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In Italien : Ein altes Mittel soll Corona besiegen

Heiß begehrt: Das Desinfektionsmittel Amuchina von Angelini Pharma Bild: Angelini Pharma

In Italien sind die Menschen plötzlich hinter einem starken Reinigungsmittel aus den dreißiger Jahren her. Das „transparente Gold“ beschert seinem Hersteller einen unerwarteten Erfolg.

          2 Min.

          Ausgerechnet ein Produkt mit Wurzeln in den dreißiger Jahren ist derzeit in Italien ständig ausverkauft. Zwar sind in den Supermärkten die Regale weiterhin voll oder wieder aufgefüllt. Doch bei den Reinigungsmitteln gibt es immer wieder eine Lücke. In Drogeriemärkten und Apotheken sieht es ähnlich aus. Die Italiener fragen nach „Amuchina“, und für sie ist das ein allgemeiner Gattungsbegriff für das Desinfektionsmittel. Die Nachfrage ist so groß, dass im Internet schon ein adaptierter Ausschnitt aus der neapolitanischen Mafiaserie „Gomorra“ kursiert, mit zwei Mafia-Bossen, die zueinander sagen, nicht Rauschgift sei im Moment gefragt, sondern „transparentes Gold namens Amuchina“.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          In den ersten zwei Monaten 2020 war die Nachfrage nach Produkten mit dieser Marke doppelt so hoch wie im Vorjahr, berichtet Pierluigi Antonelli, Chef der Herstellerfirma Angelini Pharma. Die Produktion sei ausgeweitet worden. „So lange die derzeitige Viruskrise andauert, werden wir auch die Preise um keinen Cent erhöhen“, sagt Antonelli. Außerhalb der Herstellerfirma komme es aber leider zu Situationen, in denen Amuchina gehortet und dann teuer weiterverkauft werde.

          Das italienische Desinfektionsmittel, mit einem mittleren zweistelligen Millionenumsatz, ist interessanterweise gar nicht mehr im neusten Unternehmensprofil aufgeführt. Denn eigentlich passt Amuchina nicht zu den Perspektiven der Entwicklung des Pharmageschäfts, das sich Antonelli und die in Rom ansässige Gruppe Angelini vorgenommen hatten. Auf den Markt gekommen war die erste Form von Amuchina schon 1939, nach einer Tuberkulose-Epidemie in Italien. Der Name sollte anspielen auf die Entfernung des „Mycobacterium Tuberculosis“. Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte ein Mitarbeiter der Herstellerfirma die Aktivitäten, um sich selbständig zu machen. Amuchina wurde zum Desinfektionsmittel für Krankenhäuser, etwa für chirurgische Geräte oder Dialyseapparate. Zugleich verkaufte man das Mittel auch in der Apotheke, etwa als Wunddesinfektionsmittel.

          Mehr Alkohol als in anderen Mitteln

          Während der Choleraepidemie von 1980 in Süditalien war Amuchina dann auch das Allheilmittel zum Desinfizieren von Obst und Gemüse. Als die Marke und die Produkte schließlich 2000 von der Unternehmensgruppe Angelini gekauft wurden, steckte darin das Potential für vielerlei Anwendungen und Vertriebskanäle. Denn für die italienische Hausfrau, die eine Flasche mit einem Liter Desinfektionsmittel für acht Euro kauft, symbolisiert Amuchina klinische Reinheit. Zu den weiteren Produkten der Marke gehört seit längerer Zeit ein Handgel, das auch garantiert Viren eliminiere und in seiner medizinischen Wirkung zertifiziert ist, sogar von der amerikanischen Aufsichtsbehörde FDA. Dieses Gel ist es wiederum, hinter dem so viele Italiener her sind. Der Inhalt der Amuchina-Flaschen hat dabei nicht mit Hexerei zu tun, die Flüssigkeiten basieren auf einer Chlorlauge. Im Handgel sei aber mehr Alkohol enthalten als anderswo, um den gewünschten Effekt zu garantieren.

          Aus dem unerwarteten Erfolg von Amuchina will Pierluigi Antonelli vorerst nicht mit Expansionsplänen reagieren. Die Marke sei schließlich nur in Italien und etwas in den Vereinigten Staaten bekannt. Der Vertriebsweg über den Supermarkt sei für die Gruppe eigentlich nicht interessant und der Eintritt in neue Märkte sei teuer.

          Antonelli war vor einem Jahr als neuer Chef für Angelini Pharma geholt worden, um einem Hersteller vor allem von Generika neue Impulse zu geben. Dafür holte sich die Gruppe einen Manager mit langer Karriere bei großen Pharmakonzernen, zuletzt mit Stationen als Chef der Onkologie bei Novartis und als Unternehmensberater bei McKinsey. Der Anteil der Forschungsausgaben soll von 5 auf 15 Prozent des Umsatzes wachsen, entsprechend auch die Forschungsabteilung, bisher mit 150 Mitarbeitern. Ziel sei die Entwicklung neuer Medikamente. Wachsen wolle man auch mit Übernahmen oder Kooperationen mit außereuropäischen Unternehmen.

          2019 erzielte Angelini Pharma mit 2750 Mitarbeitern einen Umsatz von 902 Millionen Euro. Zur Gruppe mit 6000 Mitarbeitern und 1,7 Milliarden Euro Umsatz gehören darüber hinaus zwei international agierende Gemeinschaftsunternehmen mit Procter & Gamble, für Windeln und Reinigungsmittel sowie für die Herstellung der Produktionsanlagen für Windeln und Hygieneprodukte.

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