Industrie steht nach Einschätzung des Beratungshauses Offshore Insight an einer Wegscheide. Einerseits werden die Margen im klassischen Geschäft der IT-Beratung, der Verwaltung und Betreuung technischer Strukturen und Infrastrukturen dünner. Andererseits ändert sich der Anspruch der Kunden. Sie wollen der Analyse der Experten zufolge nicht mehr nur Betreuung und Beratung, sondern auch Lösungen und Umsetzungen, neue Technologien und deren Implementierung, alles aus einer Hand, so rasch und preiswert wie möglich. "Das können wir bieten", sagt Shibulal, der angehende Vorstandsvorsitzende.

          Schnelligkeit und preiswerte Arbeit sind für die Inder nach wie vor wichtige Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt für IT-Service, dessen Volumen sich auf 550 Milliarden Euro beläuft. Indiens große Anbieter TCS, Infosys und Wipro haben einen Marktanteil von rund 7 Prozent, in Europa kommen sie gemeinsam derzeit kaum auf halb so viel.

          Shibulal will künftig mit margenstarken Entwicklungen von Softwareprodukten auf hauseigenen Plattformen punkten. So arbeiten die Entwicklungsingenieure von Infosys an Computerprogrammen für konsumorientierte Endkunden. Über die mit den neuen Angeboten verbundenen Geschäftsmodelle sei noch nicht entschieden. "Wir werden wohl von Fall zu Fall entscheiden, ob wir mit solchen Angeboten unter dem eigenen Label an den Markt gehen oder sie in Lizenz anderen Anbietern zur Verfügung stellen." Die Welt sei flach, sagt er und lacht. Doch noch nicht flach genug.

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