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Blamage in Frankreich : Bahnsteige einen Zentimeter zu breit für neue Züge

Peinliche Panne: 1300 Bahnhöfe in Frankreich müssen umbaut werden. Bild: REUTERS

Tolle neue Züge, aber zu breite alte Bahnsteige: eine Blamage für die französischen Bahn- und Gleisgesellschaften. 1300 Bahnsteige müssen umgebaut werden - wie konnte das passieren?

          Schildbürger gibt es nicht nur in Deutschland. Die zwei staatlichen Bahngesellschaften Frankreichs, der Zugbetreiber SNCF und die Gleisgesellschaft RFF, haben dafür jetzt den Beweis geliefert. Fünf Jahre lang haben sie an einem Großauftrag für Alstom und Bombardier über rund 1900 Regionalzüge gearbeitet, um dann festzustellen, dass die Züge für die Einfahrt in Hunderten von französischen Bahnhöfen um einige Zentimeter zu breit sind. 1300 Bahnsteige müssen daher in den nächsten Jahren verschmälert werden.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Nach Angaben der Unternehmen kostet das 50 Millionen Euro – eine Rechnung, die der frühere Transportminister Dominique Bussereau als eine „totale Unterschätzung“ bezeichnete. „Erst dachte ich, das sei ein Aprilscherz. Jetzt bin ich schockiert. Wir müssen unverzüglich erfahren, wer verantwortlich ist und wer dafür bezahlen wird“, sagte Willy Colin, Sprecher der Vereinigung der Bahnreisenden, Avuc.

          Zu der peinlichen Panne ist es offenbar aufgrund der mangelnden Abstimmung zwischen dem Gleisbetreiber RFF und der Bahngesellschaft SNCF gekommen, wie die Zeitschrift „Le Canard enchaîné“, an diesem Mittwoch enthüllte. Die Gesellschaften geben sich gerne wie dynamische Unternehmen, arbeiten oft aber noch wie schwerfällige Behörden.

          Empörte Ministerin

          Die SNCF erkundigte sich bei der RFF nach den Maßen für die Bahnhöfe. Die Gleisgesellschaft lieferte daraufhin Daten, die sich auf dreißig Jahre alte Informationen bezogen. Viele Bahnhöfe sind aber älter, haben also breitere Bahnsteige und damit weniger Platz für die Züge. Die Rechnung der SNCF, die um 20 Zentimeter verbreiterte Züge bestellt hatte, ging nicht mehr auf. Dabei versäumte es die SNCF aber auch, die RFF-Angaben vor Ort zu überprüfen – als ob sie nur ein seltener Gast der französischen Bahnhöfe wäre.

          Die Unternehmen hatten alle Mühe, den angerichteten Schaden zu begrenzen. RFF-Präsident Jacques Rapoport räumte in einem Radiointerview ein, dass man „das Thema etwas spät entdeckt hat“. Doch Frankreich müsse seine bis zu 150 Jahre alten Bahnsteige ohnehin erneuern. „Wenn man ein neues Auto kauft, dann muss man auch manchmal den Ort umbauen, wo es hinein soll. Das stimmt auch für Flugzeuge und Boote“, sagte Rapoport. Die neuen Züge und Bahnsteige würden auf jeden Fall den Passagieren zugutekommen, denn sie hätten mehr Platz. Zudem seien die Zusatzausgaben von 50 Millionen Euro für die Erneuerung eines Siebtels aller französischen Bahnsteige bei jährlichen Kosten für das gesamte Bahnsystem von 8 Milliarden Euro verkraftbar.

          Der RFF-Präsident führte die Investitionspanne auch auf die jahrelange Trennung von der Bahngesellschaft SNCF zurück. Erst demnächst sollen sie laut Beschluss von Parlament und Regierung wieder unter einem Dach zusammengeführt werden und ein der Deutschen Bahn ähnliches Modell verfolgen.

          Die französische Regierung wollte sich mit dieser Erklärung freilich nicht zufriedengeben. Ségolène Royal, die resolute Ministerin für Umwelt, Energie und Transport, nahm die Manager ins Visier: „Die Verantwortlichen werden dafür bezahlen. Wie kann man nur solche Entscheidungen treffen, die so weit von der Realität vor Ort entfernt sind?“, monierte sie in einem Interview.

          Ein Parlamentsausschuss will RFF-Chef Rapoport und den SNCF-Vorstandsvorsitzenden Guillaume Pépy demnächst vorladen. Die französischen Regionen, die einen Teil der französischen Bahnstrecken finanzieren, schlossen aus, sich an den Mehrkosten zu beteiligen. Rapoport versprach auch, dass die Ticketpreise durch den Schildbürgerstreich nicht steigen werden.

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