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Medizinische Forschung : Wenn das Immunsystem gegen Krebs kämpft

Forschung in einem Labor der Tübinger Biotechgesellschaft Curevac Bild: Picture-Alliance

Pharmakonzerne entwickeln Arzneien, die das körpereigene Abwehrsystem gegen Tumore aktivieren – ein verheißungsvolles Gebiet. Zwei deutsche Unternehmen haben zuletzt besonders auf sich aufmerksam gemacht. 

          Der Vorstandsvorsitzende von Merck&Co. gerät ins Schwärmen, wenn die Rede auf eine der vielversprechenden neuen Entwicklungen in der Arzneiforschung kommt: die Immunonkologie. „Ohne Einschränkung: Das ist eines der aufregendsten Dinge, die in vielen, vielen Jahren in der Medizin passiert sind“, sagte Kenneth Frazier vor kurzem im Gespräch mit dieser Zeitung. „Seit mehr als 50 Jahren gibt es den Traum, dass wir das körpereigene Immunsystem dazu bekommen, Krebszellen anzugreifen – und wir sind jetzt gerade am Beginn.“

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In der Tat: In einer Zeit, in der viel darüber diskutiert wird, ob Pharmakonzerne überhaupt noch echten Fortschritt bieten oder eher Scheininnovationen, ist die Bekämpfung von Krebs eines der Felder mit unzweifelhaft hohem medizinischen Bedarf. In vielen Fällen können Krebspatienten bisher nur auf ein wenig längere Lebenszeit hoffen. Daher spielt die Onkologie für die Pharmaindustrie eine zentrale Rolle – und die Immuntherapie wiederum hat eine zunehmende Bedeutung.

          Der auf Pharmadaten spezialisierte Statistikdienstleister IMS Health prognostiziert mit Blick auf die Onkologie: „Das hohe Aufkommen von Neuerungen in den vergangenen Jahren wird sich fortsetzen und zu den globalen Ausgaben für Krebspräparate beitragen.“ Er schätzt, dass Patienten beziehungsweise Krankenkassen 2018 auf der ganzen Welt etwa 100 Milliarden Dollar dafür ausgeben werden, nach 65 Milliarden Dollar im Jahr 2013. Binnen zehn Jahren hätten sich die Ausgaben dann verdoppelt.

          Bei Krebszellen fehlt dem Immunsystem das Signal

          Zusammen mit Autoimmun- und Atemwegserkrankungen ist Onkologie das Feld, in dem besonders viele medizinische Fortschritte erwartet werden. IMS zählte vor einiger Zeit global 374 Projekte, die in der zweiten von drei Stufen an Menschen getestet werden, sowie 120 in der dritten und letzten Phase. Der Ansatz über das körpereigene Abwehrsystem wird hier eine wichtige Rolle spielen: „Eine Reihe neuer Immuntherapien wird zu wichtigen Bestandteilen im Instrumentenkasten der Krebsbehandlung werden“, sagen Fachleute.

          Herkömmliche Therapien gegen Krebs zielen direkt auf den Tumor ab. Bestrahlung, Herausoperieren oder Arzneien, die sich im Kern bislang in zwei Kategorien aufteilen: die klassische Chemotherapie, die allerdings auch gesunde Zellen attackiert, und neuere Präparate, die gezielt Wachstumsfaktoren in Krebszellen hemmen. Immunonkologische Wirkstoffe sollen nun ganz neue Optionen eröffnen. Forschern geht es darum, wie sie die Fähigkeit des körpereigenen Immunsystems aktivieren können, den Tumor zu bekämpfen. Zum Beispiel wie man jene Signalwege im Körper beeinflusst, die auch Tumorzellen nutzen, um ihrer Erkennung und Zerstörung auszuweichen.

          Um Krankheiten abzuwehren, muss das Immunsystem Erreger und körperfremde Stoffe erkennen und eindämmen, sich dabei aber auch so regulieren, dass es nicht irrtümlich auch gesunde Zellen angreift – wie das bei Autoimmunerkrankungen vorkommt, zum Beispiel Rheuma. Zudem hat das Immunsystem ein „Gedächtnis“, das vor einem neuerlichen Eintreten der Krankheit schützen soll. „Bei der Überwachung von Tumorzellen steht das Immunsystem allerdings vor einer schwierigeren Aufgabe: Bei Krebszellen handelt es sich um körpereigene Zellen“, erklärt der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ). „Der eigene Körper soll jedoch normalerweise nicht angegriffen werden. Daher fehlt dem Immunsystem das eindeutige Signal ,fremd‘ oder ,anders‘ zum Start der Immunreaktion.“ Diese fehlende Reaktion versuchen Wissenschaftler seit langem therapeutisch zu erzeugen.

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