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VW und der Abgasskandal : Wenn die Werkstatt lockt

Die Autobranche hat in den vergangenen Jahren eine ganze Serie von spektakulären Rückrufen erlebt. Bild: dpa

Amerikas Politik ärgert sich besonders über Volkswagens Abgasmanipulation. Viele amerikanische Autofahrer aber ignorieren die Appelle zum Umrüsten. Für VW ist das ein riesiges Problem.

          Volkswagen hat in Europa mit dem Rückruf seiner vom Abgasskandal betroffenen Autos begonnen. In Amerika zieht sich der Rückruf hin, weil die von VW vorgeschlagene technische Lösung von der Umweltbehörde noch nicht akzeptiert wurde. In den Gesprächen geht es aber auch darum, wie Volkswagen garantieren kann, dass alle Autos in die Werkstatt gebracht werden, die mit der die Abgaswerte manipulierenden Software ausgestattet sind.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Das ist trivial, mag der mit einem Kraftfahrt-Bundesamt in Deutschland lebende Autobesitzer denken. Die Flensburger Behörde erfasst zentral alle Halter und organisiert die Anschreiben. Das ist in Nordamerika nicht so, dort gibt es kein zugängliches zentrales Register. Allenfalls hat der Händler die Adresse seines Kunden, sofern der nicht umgezogen ist oder den Wagen weiterverkauft hat. Zudem wird dem amerikanischen Autobesitzer nachgesagt, er reagiere grundsätzlich lethargisch auf derartige Aufrufe. Das mag im Falle von VW sogar in besonderem Maße gelten, sind die Fahrzeuge doch fahrbereit und verkehrssicher.

          In Deutschland fordert das Kraftfahrt-Bundesamt von Volkswagen eine Erfüllungsquote von einhundert Prozent, und wenn die Umrüstung planmäßig verläuft, wird diese Quote bis zum Jahresende 2016 erreicht werden. In Amerika scheint das unmöglich.

          Eine Reihe spektakulärer Rückrufe

          Die Autobranche hat in den vergangenen Jahren eine ganze Serie von spektakulären Rückrufen erlebt. Ob fehlerhafte Zündschlösser in Autos von General Motors (GM), defekte Airbags von Takata, verrutschende Fußmatten in Toyotas oder eben Volkswagen mit Software zur Manipulation von Abgaswerten: Unternehmen haben sich gezwungen gesehen, Millionen von Fahrzeugen zurückzurufen.

          Aber gerade in den Vereinigten Staaten sind solche Aktionen kein leichtes Unterfangen, denn bei weitem nicht alle zurückgerufenen Autos werden von ihren Besitzern in die Werkstätten gebracht. Die Verbraucherschutzorganisation Center for Auto Safety schätzt den durchschnittlichen Anteil tatsächlich reparierter Autos bei Rückrufen in Amerika auf 75 Prozent und sieht darin ein großes Sicherheitsrisiko: „Wir hätten natürlich am liebsten 100 Prozent, aber alles unter 95 Prozent ist inakzeptabel“, sagt Clarence Ditlow, der Geschäftsführer der Organisation. „Die Industrie müsste mehr tun.“ Auch VW hat daher eine große Herausforderung vor sich.

          In den Vereinigten Staaten ist es die Verantwortung der Hersteller, im Falle von Rückrufen die betroffenen Autos zu finden und zu reparieren. Wie ein Sprecher von GM sagt, haben Autohersteller in Amerika aus Datenschutzgründen keinen Zugriff auf Kraftfahrzeugregister, die beim Auffinden von Fahrzeugen helfen könnten. Wie hoch die erreichten Rückrufquoten sind, hängt nach seinen Angaben vom Alter der Fahrzeuge ab. Bei neueren Modellen seien es oft 90 Prozent, weil diese Autos ohnehin öfter zum Kundendienst in die Werkstatt gebracht würden. Aber bei Autos, die älter als fünf Jahre sind, liege der Anteil bisweilen nur um die 50 Prozent. Das aber ist die Mehrheit, denn das durchschnittliche Alter von Autos in Amerika liegt bei mehr als zehn Jahren. „Diese Autos haben manchmal ihren dritten oder vierten Besitzer, und die sind nicht so leicht zu finden.“

          „Nie abgeschlossen“

          Der Grund dafür, dass Autos nicht in die Werkstätten kommen, liegt indessen nicht nur darin, dass der Besitzer nichts über den Rückruf wusste. Ditlow schätzt, das sei nur in 20 Prozent der Fälle so. Für den Rest kann es viele Gründe geben: „Manchmal haben die Leute einfach andere Sachen im Kopf oder vergessen es wieder. Und wenn sie irgendwo in Texas auf dem Land leben, kann es aufwendig sein, zum nächsten Autohändler zu fahren.“ Der GM-Sprecher sagt, gerade Besitzer älterer Fahrzeuge hätten oft keine Beziehung zu einem Autohändler. Oder sie könnten eine Aufforderung, in die Werkstatt zu kommen, missverstehen und meinen, der Händler wolle ihnen nur ein neues Auto verkaufen.

          In Amerika werden bei Rückrufen durchschnittlich nur drei von vier Wagen in die Werkstatt zurückgebracht.

          GM hat bei seinem Rückruf wegen eines Zündschlossdefekts, von dem viele ältere Modelle betroffen waren, nach Angaben des Sprechers bisher eine Rücklaufquote von 80 Prozent erreicht. Konzernweit liege das Unternehmen sogar bei 85 Prozent und damit an der Spitze der Branche. Dass GM womöglich nicht genug getan habe, um Fahrer zu finden, weist er zurück: „Wir haben alles Mögliche versucht.“ Neben den üblichen Briefen, Anrufen und Appellen über soziale Netzwerke habe GM Geschenkgutscheine für Einzelhändler im Wert von 25 Dollar und Eintrittskarten für Veranstaltungen angeboten, um Autofahrer in die Werkstätten zu locken. Auch sei ein Call Center mit mehr als 70 Mitarbeitern eingerichtet worden, die mit der Aufgabe betraut wurden, Autofahrer zu kontaktieren. Die Bemühungen von General Motors laufen weiter, obwohl der Rückruf vor fast zwei Jahren begann. „Rückrufe werden nie abgeschlossen.“

          Verbraucherschützer Ditlow meint, für VW könnte es noch schwieriger werden, die Besitzer der betroffenen Diesel dazu zu bringen, in die Werkstätten zu kommen, da es hier nicht um ein akutes Sicherheitsrisiko geht. Die Ausgangslage könne sich freilich ändern, wenn VW von Behörden dazu gezwungen würde, den Fahrern einen finanziellen Anreiz zu geben, die Autos reparieren zu lassen. Ein solcher Anreiz kann offenbar funktionieren: Bei GM hat nach den Worten des Sprechers die Aktion mit den Gutscheinen gewirkt und viele Fahrer zum Besuch in der Werkstatt animiert.

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