https://www.faz.net/-gqe-aebra
Bildbeschreibung einblenden

Corona-Förderung : Der Weg in die Zombie-Wirtschaft

Leere in der Messe Frankfurt: Ohne Unterstützung hätte es allerdings noch mehr Insolvenzen gegeben. Bild: Lucas Bäuml

Die Bundesregierung will die Corona-Hilfen verlängern. Doch nicht alle Geschäftsmodelle haben eine Zukunft. Ökonomen warnen: Die Hilfe könnte mehr schaden als nutzen.

          4 Min.

          Kurz vor der Bundestagswahl gibt die große Koalition noch mal alles: Bis zu 10 Millionen Euro erhalten Unternehmen inzwischen monatlich, wenn sie corona-bedingt unter Umsatzeinbußen leiden. Noch dazu übernimmt der Staat jetzt bis zu 60 Prozent der Personalkosten, wenn Betriebe Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückholen oder neu einstellen. Für Soloselbständige wurde die monatliche Unterstützung von 1250 auf 1500 Euro erhöht. Nicht kleckern, sondern klotzen: Das Versprechen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) Ende Oktober kurz vor dem zweiten Lockdown wird spätestens jetzt eingelöst. Noch sind die Hilfen bis Ende September befristet, doch wahrscheinlich werden sie demnächst ein weiteres Mal verlängert. Sowohl Altmaier als auch Finanzminister Olaf Scholz (SPD) haben das angedeutet. Neuen Unmut von Mittelständlern will in Berlin niemand riskieren.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Dass die Politik Unternehmen helfen muss, wenn sie diese in ihrem Geschäftsbetrieb behindert, ist unter Ökonomen unstrittig. Jedoch auch, dass dies ein temporäres Phänomen bleiben sollte. Davon kann aber kaum noch eine Rede sein. Nach bald anderthalb Jahren im Corona-Ausnahmezustand wachsen die Zweifel, ob es eine Rückkehr zum Vor-Krisen-Zustand überhaupt geben kann. Viele Verbraucher, die während des langen Lockdowns Kleidung, Möbel und Technik statt beim Innenstadthändler online gekauft haben, werden das auch in Zukunft so halten. Ein Teil der Geschäftsreisen wird dauerhaft durch Videokonferenzen ersetzt, zulasten von Fluggesellschaften, Stadthotels und Eventagenturen.

          Erste Ökonomen warnen deshalb, dass es so nicht weitergehen kann. „Die Gefahr, dass wir Unternehmen am Leben erhalten, die wegen des Strukturwandels eigentlich nicht mehr überlebensfähig sind, ist da“, sagt Timo Wollmershäuser, Leiter Konjunkturforschung am Münchner Ifo-Institut. Volkswirtschaftlich sei das keine gute Entwicklung. „Wir verhindern, dass die Ressourcen – Kapital wie Mitarbeiter – in zukunftsträchtigeren Bereichen eingesetzt werden können.“

          „Mit ökonomischer Rationalität hat das nichts mehr zu tun“

          Zombies werden Unternehmen genannt, die sich aus unterschiedlichen Gründen noch am Markt halten, obwohl ihre Erträge über einen längeren Zeitraum niedriger sind als die Zinskosten, die sie für ihre Kredite zahlen müssen. Im vergangenen Jahr schätzte die Wirtschaftsauskunftei Creditreform, dass etwa jedes sechste der 3,5 Millionen Unternehmen in Deutschland ein Zombie werden könnte, mehr als 550.000. Auch wenn die Unternehmen seit Anfang Mai wieder verpflichtet sind, Insolvenz anzumelden, wenn sie zahlungsunfähig oder überschuldet sind, sieht die Auskunftei keinen Grund zur Entwarnung, im Gegenteil: „Durch die massiven staatlichen Hilfen kann sich die Zahl der gefährdeten Unternehmen nochmals um 50.000 bis 100.000 Unternehmen erhöhen“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter Wirtschaftsforschung von Creditreform. „Die Politik überschwemmt den Markt gerade mit Liquidität. Mit ökonomischer Rationalität hat das nichts mehr zu tun.“

          Seit Beginn der Corona-Krise sind nach den Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums mehr als 114 Milliarden Euro an Corona-Hilfen geflossen. Davon waren rund 48 Milliarden Euro Zuschüsse, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Anders als in der Finanzkrise vor zehn Jahren ist die Zahl der Insolvenzen im vergangenen Jahr nicht gestiegen, sondern sogar gesunken. Die Forscher des Ifo-Instituts haben ausgerechnet, dass die staatlichen Hilfen das Insolvenzrisiko um rund ein Viertel reduziert haben. „Statt der knapp 16.000 Insolvenzen im vergangenen Jahr hätten es eigentlich rund 20.500 sein müssen“, sagt Konjunkturfachmann Wollmershäuser. Weder er noch andere Ökonomen rechnen für dieses Jahr mit einem deutlichen Anstieg der Insolvenzen. Dank Überbrückungs-, Neustart- und anderen Hilfen dürften viele Unternehmen weiter am Leben bleiben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vielen Dank für die Blumen: Olaf Scholz am Montag im Willy-Brandt-Haus.

          Gespräche mit der FDP : Scholz’ erstes Machtwort

          Die SPD-Spitze versucht, die FDP gefügig zu machen – doch der Kanzlerkandidat macht deutlich: Sein Stil ist das nicht. Olaf Scholz spricht lieber von Freunden.
          Die Ko-Vorsitzenden Habeck und Baerbock am Montag in der Bundespressekonferenz

          Nach F.A.Z.-Informationen : Grüne wollen Habeck als Vizekanzler

          Mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin sind die Grünen an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert. Nun ist nach Informationen der F.A.Z. klar: Wird die Partei Teil der nächsten Bundesregierung, will sie Robert Habeck zum Vizekanzler machen.

          Wer koaliert mit wem? : Der Wähler als Humorist

          Alle haben verloren, tun aber so, als hätten sie gewonnen: Um die Koalitionsgespräche zu analysieren, braucht es Spieltheoretiker und keine Politologen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.