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Dschungelcamp : Ich bin ein Produkt, kauft mich hier ein!

Eigentlich wollen sie sich selbst verkaufen, in Wirklichkeit aber verkaufen die neuen Kandidaten des RTL-Dschungelcamps Waren für andere. Bild: Stefan Menne

Das „Dschungelcamp“ von RTL ist nicht nur bei den Zuschauern ein Erfolg. Auch die Werbekunden schätzen das eklige TV-Format.

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          Es ist noch nicht lange her, da machte man um das „Dschungelcamp“ besser einen größtmöglichen Bogen. Heimlich anschauen, das ging gerade noch so, drüber reden schon weniger. Und in diesem Umfeld einen Werbespot schalten? Auf gar keinen Fall.

          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Ostentativ mied die werbetreibende Wirtschaft die schleimigen Prüfungen, den Madenbefall und das Krokodilpenis-Dinner. Sollten sich doch die anderen daran ergötzen. „Warum will niemand im Dschungelcamp werben?“, fragten besorgte Beobachter aus der Werbebranche – angesichts von Einschaltquoten im Bereich der 50-Prozent-Marke eine durchaus berechtigte Frage.

          McDonald’s und Bahlsen mit an Bord

          Das war einmal. Wenn es um Reklame geht, ist das Dschungelcamp längst der Schmuddelecke des Fernsehens entwachsen. Vor allem Lebensmittelhersteller haben offenkundig kein Problem mehr damit, ihre Produkte in diesem Umfeld anzupreisen. Für die neunte Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, die am Freitagabend startet, holte RTLs Medienvermarkter IP Deutschland sogar den Fastfoodkonzern McDonald’s ins australische TV-Camp. Schon seit längerem treue Kunden sind deutsche Mittelständler wie der Hannoveraner Keksfabrikant Bahlsen und die bayerische Großmolkerei Müller.

          Eine, die das Werben im Dschungelcamp explizit empfiehlt, ist Anja Stockhausen. Sie arbeitet für die Mediaagentur Zenith Optimedia, verteilt die Werbebudgets großer Markenhersteller – und rät zum beherzten Dschungeleinsatz. Was vor allem mit der enormen Reichweite des Formats zu tun hat. Um die acht Millionen Zuschauer waren es zuletzt. Ähnlich viele Menschen wie dort ließen sich sonst allenfalls bei Live-Sport-Ereignissen wie wichtigen Fußballspielen oder der Formel 1 erreichen, aber als Unterhaltungsformat sei das Dschungelcamp Spitzenreiter. „Es ist so wie ,Wetten, dass‘ zu seinen besten Zeiten.“

          Was gestern igitt war, ist heute hip

          Die Kritiker der Sendung mag es irritieren, dass Stockhausen das Format als „Premiumumfeld“ bezeichnet, doch aus der Werbesicht ist es das offenkundig. „Die inhaltlichen Vorbehalte bestehen schon noch“, sagt Stockhausen, „die Kunden fragen sich, ob der Inhalt der Sendung auf ihre Marke abstrahlt.“ Ihre Antwort lautet: Nein, das tut er nicht. Und so rät sie ihren Kunden dazu, „diese unglaubliche Masse“ für sich zu nutzen. Ganz billig ist das nicht, der Preis für 30 Sekunden Werbezeit sei im oberen Bereich des Üblichen angesiedelt, was im Branchenjargon auf Summen von mehr als 50.000 Euro hindeutet.

          Andere hegen ihre Zweifel daran, ob ein Auftritt im Dschungel-Umfeld den Unternehmen und ihren Produkten wirklich auf die Sprünge hilft. Auch wenn immer mehr Intellektuelle dem Reality-Format etwas abgewinnen können und es längst nicht mehr nur um Ekelprüfungen, sondern um spannende Gruppenpsychologie geht: Ihren Ruf kann die Sendung nicht abstreifen. „Es bleibt eben doch eine Maden- und Schrei-Sendung auf Trash-Niveau“, sagte der Geschäftsführer der Werbeagentur „Zum goldenen Hirschen“, Marcel Loko, vor einem Jahr in einem Interview – und sprach von einem „riskanten Umfeld für Markenartikel“. Man könne hier schnell bekanntwerden, aber keine Marke aufladen.

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