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Impfstoffe : Hoffnung im Kampf gegen Malaria

Der Überträger: Anopheles-Mücke Bild: ddp

Mit Unterstützung von Bill Gates hat der Pharmakonzern GSK den ersten Impfstoff gegen die tückische Krankheit entwickelt. Das Mittel könnte Hunderttausenden afrikanischen Kindern das Leben retten.

          3 Min.

          Als der Molekularbiologe Joe Cohen sich daranmachte, einen Impfstoff gegen Malaria zu entwickeln, war Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten und das Internet noch eine Sache für Technikfreaks. Es war das Jahr 1987, und der in Kairo geborene und in Amerika ausgebildete Wissenschaftler arbeitete als Molekularbiologe für den britischen Pharmakonzern Smith Kline.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Fast ein Vierteljahrhundert später ist der Vollbart, den der Forscher trägt, schlohweiß geworden, und er hat Karriere gemacht. Cohen zählt inzwischen zu den Forschungschefs in der Impfstoffsparte des Nachfolgeunternehmens Glaxo Smith Kline (GSK), dem viertgrößten Pharmakonzern der Welt. Und er ist fast am Ziel.

          Der erste Malariaimpfstoff der Welt ist in greifbare Nähe gerückt. RTS,S heißt das Mittel, zu dessen geistigen Vätern Cohen zählt. Wenn er und seine Mitarbeiter nicht noch auf den letzten Metern scheitern, könnte es in wenigen Jahren einen Durchbruch im Kampf gegen Malaria bringen. „RTS,S hat das Potential, jedes Jahr Hunderttausende von Leben zu retten“, sagt der Tropenmediziner Christian Loucq, Direktor der Malaria Vaccine Initiative (MVI). Die von Microsoft-Gründer Bill Gates finanzierte Nonprofit-Organisation arbeitet zusammen mit GSK daran, den Impfstoff zur Marktreife zu bringen. Das 2001 geschlossene Bündnis war das erste seiner Art in der Pharmaindustrie.

          „Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung”: Molekularbiologe Joe Cohen

          Den Patienten fehlt die Kaufkraft

          Dass die Entwicklung von RTS,S so lange gedauert hat, liegt auch daran, dass Forschungsgelder knapp sind. Medikamentenhersteller können mit solchen tödlichen Arme-Leute-Krankheiten kaum Geld verdienen. Den Patienten in der Dritten Welt fehlt dafür die Kaufkraft. GSK ist unter den großen Pharmakonzernen das einzige Unternehmen, das an einem Impfstoff gegen Malaria forscht.

          „Finanziell ist das für Unternehmen eben wenig lohnend“, sagt Joe Cohen. „Wenn überhaupt, dann werden wir daran nur sehr wenig Geld verdienen.“ Warum investiert GSK dann Hunderte Millionen Dollar in diese Entwicklung? „Das ist Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung“, sagt Cohen. Das Unternehmen, das stark auf den wachstumsstarken Pharmamärkten von Schwellenländern expandieren will, hofft wohl auch auf einen Imagevorteil durch sein Engagement gegen Malaria.

          RTS,S befindet sich in der letzten von drei gesetzlich vorgeschriebenen Testphasen für neue Pharmaprodukte. „Wenn ein Medikament so weit gekommen ist, liegt das Risiko des Scheiterns nur noch bei 10 bis 15 Prozent“, sagt GSK-Forscher Cohen. Es sehe gut aus für den Malariaimpfstoff: „Die Ergebnisse der zweiten Testphase machen uns sehr zuversichtlich.“ Nach 28 Jahren Entwicklungsarbeit könnte der Impfstoff, der in den bisherigen Tests die Zahl der Malariaerkrankungen um gut die Hälfte gesenkt hat, 2015 endlich auf den Markt kommen.

          Fast 900.000 Menschen starben 2008 an Malaria

          Lange Entwicklungszeiten sind in der Pharmaforschung nichts Ungewöhnliches, aber Malaria ist nicht nur aus finanziellen Gründen eine besonders schwer zu knackende Nuss. Der Erreger des durch Moskitostiche übertragenen „Sumpffiebers“ ist kein Virus, sondern ein Parasit, und bisher ist es noch nie gelungen, einen Impfstoff gegen Parasiten zu entwickeln. „Sie sind biologisch sehr komplex, und sie können die Immunabwehr des Körpers umgehen“, erklärt Cohen. Die ersten Krankheitssymptome – Fieber, Schüttelfrost und Übelkeit – machen sich meistens ein bis zwei Wochen nach der Infektion bemerkbar. Unbehandelt endet Malaria oft tödlich.

          Die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) schätzt, dass jedes Jahr knapp 250 Millionen Menschen an Malaria erkranken. Im Jahr 2008 starben fast 900.000 Menschen an der Krankheit, die meisten davon Kinder unter fünf Jahren. Während die tückische Krankheit in den reichen Industrieländern längst ausgerottet ist, wütet Malaria trotz Fortschritten vor allem in der Südhälfte Afrikas noch immer. Auch die wirtschaftlichen Kosten sind hoch: Ökonomen schätzen, dass die Volkskrankheit in den besonders stark betroffenen ohnehin armen Ländern das Wirtschaftswachstum um rund 1,3 Prozentpunkte drückt. Es fehlt dort die Infrastruktur der reichen Länder zur Bekämpfung der Krankheit. Zudem ist der Erreger gegen früher wirksame Insektizide und Medikamente resistent geworden.

          Hilfe von Bill Gates

          Als der Impfstoffexperte Joe Cohen von GSK in den achtziger Jahren den Kampf gegen Malaria aufnahm, war Bill Gates noch auf dem Weg, der erfolgreichste Unternehmer der Welt zu werden. Sein Softwarekonzern Microsoft hatte eben erst begonnen, die Computerwelt zu erobern. Es sollte noch eineinhalb Jahrzehnte dauern, bis sich die Wege von Cohen und Gates kreuzten. Heute hat sich der Microsoft-Gründer längst aus der Führung des Unternehmens zurückgezogen. Gates ist mit einem geschätzten Privatvermögen von rund 50 Milliarden Dollar der reichste Mensch der Welt – und er ist mit seiner 30 Milliarden Dollar schweren Bill and Melinda Gates Foundation der mit Abstand größte Philanthrop.

          Eines der Hauptziele der vor zehn Jahren gegründeten Gates-Stiftung ist es, die Malaria auszurotten. Auf den Markt will sich der Unternehmer dabei nicht verlassen (siehe Grafik). Gates drückt das sehr plastisch aus: „Es wird mehr Geld für die Entwicklung von Haarwuchsmitteln ausgegeben als dafür, Mittel gegen Malaria zu finden.“ GSK allerdings hat bisher rund 300 Millionen Dollar in den Malariaimpfstoff RTS,S investiert und rechnet mit weiteren Kosten von mindestens 100 Millionen Dollar.

          Die Gates-Stiftung hat über die Anti-Malaria-Organisation MVI bisher über 200 Millionen Dollar zugeschossen, vor allem für die zurzeit durchgeführte aufwendige dritte Testphase. In dieser wird der Impfstoff in sieben afrikanischen Ländern an rund 16.000 Kindern erprobt. Dass es dazu einmal kommen würde, hat MVI-Chef Christian Loucq lange kaum für möglich gehalten: „Noch vor fünf Jahren haben wir uns gefragt, ob wir jemals einen Malariaimpfstoff haben werden.“

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