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Indien : Infosys auf Europakurs

Nach Angaben des Beratungshauses Gartner werden in Europa rund 160 Milliarden Euro im Jahr für IT-Dienstleistungen ausgegeben. Davon will Shibulal für Infosys einen größeren Anteil einwerben als bisher. Im vergangenen Jahr erlöste das Unternehmen hier kaum 1 Milliarde Euro. Marktführer IBM setzte mit seinen Dienstleistungen auf dem Kontinent mehr als zehnmal so viel um. Allerdings hat sich Infosys bisher auch ganz auf das Geschäft in Nordamerika konzentriert. Insgesamt haben die Inder ihren Konzernumsatz im vergangenen Jahrzehnt um durchschnittlich 30 Prozent im Jahr gesteigert. Bei einer nur halb so hohen Wachstumsrate in den kommenden Jahren entspräche der für Europa mittelfristig angepeilte Umsatz rund 4 Milliarden Euro.

Die sensiblen Daten der Wall Street

Bislang stammen zwei Drittel des Umsatzes von Infosys aus Geschäften mit Kunden in den Vereinigten Staaten. So ist der Konzern einer der wichtigsten Betreuer und Verwalter sensibler Daten- und IT-Strukturen in den Bankhäusern an der Wall Street in New York. Wie die indischen Wettbewerber TCS und Wipro ist auch Infosys seit den neunziger Jahren zu einem führenden Anbieter von IT-Dienstleistungen in Amerika aufgestiegen. Leistungsfähige Datenleitungen, deregulierte Märkte, qualifizierte Mitarbeiter an beiden Enden der Kommunikationskabel machten es möglich, die elektronische Datenverarbeitung über Kontinente hinweg dort ausführen zu lassen, wo sie billiger angeboten wird. Mit der amerikanischen Data Basics Corp als erstem Kunden und einem Data General Minicomputer als erstem Firmenrechner fing die Erfolgsgeschichte von Infosys 1983 an, später folgten Großrechner und Kunden wie General Electric, Reebok und Nortel. Heute arbeitet Infosys für mehr als 600 Kunden in aller Welt. Shibulal ist einer von sieben Gründern, die das Unternehmen im Juli 1981 mit einem Kredit über umgerechnet 200 Euro in einem Wohnzimmer ins Leben gerufen haben. Heute ist Infosys an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq gelistet, der Marktwert beträgt derzeit umgerechnet 25 Milliarden Euro.

Doch Indiens IT-Industrie steht nach Einschätzung des Beratungshauses Offshore Insight an einer Wegscheide. Einerseits werden die Margen im klassischen Geschäft der IT-Beratung, der Verwaltung und Betreuung technischer Strukturen und Infrastrukturen dünner. Andererseits ändert sich der Anspruch der Kunden. Sie wollen der Analyse der Experten zufolge nicht mehr nur Betreuung und Beratung, sondern auch Lösungen und Umsetzungen, neue Technologien und deren Implementierung, alles aus einer Hand, so rasch und preiswert wie möglich. "Das können wir bieten", sagt Shibulal, der angehende Vorstandsvorsitzende.

Schnelligkeit und preiswerte Arbeit sind für die Inder nach wie vor wichtige Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt für IT-Service, dessen Volumen sich auf 550 Milliarden Euro beläuft. Indiens große Anbieter TCS, Infosys und Wipro haben einen Marktanteil von rund 7 Prozent, in Europa kommen sie gemeinsam derzeit kaum auf halb so viel.

Shibulal will künftig mit margenstarken Entwicklungen von Softwareprodukten auf hauseigenen Plattformen punkten. So arbeiten die Entwicklungsingenieure von Infosys an Computerprogrammen für konsumorientierte Endkunden. Über die mit den neuen Angeboten verbundenen Geschäftsmodelle sei noch nicht entschieden. "Wir werden wohl von Fall zu Fall entscheiden, ob wir mit solchen Angeboten unter dem eigenen Label an den Markt gehen oder sie in Lizenz anderen Anbietern zur Verfügung stellen." Die Welt sei flach, sagt er und lacht. Doch noch nicht flach genug.

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