https://www.faz.net/-gqe-a5png

Stahlindustrie in der Krise : Im Saarland brennt die Hütte

Die Dillinger Hütte im Juni 2019 Bild: Picture-Alliance

Tim Hartmann war mit so viel Macht ausgestattet worden wie bislang kein anderer Stahlmanager an der Saar. Nach seinem Rücktritt soll es nun der ehemalige Thyssen-Manager Karl-Ulrich Köhler richten.

          3 Min.

          Tim Hartmann, der starke Mann der saarländische Stahlindustrie, wirft mitten in der Krise hin. Der Einundfünfzigjährige kündigte nur einen Tag, nachdem der angeschlagene Stahlkonzern Thyssen-Krupp ein neuerliches Sparprogramm und den Abbau von weiteren 5000 Stellen bekanntgegeben hatte, seinen sofortigen Abschied an. Nach Angaben der Montan-Stiftung-Saar legte Hartmann alle Ämter wegen „unterschiedlicher Auffassung über die künftige strategische Ausrichtung nieder“.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Hartmann war erst vor knapp zwei Jahren berufen und mit so viel Macht ausgestattet worden wie bislang kein andere Stahlmanager an der Saar. Seine Aufgaben als Vorstandsvorsitzender sowohl der Saarstahl AG als auch der Dillinger Hütte, zudem die Position als Geschäftsführer der Dachgesellschaft Stahl-Holding-Saar (SHS) übernimmt im Januar Thyssen-Krupps früherer Stahl-Chef Karl-Ulrich Köhler. In der Zwischenzeit sollen die restlichen Vorstände die Geschäfte führen.

          Die Krise bei Thyssen-Krupp und die wiederaufflammenden Debatten über eine Deutsche Stahl AG hätten bei dem Abschied keine Rolle gespielt, sagte Reinhard Störmer, Vorsitzender des Kuratoriums der Montan-Stiftung-Saar, in einer eilends einberufenen Pressekonferenz am Freitag. Die Stiftung ist Eigentümerin beider Unternehmen. Das Thema „neue Aktionäre“ in der Stiftung wird nach Störmers Worten „zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht diskutiert“. Man sei in der heutigen Struktur in der Lage, die Eigenständigkeit der saarländischen Stahlindustrie zu bewahren.

          Freiformschmiede mutierte zum Sanierungsfall

          Vielmehr dringt die Stiftung nach seiner Darstellung auf schnellere Erfolge beim Umbau. Störmer sagte, „wir erwarten eine höhere Umsetzungsgeschwindigkeit“. Nach zwei schlechten Jahren dürfe kein drittes schlechtes Jahr folgen. Zudem habe er ein konkretes Konzept vermisst, wie mit dem „CO2-Thema“ umzugehen sei und wie man damit die Politik adressiere.

          Die Schwesterunternehmen Saarstahl und Dillinger Hütte erwirtschaften zusammen 4,3 Milliarden Euro Umsatz und sind mit 13 000 Beschäftigten noch immer einer der größten industriellen Arbeitgeber des Saarlandes. Vor allem auf Spezialitäten ausgerichtet, sind sie zwar besser durch die Krise gekommen als manch andere. Die Überkapazitäten der Industrie und der billige Importstahl aus China machen dem Duo aber auch erheblich zu schaffen. Zudem hatten die Energiewende und der Schiefergasboom in Amerika Spuren in der Saarstahl-Bilanz hinterlassen und Hartmanns Start erschwert.

          Die für 450 Millionen Euro gebaute Freiformschmiede seiner Vorgänger mutierte zum Sanierungsfall. Hochleistungs-Turbinen und Generatoren für neue Kraftwerke waren nicht mehr gefragt. 2019 machten Saarstahl und die Dillinger Hütte zusammen knapp eine Viertel Milliarde Euro Verlust. Auch 2020 werde „mit Sicherheit nicht besser“, sagte Störmer.

          Saarstahl ist von der Autoindustrie abhängig

          Unter Hartmanns Ägide haben die Unternehmen bereits ein Sparprogramm aufgelegt, dem 1500 Stellen zum Opfer fallen; weitere 1000 sollen ausgelagert werden. Betriebsbedingte Kündigungen hatten beide Konzern aber ausgeschlossen. Diese „Sozialverträglichkeit“ ist freilich auch dem Eigentümer geschuldet, schließlich wurde die Montan Stiftung nach der erste großen Stahlkrise auch deshalb ins Leben gerufen, um die Stahlarbeitsplätze an der Saar möglichst zu halten. Nach der Saarstahl-Insolvenz hatte sich die damalige Landesregierung im Jahr 2001 mit dem Insolvenzverwalter und Industrievertretern auf die bis heute bestehende „Hüttenlösung“ geeinigt.

          Hartmann hatte sich neben dem Sparprogramm und der engen Zusammenführung von Saarstahl und Dillinger Hütte auf den Wandel zu einer grünen, mit Wasserstoff betriebenen Stahlproduktion konzentriert. Versuche, die saarländischen Stahlkocher enger zusammenzuführen, hatte es auch davor immer wieder gegeben.

          Beide stellen bereits gemeinsam Rohstahl her. Eine Fusion ist aber kaum möglich, solange der Stahlkonzern Arcelor-Mittal mit 30 Prozent an der Dillinger Hütte beteiligt ist. Zudem bedienen die Schwesterkonzerne unterschiedliche Märkte: Saarstahl ist mit Drähten und Stahl von der Autoindustrie abhängig. Dillinger Hütte liefert Grobbleche für Rohre und Infrastrukturbauten.

          Von 2001 bis 2009 Thyssen-Krupp-Stahlchef

          Der designierte Nachfolger Köhler, der bereits seit einiger Zeit im Kuratorium der Stiftung sitzt, kündigte am Freitag weitere Kostensenkungen an. Die Integration beider Unternehmen biete noch „synergetische Möglichkeiten“. Er forderte, defizitäre Teilunternehmen auf ihren Fortbestand zu prüfen. Auch weitere Stellen auszulagern nannte er als eine Möglichkeit. Die Holding habe sich zudem das zum Verkauf stehende Grobblechwerk von Thyssen-Krupp in Hüttenheim angeschaut.

          Thyssen will das Werk bis Jahresende verkaufen oder schließen, den 800 Beschäftigten sollen andere Arbeitsplätze im Konzern angeboten werden. Ob die Saarländer ein Angebot abgeben werden, ließ Köhler offen. Der 64-jährige war von 2001 bis 2009 Vorstandsvorsitzender der Thyssen-Krupp Stahlsparte, musste im Streit um ausufernde Kosten für eine neues Werk in Brasilien gehen. Bis 2016 verantwortete er das Europa-Geschäft des Stahlkonzerns Tata Steel. Danach wechselte er als Geschäftsführer zum hessischen Mittelständler Rittal.

          Weitere Themen

          Kahlschlag im Ruhrkonzern

          Thyssen-Krupp in der Krise : Kahlschlag im Ruhrkonzern

          Thyssen-Krupp streicht global weitere 7400 Stellen in diesem Jahr. Erst nach einer drastischen Schrumpfkur, die auch das Herz des Unternehmens im Ruhrgebiet trifft, könnte es besser werden. Konzernchefin Martina Merz spricht von „schmerzhaften Schritten“.

          Topmeldungen

          Corona-Plan der Länder : Jedem sein Weihnachten?

          Das Virus kennt keine Feiertage. Trotzdem wollen die Ministerpräsidenten schon jetzt größere Feiern von Heiligabend bis Neujahr ermöglichen. Diese „Rettung“ könnte sich rächen.
          Wecher Impfstoff soll es sein?

          Ende der Pandemie möglich? : „Den idealen Impfstoff gibt es noch nicht“

          Mehrere Corona-Impfstoffe stehen vor der Zulassung. Aber was können die Vakzine wirklich? Kann die medizinische Exit-Strategie aufgehen? Ein Gespräch mit Professor Stefan H.E. Kaufmann – einem der erfahrensten Immunologen im Land.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.