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Nach Aufwertung des Franken : Euro-Fighter in den Schweizer Bergen

Kampfpreis gegen die Franken-Aufwertung: Grächen garantiert seinen Besuchern einen Wechselkurs von 1,35 Franken je Euro. Bild: Ullstein

Not macht erfinderisch: Ein Skigebiet im Wallis kämpft mit einem eigenen Wechselkurs von 1,35 Franken je Euro gegen die Besucherflaute an. Das Modell könnte Schule machen.

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          Ein Euro ist ein Franken. Auf diesen Gleichstand haben sich die beiden Währungen eingependelt, seitdem die Schweizer Nationalbank den Franken frei- und den Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro aufgegeben hat. Für die Schweizer Tourismusbranche ist das ein schwerer Schlag. Es war schon immer teuer, in der Schweiz Urlaub zu machen. Jetzt wird der Ausflug in das Alpenland für Gäste aus dem Euroraum zum Luxusgut. „Die Lage ist sehr ernst“, sagt die Direktorin des Schweizer Tourismusverbands, Barbara Gisi. Die ersten Effekte seien schon spürbar: Die Buchungen sind schwach, die Zahl der Stornierungen steigt.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Doch nicht überall herrscht Katzenjammer. In Grächen ist die Welt noch in Ordnung. Grächen ist ein Bergdorf im Kanton Wallis unweit von Zermatt, das vor allem vom Wintertourismus lebt: „Bei uns gibt es bisher keine Stornierungen“, sagt Berno Stoffel. Als Direktor der „Touristischen Unternehmung Grächen AG“ ist Stoffel so etwas wie der heimliche Chef der Gemeinde.

          Und in dieser Rolle bietet er der Schweizer Notenbank die Stirn: Diese mag ja vor Mario Draghis Euroflut kapituliert und den Franken den Märkten zum Fraß vorgeworfen haben. Aber in Grächen, 1600 Meter über Meereshöhe, herrschen andere Regeln. Dort ist ein Euro nicht einen Franken, sondern 1,35 Franken wert. Wie geht das?

          Besserer Kurs für den Familien-Tourismus

          Grächen vermarktet sich als Familienskigebiet. In diesem Segment sind die Kunden besonders preissensibel, weil sich die Kosten für die Sause im Schnee für Eltern mit Kindern sehr schnell zu einer beeindruckenden Summe addieren. Als der Euro im Sommer 2011 so weit sank, dass er nur noch etwas mehr als einen Franken wert war, rutschten die Buchungen in Grächen schlagartig in den Keller.

          Schweizer Tourismus : Eine Branche im Schockzustand

          Doch der Ferienort wollte sich nicht in sein Schicksal fügen. Stoffel trommelte alle zusammen – die Bergbahnbetreiber, die Hoteliers, die Restaurant- und Ladenbesitzer – und entwarf eine Gegenstrategie: Fortan sollten die Urlauber die allermeisten Dinge im Ort in Euro bezahlen dürfen zu einem garantierten Wechselkurs von 1,35 Franken.

          Bei der praktischen Umsetzung dieses kühnen Plans hatte Stoffel einen großen Vorteil: Seine Organisation wurde 2010 eigens mit dem Ziel gegründet, das gesamte touristische Produkt des Ortes einheitlich zu steuern. So sind unter dem Dach der Touristischen Unternehmung Grächen AG alle Bergbahnen, die Berggaststätten, das Tourismusbüro und das Standortmarketing vereint. Aber auch die Skischulen, zwei Drittel der Hotels und die Mehrheit der Einzelhändler im Dorf hätten bei der Aktion mitgemacht, erzählt Stoffel.

          Grächener Unternehmen bezahlen selbst mit Euro

          Als die Notenbank im September 2011 überraschend die Kursuntergrenze von 1,20 Franken je Euro einführte, blieb Grächen trotzdem bei seinem eigenen Kurs von 1,35 Franken. „Daher haben wir unsere Gästezahl stabil halten können, während es in anderen Regionen bergab ging.“ Und jetzt, wo der Franken plötzlich auf ungeahnte Höhen geklettert ist, will Stoffel erst recht Nationalbank spielen und an seinem Wechselkurs festhalten.

          Wer also seine Liftkarte in Grächen in Euro bezahlt, berappt im Vergleich zum offiziellen Wechselkurs derzeit ein Viertel weniger. Allerdings gilt dieses Angebot nur im Januar und dann wieder vom 7. März an. In den Schweizer Winterferien im Februar sei man ohnehin ausgebucht, sagt Stoffel. Dann kommen nämlich vor allem die Schweizer. Über Ostern ist Grächen aber wieder mehrheitlich in der Hand der Deutschen, Holländer und Belgier. Aber rechnet sich das Ganze?

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